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"Antibiotika säckeweise verabreicht": Gesetze sind weiße Salbe

Immer mehr Antibiotika drohen als sichere Therapiemöglichkeit auszufallen, weil Bakterien unempfindlich werden. Das Robert-Koch-Institut spricht von einer "Waffe, die zunehmend stumpf geworden ist". Schuld daran ist die ausufernde Verordnung dieser Medikamente. Für den wissenschaftlichen Berater der Tierrechteorganisation PETA, Edmund Haferbeck, steht fest, dass auch der Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung wesentlichen Anteil an der Entwicklung trägt.

n-tv.de: Nach Angaben des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts (DAPI) haben im Jahr 2009 mehr als 18 Millionen gesetzlich Versicherte Antibiotika geschluckt. Im Schnitt bekam jeder Patient zweieinhalb Antibiotika-Packungen verordnet, Privatrezepte nicht mitgerechnet. Gibt es ähnliche Statistiken, die den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast belegen?

Edmund Haferbeck: Leider kann ich nicht mir aktuellen Werten glänzen. Fest steht aber bereits seit Jahren, dass der Einsatz von Antibiotika weltweit zu über 50 Prozent in die Tiermast geht. Und der Trend ist nicht etwa rückläufig, wie uns staatliche Stellen klarmachen wollen. Obgleich seit 2005/06 als Leistungsförderer in der Tiermast verboten, steigt der Verbrauch von Antibiotika in den großen Betrieben weiter. Die industrielle Massentierhaltung ist für die Pharma-Industrie einer der wichtigsten Märkte weltweit. Mittlerweile belegen auch Studien, dass die in der Tierhaltung eingesetzten Antibiotika durch die Nahrungskette beim Menschen angelangt sind. Der Mensch steht demzufolge unter ständigem Antibiotikaeinfluss.

Ist der Einsatz von Antibiotika die einzige Möglichkeit, Tierkrankheiten zu bekämpfen?

Nein, nicht die einzige, aber die billigste Maßnahme. Antibiotika werden in der Tierhaltung eingesetzt, um selbstverständliche bakterielle Infektionen, die sonst ständig grassieren würden, einzudämmen und zu bekämpfen. Das geht nicht am einzelnen Tier, das setzt man über den gesamten Bestand hinweg ein. Und man macht es regelmäßig, auch wenn die Keimbelastung noch gar nicht den Sprung zur Krankheit überschritten hat.

Werden die Tiere geimpft oder gelangt die Arznei über das Futter zum Einsatz?

Stroh lernen die Tiere in der Massenhaltung nicht mehr kennen.
Stroh lernen die Tiere in der Massenhaltung nicht mehr kennen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Antibiotika werden zumeist über das Trinkwasser verabreicht. So soll die Schwelle der bakteriellen Belastung heruntergedrückt werden, um nicht wachstumshemmend zu wirken. Belastete Tiere wachsen langsamer als solche, die ihre eigenen Energien zur Bekämpfung von Bakterien einsetzen müssen. Wir sprechen hier von einem leistungsfördernden Prinzip.

… das, wie Sie eingangs sagten, seit 2005 verboten ist.

Die Antibiotika werden den Tieren einfach über das Trinkwasser zugeführt. Wir reden hierbei nicht von Trinkgefäßen, sondern von den Zuleitungen. Dafür sind die Anlagen in den modernen Stallungen bereits bautechnisch ausgelegt. Bei Beständen von tausenden wird kein Tier mehr einzelnen behandelt. All bekommen die gleiche Betreuung – die gleiche schlechte Betreuung.

Hat denn das Tier die Medikamente bereits verarbeitet, bevor es in den Nahrungskreislauf des Menschen gelangt?

Nein, die Karenzzeiten von der letzten Antibiotika-Eingabe bis zur Schlachtung werden selbstverständlich nicht eingehalten. Das würde den gestaffelten Wachstumsverlauf in der Anlage gefährden. Das wird auch deshalb nicht eingehalten, weil nie etwas eingehalten wird in der industriellen Mast. Da können Sie so viele Gesetze erlassen, wie Sie wollen.

