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Hosen runter! Erst wenn es zur Impotenz kommt, gehen die meisten Männer zum Arzt.
Hosen runter! Erst wenn es zur Impotenz kommt, gehen die meisten Männer zum Arzt.(Foto: REUTERS)

Gute Diagnose für Veränderungen: "Impotenz ist ein Krankheitsvorbote"

Männer gelten in Bezug auf ihre Gesundheit als nachlässig. Sie werden als Vorsorgemuffel bezeichnet und tatsächlich sterben sie im Durchschnitt fünf Jahre früher als Frauen. Warum das so ist und weshalb Impotenz ein hilfreicher Anfang sein kann, mehr für die Gesundheit zu tun, erklärt Frank Sommer, der weltweit erste Professor für Männergesundheit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit in einem Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Männer kümmern sich nachweislich viel weniger um ihre Gesundheit als Frauen. Woran liegt das?

Prof. Sommer: Die weit verbreitete Meinung, dass Männer nicht krank sind, hält sich wacker in unserer Gesellschaft. Krankheit wird bis heute von den meisten Männern mit Schwäche gleichgesetzt. Und welcher Mann will schon schwach sein?

Müssen denn Männer bis heute stark sein oder gibt es einen Wandel im Selbstbild des Mannes?

Männer, die sich um ihre Gesundheit kümmern, gelten bisher als schwach. Das soll sich ändern.
Männer, die sich um ihre Gesundheit kümmern, gelten bisher als schwach. Das soll sich ändern.(Foto: picture alliance / dpa)

In den letzten 20 Jahren hat sich für Männer so viel verändert, so dass auch das Selbstbild des Mannes ein anderes werden musste. Vor 20 oder 30 Jahren hatte der Mann im Wesentlichen eine Funktion: Er musste dafür sorgen, dass die Ökonomie zu Hause stimmte. Heute sind die Erwartungen, die an den Mann gestellt werden, aber auch die, die ein Mann selbst an sich stellt, wesentlich differenzierter. Wenn Kinder da sind, so sollen Männer treusorgende und engagierte Väter sein, zudem soll Mann als Partner sensibel und einfühlsam sein und zum dritten soll der Mann auch im Beruf immer noch "seinen Mann stehen". Das ist ein immenser Spagat, den Männer heute machen müssen, um ihrem Selbstbild zu entsprechen. Aus psychologischer Sicht kann daraus ein immenser Druck entstehen.

Sind die Ansprüche der Männer so hoch, dass sie sich deshalb nicht um ihre Gesundheit kümmern können?

Nein! Es liegt nicht an den Belastungen oder am gewandelten Selbstbild von Männern, dass sie ihre Gesundheit vernachlässigen, sondern daran, dass sie sich gesund und stark fühlen wollen. Es gibt eine internationale Studie, die in sieben verschiedenen Ländern durchgeführt wurde. Dafür mussten die Probanden Fragen beantworten, wie gut und wie gesund sie sich fühlen. Die Befragten waren zwischen 40 und 70 Jahre alt. Egal in welcher Altersgruppe sie die Antworten der in Deutschland Befragten angeschaut haben: 78 bis 93 Prozent aller Männer fühlten sich nach eigenen Aussagen gut bis extrem gut. Dann sind diese Männer medizinisch untersucht worden und mindestens die Hälfte hatte katastrophale medizinische Ergebnisse.

Woran liegt das?

