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Müdigkeit kommt meistens ungelegen.
Müdigkeit kommt meistens ungelegen.(Foto: imago/Westend61)
Freitag, 03. Juni 2016

Reduziertes Schlafbedürfnis: Elektrostimulation vertreibt die Müdigkeit

Wer möchte nicht mit weniger Schlaf auskommen, ohne an Energie und Kraft einzubüßen? Forschern ist das mit einer außergewöhnlichen Methode gelungen. Sie könnte in Zukunft auch Patienten mit übermäßigem Schlafbedürfnis helfen.

Elektroden werden an der Stirn und am Hinterkopf angebracht, jeweils zwei davon. Dann wird der Stromkreis geschlossen und ein schwacher Gleichstrom durch das Gehirn geleitet. Die Probanden merken nur ein leichtes Kribbeln beim An- und Abschalten des Stroms. Die Effekte jedoch lassen aufhorchen: Die Probanden, die kurz vor der Nachtruhe die nicht-invasive Therapie erhielten, benötigten im Schnitt 25 Minuten weniger Schlaf pro Nacht als sonst.

Die Anordnung der Elektroden am Kopf.
Die Anordnung der Elektroden am Kopf.(Foto: Universitätsklinikum Freiburg)

Das Forscherteam des Universitätsklinikums Freiburg stellte außerdem fest, dass das verringerte Schlafbedürfnis durch Elektrostimulation ohne negative Effekte auf Konzentration, Wachheit und Gedächtnisbildung zu beobachten war. Weder in psychologischen Tests noch in ihrer Selbsteinschätzung zeigten die Probanden einen Unterschied zu Vergleichspersonen. Auch die Schlafarchitektur, also die Zusammensetzung von Leicht-, Tief- und REM-Schlaf, die für die nächtliche Verarbeitung von Informationen wichtig ist, blieb unverändert. Die Wissenschaftler untersuchten insgesamt 19 gesunde Frauen und Männern in jeweils fünf Nächten im Schlaflabor. Alle Probanden erhielten vor dem Zubettgehen entweder eine Scheinstimulation oder eine zweimal 13 Minuten dauernde Elektrostimulation mit einer Stromstärke von zwei Milliampere.

Für Schlaganfall und Parkinson-Patienten

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Grundlage dafür, dass Menschen sich wach und ausgeschlafen fühlen, ist eine ausgewogene hohe Aktivierbarkeit des Gehirns. Diese wird durch sogenannte Arousalprozesse im Gehirn gesteuert und lässt sich mit einem Elektroenzephalogramm messen. Bei Patienten mit Parkinson, chronischer Depression und Hirnschädigungen, etwa nach einem Schlaganfall, sind diese Arousalprozesse oft verringert, was ein extrem großes Schlafbedürfnis zur Folge haben kann. Bei vielen Patienten führen die gängigen Therapieverfahren, wie Aktivierungsprogramme und Medikamente, nicht zu einer ausreichenden Besserung.

"Für diese Patienten könnte die Elektrostimulation in Zukunft eine wirksame und gut verträgliche Behandlungsart sein", sagt Professor Christoph Nissen, Ärztlicher Leiter des Schlaflabors an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Eine entsprechende Therapie ließe sich sogar zu Hause durchführen. Die Ergebnisse der experimentellen Studie müssen vor einer breiteren klinischen Anwendung noch weiter auf Wirksamkeit und Sicherheit des Verfahrens untersucht werden.

Erster Patient erfolgreich behandelt

Bei einem chronisch müden Patienten konnten die Ärzte bereits die Wirksamkeit ihrer Methode nachweisen. Der Mann hatte nach einem Bienenstich einen anaphylaktischen Schock erlitten und musste reanimiert werden. In der Folge litt er zehn Jahre lang unter extremer Tagesmüdigkeit. Auf bisher verfügbare Therapien sprach er nicht an.

Im Abstand von einem Monat wurde er an jeweils drei Tagen mit der sogenannten transkraniellen Elektrostimulationen behandelt. Bereits kurz darauf sank sein Bedürfnis, auch am Tag zu schlafen, von 3,5 Stunden an vier Tagen pro Woche auf 2,5 Stunden an weniger als zwei Tagen. "Natürlich handelt es sich um eine Einzelbeschreibung, die sich nicht einfach verallgemeinern lässt. Aber die Verbesserung, die der Patient dadurch nach vielen weitgehend erfolglosen Therapien erfahren hat, lässt die Weiterentwicklung aussichtsreich erscheinen", betont Nissen.

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Quelle: n-tv.de

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