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Der Alterungsprozess des Menschen ist nicht typisch für alle Lebewesen.
Der Alterungsprozess des Menschen ist nicht typisch für alle Lebewesen.(Foto: imago stock&people)

Ausnahme in der Natur: Menschen altern anders

Hohe Fruchtbarkeit in der Jugend und steigende Mortalität im Alter - die vertraute Entwicklungskurve des Menschen scheint ein Sonderfall der Schöpfung zu sein. Bei den Alterungsprozessen der Lebewesen unserer Erde zeigt sich eine überraschende Vielfalt.

Wenige Lebewesen altern wie der Mensch. Wie ein internationales Forscherteam berichtet, steigt mit zunehmendem Alter nicht zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit zu sterben, während die Chancen, sich fortzupflanzen, sinken. Es gebe unter Tieren, Pflanzen und Algen eine viel größere Vielfalt der Alterungsprozesse als bisher vermutet, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Nature".

Owen Jones vom Max-Planck Odense Center on the Biodemography of Ageing (Odense/Dänemark) und seine Mitarbeiter hatten die Lebensverläufe bei elf Arten von Säugetieren, zwölf anderen Wirbeltieren, zehn Wirbellosen, zwölf Gefäßpflanzen und einer Blaualge studiert. Sie betrachteten die Entwicklung der Arten, nachdem diese jeweils ihr fortpflanzungsfähiges Alter erreicht hatten. An der Untersuchung waren auch Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock beteiligt.

Unterschiede in Mortalität und Fruchtbarkeit

Beim Menschen zeigte sich die vertraute Entwicklungskurve: Mit zunehmendem Alter steigt die Mortalität, also die Sterbewahrscheinlichkeit, an. Dass dieser Verlauf aber nicht typisch für alle Lebewesen ist, zeigte zum Beispiel der Vergleich mit der kalifornischen Gopher-Schildkröte (Gopherus agassizii). Bei dieser Art nimmt die Wahrscheinlichkeit, zu sterben, mit dem Alter für eine gewisse Zeit ab. Bei einer Eichenart (Quercus rugosa) steigt die Mortalität zunächst an, bleibt dann aber konstant.

Eine ganz ähnliche Variabilität fanden die Forscher im Bezug auf die Fortpflanzungsfähigkeit der Lebewesen. Beim Menschen ist die Fruchtbarkeit im jungen Erwachsenenalter am höchsten, sie nimmt dann nach Erreichen eines Maximums rapide ab. Anders beim Silbersturmvogel (Fulmarus glacialoides) oder beim Australien-Krokodil (Crocodylus johnsoni): Bei ihnen nimmt die Fruchtbarkeit stetig zu. Bei dem Süßwasserpolypen Hydra magnipapillata bleibt sie im Verlauf des Lebens konstant.

Beim Menschen fanden die Forscher trotz gleichbleibender Tendenz eine deutliche Veränderung der Lebenskurve im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts. Im Vergleich zu Menschen, die 1881 in Schweden geboren wurden, zeigen Daten von Frauen aus Japan eine viel steilere Mortalitätskurve – die Wahrscheinlichkeit, zu sterben, bleibt länger auf niedrigem Niveau und steigt dann rapide an. Diese Entwicklung beruhe nicht auf genetischen Veränderungen, sondern sei vermutlich auf veränderte Umweltbedingungen und ein verändertes Verhalten zurückzuführen, etwa auf eine verbesserte medizinische Versorgung.

Angesichts ihrer Ergebnisse warnen die Forscher vor einem anthropozentrischen Blick bei der Untersuchung von Lebensverläufen und Alterungsprozessen verschiedenster Lebewesen. Der Mensch, insbesondere der moderne Mensch, sei in dieser Hinsicht ein extremer Sonderfall.

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Quelle: n-tv.de

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