Das ist ganz einfach. Die meisten Männer lassen es einfach – in ihren Gedanken - nicht zu, dass es ihnen schlecht gehen könnte. Männer gehen erst zum Arzt, wenn der Arm abfällt. Ich kann Ihnen ein Beispiel aus meiner Sprechstunde geben. Ich habe einen beruflich erfolgreichen Patienten, der zu mir mit einer kompletten Einschränkung in der Schulter kam und den ich sofort zu einem Orthopäden überwiesen musste. Nach der Untersuchung durch den Orthopäden wurde der Patient sofort in ein Krankenhaus eingewiesen und musste operiert werden. Die Bewegungseinschränkung war schon mehr als ein Jahr alt und der Patient selbst hatte erzählt, dass er mit dieser Verletzung sogar Golfspielen war. Unglaublich für mich, wie der Mann ein ganzes Jahr mit dieser körperlichen Einschränkung bewältigt hat. Er muss das Problem mental vollständig weggedrückt haben und zwar so lange, bis es ihm nicht mehr möglich war. Das ist jetzt zwar ein krasses Beispiel, aber so ähnlich kann man sich das Innenleben von Männern vorstellen.

Ist das der Grund, weshalb Sie Professor für Männergesundheit und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit sind?

Ja, denn Männer müssen insgesamt mehr Bewusstsein für ihre Gesundheit bekommen. Es ist wichtig, zu zeigen, dass man ein starker Mann ist, wenn man sich aktiv um seinen Körper und dessen Gesunderhaltung kümmert. Kampagnen sollen helfen, die Vorstellung von Schwäche aus den Köpfen zu bekommen. Männer müssen zumindest ihre Werte wie beispielsweise Cholesterin, Zucker, Testosteron und ihre Herzfrequenzen kennen, körperlich aktiv sein und auf ihre Ernährung achten. Das entspricht meinem Bild eines modernen und verantwortungsvollen Mannes. Der regelmäßige Besuch beim Arzt – zur Prävention von Erkrankungen - sollte nicht erst mit 40 Jahren beginnen, sondern regelmäßig ab dem 25. Lebensjahr.

Wieso so früh? Die Krankenkassen bieten erst ab dem 35. Lebensjahr regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen an.

Während einer Musterung.
Während einer Musterung.(Foto: picture alliance / dpa)

Das stimmt, aber mit dem Aussetzen der Wehrpflicht fällt auch die Musterung für ganz junge Männer weg. Das kann Probleme mit sich bringen, denn die Musterung war für Männer die letzte flächendeckende "Vorsorge"-Untersuchung in jungen Jahren. Häufig wurden dabei Erkrankungen entdeckt, von denen die Betroffenen nichts wussten und die dann behandelt werden konnten. Anstelle der Musterung sollte es für alle jungen Männer eine ähnliche Untersuchung geben, denn sonst entsteht eine riesige Vorsorgelücke. Die meisten männlichen Jugendlichen gehen mit 15 oder 16 Jahren das letzte Mal zu einer Untersuchung. Wenn wir Glück haben, dann kommen die Männer mit 40 Jahren wieder zum Arzt. Dazwischen vergehen 25 Jahre oder mehr und die Männer sind gar nicht mehr gewohnt, zu einem Arzt zu gehen. Viele Frauen dagegen nehmen die jährliche Untersuchung bei ihrem Gynäkologen wahr. So kann bei den Frauen erst gar nicht eine so große Vorsorge-Lücke entstehen und der Arztbesuch bleibt im Bewusstsein.

Männer drücken ihre körperlichen Beschwerden weg. Wie sieht es mit psychischen Beschwerden aus?

Auch bei psychischen Erkrankungen reagieren Männer anders als Frauen. Das zeigt zum Beispiel die – leider – so hohe erfolgreiche Selbstmordrate bei Männern. Diese ist bis zu 20 Mal größer als die von Frauen. Männer schaffen Fakten, wie zum Beispiel Robert Enke, und sehen in den meisten Fällen keinen Ausweg. Auf die Idee, sich Hilfe zu holen, kommen sie meistens gar nicht. Aber nicht nur die Männer selbst ticken so. Auch viele Ärzte nehmen die psychischen Beschwerden von Männern weniger ernst als die von Frauen. Wir haben mal eine Untersuchung gestartet und zwei männliche und zwei weibliche Schauspieler zu Ärzten und zur Ärztinnen geschickt. Dort haben die Schauspieler die gleichen Symptome geschildert und dabei die gleiche Mimik verwendet. Das Ergebnis war, dass bei Frauen ein Burn-out bzw. eine Depression drei Mal häufiger diagnostiziert worden war als bei den Männern. Den meisten Männern wurde lediglich zu einer vierzehntägigen Auszeit geraten, egal ob die vermeintlichen Patienten bei einem Arzt oder bei einer Ärztin waren. Das zeigt, dass auch bei vielen Ärzten die Bereitschaft nicht vorhanden ist, Männern ein Burn-out oder auch depressive Veränderungen zuzugestehen.

