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Montag, 23. Februar 2009

Neue These zu Ursache und Folge: Schlechter Schlaf und Psyche

Menschen, die unter seelischen Krankheiten leiden, schlafen häufig schlecht. Bisher ist die Wissenschaft davon ausgegangen, dass Schlafstörungen die Folge beispielsweise von Depressionen sind. Diese Annahme stellen Wissenschaftler nach einem Bericht des britischen Fachmagazins "New Scientist" nun auf den Kopf. Ihre These: Schlechter Schlaf verursacht möglicherweise erst eine Erkrankung der Psyche oder führt zu einem Verhalten, das Ärzte fälschlicherweise für eine solche halten.

Dies könnte bedeuten, dass Patienten nicht wegen ihrer Schlafstörung behandelt werden, sondern irrtümlicherweise Psychopharmaka bekommen, die ihnen nicht helfen, sondern sogar schaden können. Zugleich bedeutet das, dass die Beseitigung der Schlafstörung einige dieser Patienten heilen könnte.

"Man sollte doch annehmen, dass es für eine Gesellschaft wichtig zu wissen ist, ob 3, 5 oder 50 Prozent derjenigen, denen psychiatrische Probleme attestiert worden sind, tatsächlich einfach unter Schlafstörungen leiden", sagte Matt Walker, Psychologe an der University of California in Berkeley. Forschern ist ein Zusammenhang zwischen Krankheiten der Psyche und unregelmäßigem Schlaf seit langem bekannt. Bereits 1987 stellten Experten von der John Hopkins University in Baltimore nach dem Bericht des "New Scientist" fest, dass unter Schlaflosigkeit leidende Studenten ein zweimal so großes Risiko für Depressionen entwickelten wie normal schlafende Kommilitonen.

Nicht Folge, sondern Auslöser

Paul Peppard von der University of Wisconsin-Madison und Kollegen untersuchten 2006 den Zusammenhang zwischen Depressionen und verschiedenen Formen der Atemnot beziehungsweise des Atemstillstands (Apnoe) beim Schlafen. Je schlimmer die Atemstörung desto höher war die Gefahr, eine Depression zu erleiden. Die Depression selbst könne in diesen Fällen nicht die Hauptursache für schlechten Schlaf sein, da die Atemstörungen in der Regel körperlichen Ursprungs seien, erklärten die Wissenschaftler. Dies deute darauf hin, dass Schlafstörungen zu Depressionen führen können.

Verhaltensauffälligkeiten, die von Schlafmangel herrühren, könnten auch als Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) missgedeutet werden. Eine entsprechende Studie von Clifford Risk, Direktor des Marlborough Center for Sleep Disorder in Massachusetts, erschien 2005. Von 34 Erwachsenen, die unter Schlafapnoe litten, hatten 16 eine verminderte Aufmerksamkeit. Nach einer Behandlung der Apnoe konnten 60 Prozent von ihnen ihre Leistungen verbessern. Daraus lässt sich nach Ansicht der Forscher schließen, dass zumindest für diese Gruppe die Schlafprobleme nicht die Folge, sondern der Auslöser der Schwierigkeiten waren.

Mehr Stresshormone durch fehlende Nachtruhe

Aber auf welche Art und Weise verursacht schlechter Schlaf Probleme der Psyche und Auffälligkeiten im Verhalten? Einige Zusammenhänge erscheinen nach Ansicht von Wissenschaftlern offensichtlich: So wissen Eltern, dass müde Kinder sich häufig hyperaktiv benehmen. Fehlende Nachtruhe lässt außerdem die Stresshormone ansteigen. Zudem kann fehlender Schlaf die Fähigkeit des Gehirns einschränken, Emotionen zu verarbeiten.

Ein Verlust an Kommunikation zwischen den Hirnregionen Mandelkern und Frontallappen infolge von Schlafmangel ist möglicherweise eine Ursache für psychiatrische Symptome. "Bei einigen psychiatrischen Störungen wie Depressionen ist gezeigt worden, dass die Funktion des Frontallappens gestört ist", sagte Walker.

Weitere Forschungen ergaben, dass das Gehirn insbesondere in der traumreichen Schlafphase, der sogenannten REM-Phase, Erinnerungen verarbeitet. Andere Zusammenhänge geben den Wissenschaftlern dagegen noch Rätsel auf: So reduzieren antidepressive Medikamente den REM-Schlaf, dennoch können sie sehr effektiv sein. Seltsam ist auch, dass viele depressive Menschen sich nach einer schlaflosen Nacht zufriedener fühlen. Walker: "Vor fünf Jahren hat sich niemand diese Fragen gestellt. (...) Nun beschäftigen wir uns mit diesem Thema, das heißt, wir werden Antworten finden."

Quelle: n-tv.de

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