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Fluss im Amazonas-Regenwald in Brasilien.
Fluss im Amazonas-Regenwald in Brasilien.(Foto: REUTERS)

Die "grüne Lunge" wird schwarz: Forscher hören den Regenwald röcheln

Von Roland Peters

Bestätigt sich der Trend der vergangenen drei Jahrzehnte, wird die "grüne Lunge" in Südamerika bald keine mehr sein. Der Überfluss an Kohlendioxid lässt die tropischen Wälder wachsen - aber auch viel schneller sterben. Ein Teufelskreis.

Der Regenwald ist wie ein natürlicher Kohlendioxidfilter der Erdatmosphäre. Bald könnte man schreiben: war. Über 30 Jahre lang haben Forscher die Bäume im Amazonas und der anderen Regenwälder Südamerikas beobachtet, und eindeutige Entwicklungen erkannt. Die Bäume wachsen schneller, doch zugleich steigt die Sterblichkeitsrate unaufhörlich. Das Ergebnis: Seit Ende der 1990er-Jahre hat die Gesamtzahl der lebenden Bäume abgenommen.

Hält der Trend an, könnte der tropische Regenwald in etwa zehn Jahren den Wendepunkt erreicht haben. Die toten Bäume werden mehr Kohlendioxid freisetzen, als es nachwachsende binden. Dies lässt sich aus den Zahlen ablesen, die Forscher in "Nature" veröffentlicht und zuvor an 321 Messstationen erhoben haben, darunter in Brasilien, Bolivien, Ecuador, Kolumbien, Peru und Venezuela.

Die Messstationen sind mit Punkten markiert.
Die Messstationen sind mit Punkten markiert.(Foto: nature.com)

Etwa 350 Milliarden Tonnen CO2 hat der Mensch in den vergangenen sechseinhalb Jahrzehnten in die Welt geblasen, vor allem durch die Verbrennung fossiler Stoffe wie Kohle oder Gas. Die Rechnung erscheint dabei einfach. Je mehr Kohlendioxid in der Erdatmosphäre vorhanden ist, desto schneller geht der Klimawandel voran. Das Wetter wird extrem, Gletscher schmelzen, Stürme fegen über Land und See, Dürren plagen die Vegetation.

Die Erde hat jedoch natürliche Gegenstrategien. Die Ozeane und das Land etwa nehmen immer mehr CO2 auf, seit 1960 hat sich die jährliche Menge verdoppelt. Bis zu sechs Milliarden Tonnen sind es innerhalb von zwölf Monaten. Insgesamt 55 Prozent der Gesamtemissionen des Menschen befinden sich im Wasser und der Erde.

Der Teufelskreis schließt sich

Nun schlagen Forscher für den riesigen CO2-Pflanzenspeicher in Südamerika Alarm, der bisher noch wie eine Bremse für den Klimawandel wirkt. Als mögliche Ursachen für das Baumsterben auf dem Kontinent nennen die Forscher unter anderem mehrere Dürren und Hitzewellen. Tropische Pflanzen vertragen keine Trockenheit. Allerdings seien das eher Einzelereignisse wegen des Klimawandels, relativieren die Wissenschaftler. Als wahrscheinlichsten Hauptgrund geben sie nicht das Wetter, sondern das allgemeine Plus an Kohlendioxid in der Erdatmosphäre an.

Damit schließt sich der Teufelskreis - langsam, aber offenbar unabwendbar. Setzt der Mensch mehr Kohlendioxid frei, lässt das Pflanzen schneller wachsen und sterben. Dann wird das CO2 wieder in die Atmosphäre gegeben, was den Kreislauf beschleunigt.

Während das Land und die Ozeane wie ein CO2-Schwamm funktionieren, nimmt die Leistungsfähigkeit der Regenwälder Südamerikas ab. Die ehemals "grüne Lunge" wird der Menschheit den ganzen Dreck wieder ins Gesicht husten, den sie über Jahrzehnte eingeatmet hat.

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Quelle: n-tv.de

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