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Gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudlosigkeit sowie ein reduzierter Antrieb - das sind die drei Kernsymptome für Depressionen.
Gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudlosigkeit sowie ein reduzierter Antrieb - das sind die drei Kernsymptome für Depressionen.(Foto: REUTERS)

Teufelskreis Depression: "Nur zehn Prozent adäquat behandelt"

Die Depression ist die am weitesten verbreitete psychische Erkrankung. Schätzungen zufolge erleiden rund 10 Millionen Deutsche bis zum 65. Lebensjahr eine Depression. n-tv.de sprach anlässlich des 7. Europäischen Depressionstages mit der Geschäftsführerin der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Dr. Christine Rummel-Kluge, über die Krankheit, Probleme bei der Diagnose und über den Umgang mit betroffenen Angehörigen.

n-tv.de: Rund vier Millionen Menschen leiden in Deutschland an „depressiven Störungen“  - kann man sagen, das ist eine „Volkskrankheit“?

Christine Rummel-Kluge: Ja. Man kann definitiv sagen, dass Depression eine Volkskrankheit ist. Ganz wichtig ist dabei zu betonen, dass es sich um eine Krankheit handelt - denn das wissen viele Menschen nicht. Depression ist eine schwere Erkrankung, die aber zum Glück gut behandelbar ist, medikamentös und durch Psychotherapie. Bei leichter Depression reicht manchmal eine Psychotherapie, bei schwerer Depression sollten die Patienten auf jeden Fall auch mit Medikamenten behandelt werden.

Die Behandlung ist dann also eine Kombination aus beidem.

Genau. Patienten mit schwerer Depression sind zunächst oft nicht in der Lage, an einer Psychotherapie mitzuwirken, zum Beispiel aufgrund von Konzentrationsstörungen oder mangelndem Antrieb. Bei einer Psychotherapie muss man sich nämlich einbringen und mitarbeiten. Das heißt: Ziel der medikamentösen Therapie ist es zunächst auch, das Befinden der Patienten soweit zu bessern, dass sie dann von einer Psychotherapie profitieren können.

Wie sieht die Diagnose aus - wann ist jemand „nur schlecht drauf“, und wann spricht man von einer Depression?

In der Regel kann man die normalen Stimmungsschwankungen von einer Depression ganz klar abgrenzen. Um von einer Depression zu sprechen, müssen ganz bestimmte Kriterien erfüllt sein - und zwar über einen bestimmten Zeitraum, nämlich nach der internationalen Klassifizierung von Krankheiten der WHO von zwei Wochen. Es gibt drei Kernsymptome: gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudlosigkeit sowie einen reduzierten Antrieb. Dann kommen noch zusätzliche Symptome dazu, die bei jedem in anderer Ausprägung vorhanden sind. Das sind zum Beispiel Schlafstörungen, Appetitlosigkeit mit folgendem Gewichtsverlust, Konzentrationsschwäche, Denkblockaden, Energielosigkeit oder vermindertes sexuelles Interesse. Zudem können vermehrt Gedanken über Tod und Suizid in den Vordergrund treten.

Gibt es „die Depression“?

Nur einer von zehn Depressions-Patienten wird angemessen behandelt, schätzt die Expertin.
Nur einer von zehn Depressions-Patienten wird angemessen behandelt, schätzt die Expertin.(Foto: picture alliance / dpa)

Es gibt verschiedene Krankheitsformen. Die häufigste ist die unipolare Depression, in der ie Patienten nur depressive, aber keine manischen Phasen haben. Dann gibt es die sogenannte bipolare affektive Störung, die durch depressive und manische Phasen gekennzeichnet ist. In der Manie dominiert bei den Betroffenen eine gehobene Stimmung, ein übersteigertes Selbstverständnis: Sie überschätzen die eigenen Fähigkeiten, geben beispielsweise vermehrt Geld aus, schlafen wenig, ohne sich müde zu fühlen. Im Prinzip durchlaufen sie in dieser Phase das Gegenteil einer Depression. Zwei weitere Krankheitsbilder sind die Dysthymia und die Zykothymia. Bei ersterer sind die depressiven Symptome weniger stark ausgebildet, dafür verlaufen sie chronisch und ziehen sich über weite Lebensabschnitte hindurch. Von einer Zyklothymia spricht man, wenn bei den Betroffenen leichter ausgeprägte manische und depressive Phasen chronisch vorhanden sind – diese Menschen begeben sich aber oft nicht in Behandlung, da sie in der Regel ausreichend gut zurechtkommen.

