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Ein Drittel mehr Platz sollen Schweine in ihren Ställen haben, deren Fleisch das Siegel erhält. Ein Recht auf Freigang haben Ein-Sterne-Schweine nicht.
Ein Drittel mehr Platz sollen Schweine in ihren Ställen haben, deren Fleisch das Siegel erhält. Ein Recht auf Freigang haben Ein-Sterne-Schweine nicht.(Foto: picture alliance / dpa)

Tierschutzbund vergibt Fleisch-Label: Siegel für weniger Qualen

Von Andrea Schorsch

Biofleisch ist teurer als Billigfleisch. Entsprechend gering sind die Marktanteile. Doch nun vergibt der Deutsche Tierschutzbund ein neues Label. Es kennzeichnet Supermarkt-Fleisch, das von Tieren kommt, die unter besseren Bedingungen leben und sterben als das Gesetz es vorsieht.

Wer in Baden-Württemberg bei Edeka Fleisch einkauft, hat das Label vielleicht schon gesehen: "Für mehr Tierschutz" steht da in weißer Schrift auf blauem Grund.  Links daneben prangen ein oder zwei Sterne.

Mit diesem Siegel zertifiziert der Deutsche Tierschutzbund neuerdings Fleisch, das unter Auflagen produziert wurde, die in puncto Tierschutz über die gesetzlichen Vorschriften hinausgehen. Das Label steht damit für Verbesserungen bei der Haltung, dem Transport und der Schlachtung der Tiere. Der Tierschutzbund selbst nennt es ein "Zeichen für besseres Leben".

So sieht es aus, das neue Label. Bislang leuchtet links allerdings meist nur ein Stern.
So sieht es aus, das neue Label. Bislang leuchtet links allerdings meist nur ein Stern.(Foto: picture alliance / dpa)

"In der heutigen Tierproduktion werden die Tiere den Haltungssystemen angepasst und nicht umgekehrt", erklärt der Tierschutzbund. "Mit dem Label soll dieser Fehlentwicklung sukzessive entgegengewirkt werden." Soll heißen: Die Qualität der Tierhaltung kann noch ausgebaut werden. Das Siegel hilft den Kunden, tiergerecht erzeugte Produkte zu erkennen. Mit dem Kauf von zertifiziertem Fleisch können sich die Verbraucher für mehr Tierschutz stark machen.

Mehr Platz, weniger Schmerzen

Denn um zertifiziert zu werden, müssen Mastschweine ein Drittel mehr Platz haben, als das Gesetz es vorsieht. Sie dürfen nicht ohne Narkose kastriert werden, und auch das Kürzen der Schwänze ist verboten. Wenn sie geschlachtet werden, muss sichergestellt sein, dass sie tief betäubt sind. Ihr Transport zum Schlachthof darf nicht mehr als vier Stunden dauern.

Hühnerfleisch mit dem Tierschutzlabel darf nur von Rassen kommen, die langsamer wachsen als die konventionellen. Denn diese nehmen viel schneller zu als ihr Knochenbau erlaubt. Das führt zu andauernden Schmerzen beim Tier.

Der Südwesten macht den Anfang

Fleisch mit Zertifizierung: Auf diesem Weg sollen die Lebensbedingungen möglichst vieler Tiere verbessert werden.
Fleisch mit Zertifizierung: Auf diesem Weg sollen die Lebensbedingungen möglichst vieler Tiere verbessert werden.(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist Schweine- und Hühnerfleisch, womit das Label startet. Langfristig soll es auf alle landwirtschaftlich genutzten Tiere ausgeweitet werden.  Bis Ende dieser Woche soll Fleisch mit Tierschutz-Zertifikat in der Frischetheke von rund 40 Edeka-Märkten im Südwesten Deutschlands angeboten werden. Ab Ende Januar ist es dann auch in den Reichelt-Märkten der Region Minden-Hannover und in rund 20 Edeka-Läden in Berlin und Brandenburg zu haben. Kaisers-Tengelmann bietet das zertifizierte Fleisch zunächst in Berlin, ab Februar dann auch am Nordrhein und in München und Oberbayern an.

