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Narben bleiben ein Leben lang.
Narben bleiben ein Leben lang.

Unkontrolliertes Wachstum von Gewebe: Narben bleiben ein Leben lang

Ob groß oder klein: Narben gehören zum Leben dazu. Jeder Erwachsene hat gleich mehrere davon. Die Stellen am Körper entstehen, wenn die Haut bis in die Tiefe beschädigt wurde - also auch nach Operationen. Narbengewebe unterscheidet sich jedoch gut sichtbar von der umliegenden unverletzten Haut. Warum das so ist und was alles nicht im Narbengewebe vorhanden ist, erklärt Thomas Dirschka, praktizierender Dermatologe in Wuppertal.

n-tv.de: Wann genau kommt es zur Narbenbildung?

Thomas Dirschka: Narben treten immer dann auf, wenn die sogenannte Lederhaut verletzt wird. Die anschließende Reparatur verläuft so, dass der alte Zustand nicht mehr hergestellt werden kann – es entsteht eine Narbe. Dabei ist das Kollagen, also der Stoff, aus dem die Lederhaut hauptsächlich besteht, irregulär angeordnet. Die alte parallele Ausrichtung der Kollegenfaserbündel besteht nicht mehr. Interessanterweise ist in der Embryonalzeit noch eine narbenfreie Heilung bei Verletzung der Lederhaut möglich. Dieses Wissen eröffnet interessante Perspektiven für die sogenannte pränatale Chirurgie.

Narbengewebe ist nicht vergleichbar mit normalem Hautgewebe. Was ist anders?

Zum einen sind die Kollagenfaserbündel nicht geordnet, sondern durcheinander. Sie wachsen quasi unkontrolliert in die Verletzung ein und zerstören dabei Haarfollikel, Talg- und Schweißdrüsen. Oft ist eine Narbe geringer pigmentiert; gelegentlich kommen aber auch Überpigmentierungen vor – das Pigmentsystem der Haut wird also durch diesen Prozess mit beeinflusst.

Gibt es verschiedene Narbenarten?

Folternarben bei einem sudanesischen Emigranten.
Folternarben bei einem sudanesischen Emigranten.(Foto: REUTERS)

Ja! Man unterscheidet eingesunkene (atrophe) Narben, hypertrophe (erhobene) Narben, die im Bereich der Verletzung erhaben sind, und Keloide, bei denen es zu einer unkontrollierten Narbenwucherung über den eigentlichen Verletzungsbereich hinaus kommt.

Nach welcher Zeit kann man vom Ende der Narbenbildung sprechen?

Die Narbenbildung kann je nach Lokalisation und Narbentyp bis zu sechs Monate dauern.

Gibt es gut und schlecht heilende Haut?

Durchaus – bestimmte Verletzungen bringen "hässliche" Narben hervor, vor allem  Verbrennungen, Verätzungen und Laugenverletzungen. Bestimmte Lokalisationen sind besonders "narbengefährdet", zum Beispiel das Dekolleté. Auch gibt es genetische Einflüsse (zum Beispiel schlechte Narbenbildungen in einer Familie); dunkelhäutige Menschen haben oft ein erhöhtes Risiko, Keloide zu entwickeln.

Wann können Narben zu gesundheitlichen Problemen führen und wie müssen sie dann behandelt werden?

Narben im Bereich von Gelenken können deren Beweglichkeit einschränken. Da jede Narbe eine gewisse Gewebeschrumpfung hervorruft, sind sie im Gesicht besonders tückisch. Sie können zu Verziehungen der Augenlider oder des Mundes führen.

Was können Betroffene und Mediziner tun, um den Heilungsprozess der Haut positiv zu beeinflussen?

Wenn eine scharfe Verletzung vorliegt, kann man binnen 24 Stunden die Wundränder chirurgisch zusammenführen – damit wird die Narbe klein und strichförmig. In der Praxis ist das aber nur sehr vereinzelt möglich. Bestimmte Verletzungsarten zeigen ein erhöhtes Risiko, sogenannte hypertrophe Narben oder sogar deutliche Narbenwucherungen, Keloide, zu bilden. Dies ist vor allem nach Verbrennungen der Fall. Stark wuchernde Narben können mit Kortison unterspritzt werden, das die Eigenschaft besitzt, den überschießenden Stoffwechsel des Gewebes zu vermindern und damit die Narben weicher und dünner zu machen. Auch äußere Behandlungen mit Kortisoncremes sind effektiv. Silikonhaltige Gele oder Silikonplatten schließen die Narben von atmosphärischem Sauerstoff ab und vermindern gleichsam den Stoffwechsel in der Narbe. Manche Narben können durch eine Anwendung flüssigen Stickstoffs verkleinert werden; flüssiger Stichstoff ist circa minus 190 Grad Celsius kalt und vermindert ebenfalls den Stoffwechsel der Narbe. Das "Herausschneiden" bestimmter hypertropher Narben und Keloide bringt hingegen zumeist nichts, da sich in der neuen Narbe wieder die alte Situation einstellt. Wenn Narben jedoch durch Zug und Spannung zum Beispiel die Beweglichkeit von Gelenken beeinflussen, sind spezielle Operationstechniken zur Gewebeentlastung sinnvoll.

Prof. Dr. Thomas Dirschka ist wissenschaftlicher Berater des Berufsverbandes der deutschen Dermatologen (BVDD).
Prof. Dr. Thomas Dirschka ist wissenschaftlicher Berater des Berufsverbandes der deutschen Dermatologen (BVDD).(Foto: privat)

Was sind Narbenbrüche und wie können sie entstehen?

Narbenbrüche kommen zum Beispiel nach Operationen des Bauchraumes vor. Paradoxerweise sind Narben Gewebewucherungen; die Stabilität des Gewebes ist allerdings im Narbenbereich vermindert. Durch den Druck des Bauchraumes und der Muskulatur kann die Narbe reißen; es besteht die Gefahr, dass Darmschlingen in der Narbe einklemmen und absterben.

Was ist das gefährliche an großflächigen Narben nach Brandverletzungen?

Vor allem das Keloidrisiko, die Einschränkung der Beweglichkeit über Gelenken und die  Verziehung von Körperöffnungen und Augen. Bei ausgedehnten Narben ist oft eine lebenslange Rehabilitation erforderlich.  Zudem sind durch den Verlust der Haare im verbrannten Areal und die entstehenden ästhetischen Effekte die psychosozialen Auswirkungen für Betroffene erheblich.

Manche tragen ihre Narben auch als Schmuck, durch Cutting oder Branding zugefügt. Ist das gefährlich für die Gesundheit?

Oft ist der Verlauf einer Brandverletzung nicht planbar oder kalkulierbar. Auch besteht ein hohes Risiko von Infektionen - aus medizinischer Sicht sind derartige Verletzungen abzulehnen.

Ganzheitliche Mediziner sprechen davon, dass manche Narben entstört werden müssten. Was sagen Sie dazu?

Das hält keiner wissenschaftlichen Beurteilung stand, kommt aber bei manchen Patienten gut an.

Mit Thomas Dirschka sprach Jana Zeh

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Quelle: n-tv.de

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