Was ist die sogenannte "Winterdepression"?

Es gibt auch noch die saisonal abhängige Depression. Dann spricht von der "Herbst-Winter-Depression". Da sind die Symptome etwas anders: Die Patienten haben häufiger einen „Kohlenhydrat-Heißunger“, einen gesteigerten Appetit. Und sie schlafen auch mehr. Ansonsten sind auch sie sehr energielos und verstimmt, aber das steht nicht im Vordergrund.

Was sind die Risikofaktoren für eine Depression?

Schon das Geschlecht ist ein Risikofaktor: Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Sonst spielen vor allem psychosoziale Faktoren eine Rolle, am häufigsten ist Stress im Beruf, in der Partnerschaft oder in der Familie. Zudem ist gut belegt, dass bei bestimmten körperlichen Krankheiten ein erhöhtes Risiko besteht, depressiv zu werden - bei Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen etwa. Letztendlich sind es verschiedene Ursachen, die zusammentreffen müssen, damit jemand an einer Depression erkrankt.

Wie wichtig sind da die Gene?

Bei der Herbst-Winter-Depression verspüren Betroffene gesteigerten Appetit und sie schlafen mehr.
Bei der Herbst-Winter-Depression verspüren Betroffene gesteigerten Appetit und sie schlafen mehr.(Foto: REUTERS)

Die Genetik ist auch ein Teil dieses multifaktoriellen Geschehens. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar erhöht, wenn man ein erkranktes Elternteil hat; aber man konnte anhand von  Zwillingsstudien zeigen: Wenn ein eineiiger Zwilling erkrankt, erkrankt der andere in nur etwas mehr als einem Drittel der Fälle. Es muss also immer noch andere, zusätzliche Faktoren geben.

Auf der Webseite ihrer Stiftung sprechen sie von diagnostischen und therapeutischen Defizite auf Seiten der Ärzte“. Woher kommt diese mangelnde Kompetenz?

Das Problem beginnt schon damit, dass nur ein Bruchteil der Betroffenen überhaupt in ärztlicher Behandlung ist. Viele wissen gar nicht, dass sie an einer Depression leiden und dass man diese behandeln kann – und muss. Viele Betroffene sind beim Hausarzt in Behandlung. Und die Patienten gehen in der Regel nicht dort hin und sagen: „Ich fühle mich depressiv“. Sondern sie sagen: „Ich hab‘ Rückenschmerzen“, „Ich hab‘ Kopfschmerzen“, oder „Der Tinnitus ist unerträglich“. Betroffene Menschen nehmen solche Beschwerden, die man als nicht depressive Person ja auch hat, anders wahr. In der Depression werden solche Beschwerden unerträglich. Dann kommen sie mit diesen körperlichen Symptomen zum Hausarzt, der diese dann behandelt. Und hier versuchen wir anzusetzen: Wir versuchen, ganz gezielt die Hausärzte auszubilden und zu sensibilisieren: Wenn jemand  in der einen Woche mit Rückenschmerzen kommt, in der nächsten mit Kopfschmerzen, dann sollte der Arzt hellhörig werden, und wenigstens an die Möglichkeit einer Depression denken.

Die Diagnose ist also das Problem?

Nicht nur. Danach geht es weiter: Die Patienten müssen dann angemessen behandelt werden, auch mit Medikamenten. Und da dosieren die Ärzte nicht selten zu niedrig und zu kurz: Psychopharmaka brauchen meist einige Zeit, bis sie voll wirken. Aber auch von Seiten der Patienten gibt es hier Probleme. Sie nehmen häufig die Medikamente nicht ein, da sie Vorurteile haben oder nicht richtig darüber informiert sind. Dann werden die Antidepressiva oft abgesetzt oder nicht richtig eingenommen. So kommt es, dass wir davon ausgehen, dass nur etwa zehn Prozent der Patienten mit Depression adäquat behandelt werden. Deshalb ist es wichtig, zu wissen: Die meisten Psychopharmaka machen nicht abhängig und verändern auch nicht die Persönlichkeit!

