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Die kristalline Struktur des N-Methylamphetamin führte zu dem Namen Crystal.
Die kristalline Struktur des N-Methylamphetamin führte zu dem Namen Crystal.(Foto: dpa)
Freitag, 11. Juli 2014

Fakten und Mythen: Crystal Meth - die unterschätzte Droge

Von Solveig Bach

Der SPD-Innenpolitiker Michael Hartmann räumt ein, das nach dem Betäubungsmittelgesetz verbotene Methamphetamin Crystal Meth erworben und konsumiert zu haben. Er hoffte, damit leistungsfähiger zu sein, so seine Begründung. Doch schon die Idee ist ein gewaltiger Irrtum. 

Crystal gibt es schon ganz lange als Pervitin. Richtig oder falsch?

Richtig und trotzdem falsch. Zwar enthielt das Medikament Pervitin, das unter anderem deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg einnahmen, den gleichen Wirkstoff. Jedoch waren in einer Tablette Pervitin lediglich 3 Milligramm Methamphetamin enthalten. Das Mittel wurde zudem damals oral eingenommen. Heute werden bei der Ersteinnahme durchschnittlich 100 Milligramm kristallines Methamphetamin gesnieft, das entspricht je nach Reinheitsgrad bis zu 70 bis 90 Milligramm reiner Substanz. Gegenüber Pervitin wird also inzwischen die 20- bis 40-fache Dosierung nasal eingenommen. Das heißt, dass die Abbauprozesse über den Magen und die Leber entfallen und der Wirkstoff in sehr kurzer Zeit über die Nasenschleimhäute ins Hirn oder über die Lunge und dann übers Herz ins Hirn gelangt. Insofern ist es der gleiche Wirkstoff, aber trotzdem nicht miteinander vergleichbar.

Crystal macht schlank. Richtig oder falsch?

Richtig und dennoch falsch. Methamphetamin unterdrückt nicht nur Müdigkeit und Schmerz, sondern auch das Hungergefühl. Deshalb wird es in den USA unter anderem bei krankhaftem Übergewicht medikamentös angewendet. Auch Crystal-Junkies verlieren zu Beginn der Sucht zunächst deutlich an Gewicht. Allerdings führt eine häufige Einnahme zu Gewöhnung und schleichendem Wirkungsverlust, der durch die Erhöhung der Dosis zunächst eine Zeit lang noch ausgeglichen werden kann. Dann jedoch tritt wie bei jeder ungesunden Diät der Jojo-Effekt ein und auch Crystal-Nutzer legen wieder deutlich an Gewicht zu.

Crystal ist eher die Droge bildungsferner Schichten. Richtig oder falsch?

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So einfach lässt sich das nicht beantworten. Nach Ansicht des Suchtmediziners Dr. Roland Härtel-Petri liegt dazu kein verlässliches Zahlenmaterial vor. In der ZIS-Studie wurden Menschen, die sich wegen Crystal-Sucht in Behandlung befanden, zwar nach ihren Schulabschlüssen gefragt. Demnach hatten 34,8 Prozent der Befragten einen Hauptschulabschluss, 33,2 Prozent einen Realschulabschluss. Härtel-Petri gibt jedoch zu bedenken, dass man sich fragen müsse, warum die Befragten keinen höheren Schulabschluss gemacht hätten. "Sind sie vielleicht schon in der Schulphase abhängig oder konsumierend gewesen? Wenn jemand mit 14 oder 15 anfängt, dann ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass er das Abitur abbricht und dann hat man ganz schnell gar keinen Schulabschluss. Aus diesen Daten abzuleiten, aus welchen Schichten die Konsumenten kommen, ist schwierig."

Crystal-Abhängige erkennt man am Meth-Mund. Richtig oder falsch?

Die Schädigung der Zähne gehört zu den sichtbarsten Auswirkungen von Crystal. Die Droge sorgt dafür, dass Noradrenalin, Serotonin und Dopamin verstärkt ausgeschüttet werden. Diese Botenstoffe werden normalerweise dann ausgeschüttet, wenn beispielweise ein Mensch in freier Wildbahn einem Löwen gegenübersteht. Diese ständige Alarmbereitschaft führt zu einer Verringerung des Speichelflusses. Der Schutz der Zähne vor Bakterien ist nicht mehr gewährleistet, während eine Anspannung der Muskeln im Wangenbereich zu einem dauerhaften Mahlen der Zähne aufeinander, dem sogenannten Gesichts-Fasching, führt. Außerdem kommt dem Crystal-User das Zeitgefühl abhanden, damit verbunden ist oft die fehlende regelmäßige Zahnpflege. Innerhalb kurzer Zeit kann sich deshalb rasant Karies ausbreiten, es bietet sich das Bild des Meth-Mundes mit abgebrochenen, verfärbten und verfaulten Zähnen. Dennoch ist ein Crystal-User in Deutschland daran nicht unbedingt zu erkennen. Die abschreckenden Vorher-Nachher-Bilder stammen nahezu ausschließlich aus den USA. Dabei werden Menschen abgebildet, die in das "Beuteschema" der Polizei auf der Suche nach Drogenkonsumenten passen. Das sind zumeist Menschen, die eher am unteren Rand der Einkommensskala leben und auch ohne die Sucht wahrscheinlich nicht über eine Krankenversicherung verfügten. In Deutschland mit seiner gesetzlichen Krankenversicherung wird selbst ein Drogensüchtiger mit Zahnschmerzen zum Arzt gehen, dort versorgt und dann kaum dieses Zahnbild vorweisen.