Die Branche rechnet mit guten Absatzzahlen: Fleischproduzierende Konzerne gehen davon aus, dass in drei bis vier Jahren zehn bis fünfzehn Prozent des Schweinefleischs in deutschen Läden aus tierfreundlicher Haltung kommen.

Zwei-Sterne-Fleisch ist das Ziel

Damit die Auflagen für eine Zertifizierung für eine große Anzahl von Erzeugern erfüllbar ist, vergibt der Deutsche Tierschutzbund das Label in zwei Stufen: einer Einstiegsstufe mit einem Stern und der Premiumstufe mit zwei Sternen. Beiden Stufen liegen verbindliche Anforderungen zugrunde. Für Zweisterne-Fleisch müssen die Hersteller noch strengere Auflagen erfüllen. Zwei Sterne kennzeichnen Fleisch, das an die Standards von Bio- und Neuland-Produkten heranreicht.

Im Herbst 2012 hat der Tierschutzbund mit der Zertifizierung begonnen, bislang wurden nur Ein-Stern-Label vergeben. Da wird Kritik aus der Ökologischen Lebensmittelwirtschaft laut: "Die Ein-Stern-Variante muss tatsächlich ein Einstieg bleiben, damit die Zwei-Sterne-Version schnell in die Breite kommt", sagt Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft, der "taz". "Sonst wäre das Label nicht mehr als ein Mäntelchen über unhaltbare Zustände."

Dennoch: Auch der Einstiegsstandard bietet bereits einen Mehrwert für die Tiere. Doch natürlich ist eine breite Entwicklung zum Premiumstandard das langfristige Ziel des Tierschutzbundes. Allerdings streben Landwirte die Zwei-Sterne-Auszeichnung mitunter gar nicht an. Denn klar ist: Wer seinen Tieren mehr Platz einräumt, kann nicht so viele Tiere halten. Wer ihnen noch mehr Platz bietet, kann eben noch weniger Tiere unterbringen - und verkauft entsprechend weniger. Dieser Verlust wird ausgeglichen: durch den Preis. Viele Hersteller dürften abwarten, ob die Verbraucher hier mitziehen.

Tierschutz gibt es nicht umsonst

Hähnchenbrustfilets mit Ein-Stern-Label sollen nach Angaben der Hersteller rund 40 bis 70 Prozent mehr kosten. Preislich liegt das solcherart zertifizierte Fleisch damit zwischen konventionellem und Biofleisch. Ein Neuland-Huhn ist rund 150 Prozent teurer als der Artgenosse aus herkömmlicher Haltung.

Dass Neuland-Fleisch einen Marktanteil von nur einem Prozent hat, dürfte vor allem an diesen Kosten liegen. Doch aus Sicht des Umweltschutzes sind steigende Fleischpreise genau der richtige Weg. Denn letztlich geht es darum, den Fleischkonsum zu reduzieren - und damit auch die Produktion.

So will auch das neue Tierschutzlabel keineswegs den Verzehr von Fleisch fördern. Vielmehr soll es Verbraucher dazu animieren, den Tierschutz beim Einkauf mit einzubeziehen und sich gleichzeitig für Qualität zu entscheiden. "Wir gehen davon aus, das mit wachsendem Bewusstsein für Tierschutz immer mehr Käufer ihren Fleischkonsum reduzieren oder gänzlich darauf verzichten beziehungsweise sich für Premiumprodukte entscheiden", so der Verband.

Die Entscheidung ist folglich einfach. Wer weiterhin Fleisch essen, aber gleichzeitig etwas für den Tierschutz tun möchte, hat die Wahl: Er kauft Neuland-Fleisch oder greift zu den Produkten mit dem neuen Tierschutz-Label.

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Quelle: n-tv.de

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