Was kann man vorbeugend tun, wenn man sich selbst gefährdet sieht?

Gute soziale Beziehungen und ein soziales Netzwerk wirken vorbeugend, das ist untersucht. Ein ausgeglichener Lebenswandel, in dem alle Bedürfnisse des Einzelnen abgedeckt sind, ist auch wichtig.

Was sollte man tun, wenn man bei einem Freund/Familienmitglied eine Depression vermutet?

Man sollte denjenigen unbedingt darauf ansprechen, ihn unterstützen und bei einem Arzt Hilfe suchen. Wenn er depressiv ist, wird er in der Regel antriebslos sein und sich nicht aufraffen können, etwa einen Arzttermin zu vereinbaren. Das kann man für ihn tun, und ihn dann auch wirklich dort hinbegleiten.

Was sind die Schwierigkeiten und Probleme, die sich für Angehörige im Umgang mit Betroffenen ergeben?

Dr. Christine Rummel-Kluge ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Geschäftsführerin der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.
Dr. Christine Rummel-Kluge ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Geschäftsführerin der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.(Foto: privat)

Häufig kommen von Angehörigen im Vorfeld solche gut gemeinte Ratschläge wie  „Reiss‘ dich doch mal zusammen, das wird schon wieder“, oder „So schlimm ist’s doch eigentlich gar nicht, du hast doch alles, was du brauchst.“ Das sollte man möglichst sein lassen. Freunde und Familie wissen oft nicht, dass der Betroffene eine Krankheit hat, die behandelt werden muss. Er kann sich nicht zusammenreißen und „dann wird’s schon wieder“. Dieses Nichtwissen ist schwierig, denn die Angehörigen werden oft ungeduldig, wenn es demjenigen nicht besser geht. Oder sie sind dann schließlich auch überfordert: Sie versuchen zu helfen, der andere reagiert aber nicht – krankheitsbedingt. Dann ziehen sie sich zurück und lassen ihn allein …

…das hört sich nach einem Teufelskreis an.

Das kann man sagen. Darum ist es so wichtig, die breite Öffentlichkeit zu erreichen. Man kann nicht oft genug sagen: Depression ist eine Krankheit, die man adäquat behandelt kann. Wenn man das weiß, dann sind die Angehörigen wiederum sehr hilfreich; wenn sie die Depression als Erkrankung akzeptieren können und das nicht als Charakterschwäche empfinden, dann entlastet das die Patienten sehr. Man sollte es aber nicht übertreiben: Angehörige können und sollen nicht die Rolle des Behandelnden übernehmen, sonst sind sie leicht überfordert. Sie müssen schauen, dass sie auch selbst angenehme Dinge erleben und möglichst ausgeglichen sind, auch wenn der Betroffene das gerade nicht ist. Zudem sollte man in der Depression keine weitreichenden Entscheidungen treffen. Denn Patienten mit Depression sehen viele Dinge verzerrt, haben eine negative Sicht auf sich und die Umwelt. Alle Dinge, die privat oder beruflich von Bedeutung sind, sollten also erst entschieden werden, wenn die Krankheit wieder abgeklungen ist.

Über die Zunahme der depressiven Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten hört man verschiedene Dinge. Die einen sagen: Es sind mehr geworden, die anderen sprechen lediglich von einem gesteigerten Problembewusstsein. Was ist ihre Position?

Ich denke auch: Es werden mehr Erkrankungen diagnostiziert, weil man seit einigen Jahren verstärkt versucht, Interesse für das Thema in der breiten Öffentlichkeit zu wecken. Und da kann man jetzt erste Früchte ernten. Sowohl Hausärzte als auch Betroffene sind immer besser informiert. Ich denke nicht, dass die Depression an sich zugenommen hat.

Aufklärung hilft also am besten, gegen die Krankheit vorzugehen?

Richtig, denn dann kann man, wenn es einen trifft, schnell Hilfe holen. Die gute Nachricht ist nämlich: In aller Regel ist die Depression sehr gut behandelbar.

 

Quelle: n-tv.de

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