Wo sehen Sie denn den Ausweg aus dieser Misere?

Rauchen kann auch zu Impotenz führen. Unter den impotenten Männern befinden sich doppelt so viele Raucher wie Nichtraucher.
Rauchen kann auch zu Impotenz führen. Unter den impotenten Männern befinden sich doppelt so viele Raucher wie Nichtraucher.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir Männer am besten abholen können, wenn sie am wundesten Punkt ihres Mannseins getroffen werden – nämlich in ihrer Potenz. Wenn ein Mann also Erektionsstörungen hat und in einer Beziehung lebt, dann fühlt er sich so unglaublich beschämt, dass der Leidensdruck enorm groß ist. Es scheint genetisch determiniert zu sein, dass sich die meisten Männer über ihre sexuelle Potenz definieren. Impotenz kann zudem in einer intakten Beziehung nicht lange verheimlicht werden. Die meisten Männer mit erektiler Dysfunktion fühlen sich schlecht und krank. Der Leidensdruck ist schließlich so groß, dass der Mann doch zum Arzt geht.

Und dann?

Über die erektile Dysfunktion hat man die Chance, den Gesundheitszustand von Männern in vielen Bereichen zu klären. Die kleinsten Gefäße im Körper eines Mannes sind im Penis. Die haben einen Durchmesser von ein bis zwei Millimetern. Im Vergleich dazu haben die Herzgefäße drei bis vier, die Beingefäße sechs bis acht und die Halsschlagader zwischen vier und sechs Millimeter Durchmesser. Daran können Sie sehen, dass bei Schlaganfall oder Herzinfarkt betroffene Blutgefäße wesentlich größer sind als die Blutgefäße im Penis eines Mannes. Wir können also mit einer speziellen Ultraschall-Untersuchung feststellen, ob die Blutgefäße bei einer erektilen Dysfunktion betroffen sind. Das wiederum lässt uns Aussagen darüber machen, ob es ein Risiko gibt, dass der Mann in den nächsten vier bis acht Jahren einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall bekommt. Wir haben mit dieser Methode also ein Verfahren, bei der wir Vorboten dieser oftmals tödlich verlaufenden Ereignisse erkennen können. Zudem machen wir bei Männern mit Impotenz eine Blutuntersuchung, bei der wir den Fettstoffwechsel überprüfen oder beispielsweise Diabetes feststellen können.

Potenzprobleme können also ein Vorwarnzeichen für einen Herzinfarkt sein?

Frank Sommer ist weltweit der erste Professor für Männergesundheit.
Frank Sommer ist weltweit der erste Professor für Männergesundheit.

Richtig, aber Potenzstörungen können auch mit anderen Erkrankungen zusammenhängen. Es gibt eine großangelegte Studie, in der festgestellt wird, dass 23 Prozent der Männer, die Erektionsstörungen haben, gar nicht wissen, dass sie eine Vorstufe von Diabetes oder Diabetes haben. Wenn also die Ursache von Impotenz auf diesen Ebenen zu finden ist, dann lassen sich die  Männer auch helfen. Zunächst wird beispielsweise der Diabetes behandelt und der Lebensstil verändert, dann klappt es auch bald wieder sexuell. Das Gute an der erektilen Dysfunktion ist, dass Männer eine große Bereitschaft haben, ihren Lebensstil auch wirklich maßgeblich zu verändern, um sich wieder als ganze Männer zu fühlen.

Mit Professor Frank Sommer sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de

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