Crystal ist eine leistungssteigernde Droge. Richtig oder falsch?

Prinzipiell richtig, wegen seiner unterdrückenden Wirkung für Müdigkeit, Hunger und Schmerz fühlen sich die User extrem leistungsfähig und euphorisiert. Härtel-Petri beschreibt das so: "Alles, was ich tue, macht mir unendlich Spaß. Ich habe das Gefühl, dass auch einen Kugelschreiber auseinanderzubauen so wichtig ist wie die Welt zu retten. Ich habe ein riesiges Glücksgefühl, ich bin der Größte und Tollste, bin sexuell angeregt." Beispielsweise macht auch das Putzen wahnsinnig Spaß. Vor allem im handwerklichen Bereich, um Überstunden machen zu können und Zuschläge zu kassieren, könnte man die Droge als leistungssteigernd verstehen. Bei intellektuellen Leistungen sieht es jedoch anders aus. "Für Kopfarbeiter mit Verantwortung unter permanenter Beobachtung des Verhaltens ist die Droge völlig ungeeignet", so Härtel-Petri auch mit Blick auf den Fall des SPD-Politikers Michael Hartmann. Auch als Dopingsubstanz taugt Crystal nicht, "da geht es um Leistungssteigerung im Freizeitbereich, um maximale Hedonie". Es sei auch ein Irrtum zu glauben, dass die empfundene und tatsächliche Wirkung tatsächlich identisch seien. Viele User stellten nach dem Rausch fest, dass das, was sie für eine geniale Tätigkeit hielten, bei genauerer Betrachtung kein sinnvolles Ergebnis erbrachte.

Crystal macht oft schon ab der ersten Einnahme süchtig. Richtig oder falsch?

Wahrscheinlich richtig. Da es bisher keine klinischen Studien dazu gibt, lässt sich dies jedoch nicht mit Zahlen belegen. Crystal-Süchtige berichten, dass sie schon nach dem ersten Mal nicht mehr aufhören wollten. Bei anderen Drogen ist der Konsum länger subjektiv kontrollierbar. Vor allem die riesige Euphorie beim anfänglichen Konsum birgt die größte Suchtgefahr. Ein Probier-User "wird einen unendlich tollen Kick haben". Der Kontrast zwischen dem Drogen-Glücksgefühl und dem normal menschlichen Glück ist sehr groß. Doch wenn die Wirkung der Droge nachlässt, folgen depressive und antriebsgestörte Tage. Tage, in denen man trotzdem auf der Arbeit funktionieren muss. "Dann könnte man bereits geneigt sein, es wieder zu nehmen", sagt Härtel-Petri. Zunächst gibt es noch die Illusion der Kontrollierbarkeit, doch dann brauchen die Konsumenten immer mehr Crystal, um die gleiche Wirkung zu erreichen. Der psychischen folgt die körperliche Abhängigkeit, schließlich erreicht man die toxische Phase, in der Nervenzellen absterben.

Crystal ist eine reine Technopartydroge. Richtig oder falsch?

Falsch. Die Einschätzung stammt noch aus Zeiten, als Crystal versehentlich mit Ecstasy gleichgesetzt wurde. Vor allem in der ersten Crystal-Welle Ende der 1990er-Jahre wurde die Droge häufig bei Techno-Partys benutzt. Der ZIS-Studie zufolge nehmen Jugendliche die Droge inzwischen, um allgemein länger feiern oder Computerspielen zu können. In der Schwulen-Szene spielt auch die Verbindung von Crystal-Konsum und Sex zunehmend eine Rolle. Es geht hier also durchaus um Partys, aber eben um Sex-Partys. In England und den USA gibt es bereits offizielle Warnungen, dass die steigenden HIV-Infektionsraten damit zusammenhängen, dass jemand auf Crystal keinerlei Verhütung oder Safer Sex mehr macht. Die wären laut Härtel-Petri auch in Deutschland dringend nötig.

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Quelle: n-tv.de

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