Schaut niemand den Produzenten auf die Finger?

Hin und wieder werden solche Skandale von uns aufgedeckt. Wenn wir unangemeldet in diese Betriebe gehen, dann finden wir kiloweise, ja säckeweise reine Antibiotika wie beispielsweise Aviapen vor. Im Grunde werden die Tiere vom ersten Tag an mit Antibiotika vollgepumpt. Und das geht so bis zum Schlachtende. Kontrollen staatlicher Behörden führen zu nichts. Auf dem Lande gibt es ein feines Informationsnetz, das über bevorstehende Besuche informiert. Für die Bestandstierärzte ist es das große Geschäft, wenn sie ihre Mittel verkaufen können. Im Grunde genommen tun sie nicht einmal was Verbotenes, denn sie handeln aus therapeutischer Sicht. Irgendein krankes Schwein, Huhn oder Pute wird sich immer finden, um den Breitbandeinsatz der Medikamente zu rechtfertigen.

Wer kontrolliert die Tierärzte?

Dr. Edmund Haferbeck.
Dr. Edmund Haferbeck.(Foto: PETA)

Niemand. Da gibt es keine höhere Stelle oder Behörde, bei der sie über den Einkauf ihrer Medikamente Rechenschaft ablegen müssen. Diese Leute haben allein auf Grund ihres ärztlichen Status' die Möglichkeit, ohne Einschränkungen solche Antibiotika einzukaufen und an ihre Landwirte weiterzureichen. Der Einsatz der Medikamente wird in der Massentierhaltung auch nicht mehr unter tierärztlicher Betreuung vorgenommen. Wenn Sie mich fragen, würde ich sagen, dass die wirklich vielen und auch guten Gesetze, die wir in Deutschland haben, vor allem eine "weiße Salbe" für die Verbraucher sind. Die Menschen können so das Märchen der Lebensmittelsicherheit besser schlucken.

Ich bin bislang davon ausgegangen, dass man hier in Deutschland durch ein fein gesponnenes Kontrollnetz die Tierproduktion im Griff hat. Nun höre ich von Ihnen, dass es scheinbar einen systematischen Betrug gibt.

So ist es schon immer, ich kann da nichts schönreden. Ich beobachte das Geschehen seit 30 Jahren. Mein Spezialgebiet als Agrarwissenschaftler ist die Tierproduktion und ich kann Ihnen sagen, dass man in Deutschland nichts, was mit Nutztierhaltung zu tun hat, im Griff hat. Ich rede sogar von organisierter Kriminalität. Hier geht es um weltweit agierende Konzerne, denen es völlig egal ist, was mit ihren Tieren passiert. Sie betrachten sie als Ware, die funktionieren muss. Da geht es um Profite, um 15 Prozent, die aus den Tieren herausgeholt geholt werden müssen. Und da ist es völlig egal, auf welche Weise der Profit erzielt wird.

Was kann der Verbraucher tun?

Erst einmal kein Fleisch mehr. Damit würde man auch sich selbst etwas Gutes tun. Fangen wir aber eine Stufe darunter an, heißt die klare Botschaft: Man kauft kein Fleisch beim Discounter. Man kann nicht für 1,99 ein Hähnchen kaufen und glauben, man nimmt ein Lebensmittel zu sich. Wenn Fleisch sein soll, dann nur Bio oder Fachgeschäft. Das Kostenargument darf nicht länger gelten. Natürlich muss ein gesund gewachsenes Stück Fleisch aus artgerechter Haltung teurer sein als eins aus der industriellen Produktion. Wenn man darüber schimpft, dass das so teuer ist, soll man eben gar kein Fleisch kaufen. Wenn mittlerweise selbst der Boulevard die vegetarische Küche entdeckt, Bestseller zu dieser Thematik in den Buchläden zu haben sind, dann sollte das deutlich machen, wie weit das Problem bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Quelle: n-tv.de

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