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Allein über Berlin wurden in der Nacht zum Sonntag 8135 Blitze gezählt.
Allein über Berlin wurden in der Nacht zum Sonntag 8135 Blitze gezählt.(Foto: picture alliance / dpa)
Montag, 02. Juli 2012

"Da geht die Post ab": Superzellen-Gewitter über Deutschland

Hier kommt der Autor hin

158.594 Mal blitzte es in der Nacht zum Sonntag über Deutschland. Nicht alle Blitze erreichten die Erde. Doch die über die Republik hinwegfegenden Gewitter schienen außergewöhnlich. Wie kommt es zu einer solchen Blitzfolge? Wie sicher ist man in der Nähe hoher Gebäude vor einem Blitzschlag? Kann man auf Blitzableiter heute tatsächlich verzichten? n-tv.de spricht mit Gerhard Lux vom Deutschen Wetterdienst.

n-tv.de: Wie entstehen die stroboskopartigen Blitze vom Wochenende? Was war da anders in der Atmosphäre als sonst, wenn sich ein Blitz gut vom anderen unterscheiden lässt?

Gerhard Lux: Die entstehen bei einer sehr starken Unruhe in der Atmosphäre, bei sehr starken Unterschieden zwischen kühl-stabiler und feucht-warmer Luft. Die Atmosphäre versucht, diese Unterschiede auszugleichen. Dafür wird Luft von unten nach oben gepumpt und an anderer Stelle wieder runter. Das ist ein Auf und Ab wie in einem Paternoster. Luftpakete werden dabei mitgenommen, und es entsteht Reibung und die Atmosphäre lädt sich extrem auf. Im Sommer haben wir diese großen Temperaturunterschiede zwischen den nördlichen Breiten und dem Mittelmeerraum. Wenn nun solch unterschiedliche Luftmassen unter einem bestimmten Winkel aufeinander zufließen, dann knallt es.

Aber so oft?

Er kennt sich aus mit Blitzen: Gerhard Lux, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst.
Er kennt sich aus mit Blitzen: Gerhard Lux, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst.(Foto: Lux/DWD)

Zu dieser Häufung von Blitzen kann es immer mal kommen, insbesondere, wenn im Hochsommer die Luft vom Boden her durch die enorm kräftige Sonne noch angeheizt wird. Scheint die Sonne zum richtigen Zeitpunkt am Vormittag über einem bestimmten Areal, wird dadurch viel Energie am Boden umgesetzt. Daraus entwickeln sich schnell riesengroße Wolken- und Gewittertürme. Die können sich dann auch zu so genannten Superzellen ausweiten, zu Gewittern also, die sich aus mehreren einzelnen Zellen zusammenballen. Superzellen haben dann einen Durchmesser von vielleicht 20 Kilometern und damit natürlich eine besondere Mächtigkeit. Da geht dann wirklich die Post ab.

Was ist dran an dem Spruch "Buchen soll man suchen, Eichen soll man weichen"?

Das ist völliger Quatsch. Und lebensgefährlich noch dazu! Baum ist Baum für den Blitz, der kennt da keine Unterschiede. Der geht da hinein, wo er sich wohl fühlt und wo er ein paar Meter schafft. Denn die Luft ist ein Isolator, ein schlechter Leiter. Die Atmosphäre versucht, eine leitende Bahn herzustellen. Je nach Art reagieren Bäume übrigens unterschiedlich, wenn ein Blitz hinein fährt. Fichten platzen meist von innen her auseinander oder dicke Zweige brechen ab. Bei Eichen dagegen fährt der Blitz oft außen herab. Auch im Boden, der noch dazu vielleicht nass ist, kann sich eine elektromagnetische Welle ausbreiten. Daher sollte man auch nicht in unmittelbarer Nähe des Baums stehen. Unser Herz-Kreislauf-System verträgt den Strom nicht, den es dann abbekommt.

Kann man einen Blitzschlag unter bestimmten Voraussetzungen unbeschadet überleben?

Überleben, ja. Unbeschadet? Es kommt immer darauf an, wie stark der Blitz ist und wie der Mensch getroffen wird. Trifft ihn die Hauptentladung? Steht der Mensch noch dazu im Nassen? Das alles spielt eine Rolle. Jedes Jahr werden etwa 30 bis 50 Leute vom Blitz getroffen. Man sagt, dass etwa zwei Drittel der Betroffenen den Blitzschlag überleben, ein Drittel aber stirbt sofort oder kurze Zeit später. Die Überlebenden haben üblicherweise mehr oder weniger starke Blessuren. Das können Verbrennungen sein oder auch starke neurologische Störungen. Es können also Langzeitschäden bleiben. Unser Nervensystem leidet extrem unter solchen Überspannungen.

Suchen sich Blitze tatsächlich immer den höchsten Punkt? Ist man in der Nähe eines Funkturms zum Beispiel sicher?

Nicht unbedingt. Ist man unterwegs und will das Risiko minimieren, dann ist es gut, sich von Bäumen, Masten, Türmen usw. fernzuhalten. Es gibt einige klare Vorgaben:
- eine einigermaßen trockene Bodensenke aufsuchen
- nicht der höchste Punkt in der Umgebung sein
- sich kleinmachen und in die Hocke gehen
- die Füße eng zusammenstellen, damit der Strom nicht quer durch den Körper laufen kann
- Kopf einziehen
- Arme um die Knie schlingen.
So lässt sich ein Gewitter im Freien am besten überstehen.

Kann man heutzutage auf Blitzableiter verzichten?

Ja und nein. Gebäude, die überwiegend aus Holz sind, große Scheunen zum Beispiel, die sollte man mit einem Blitzableitersystem schützen, ebenso hohe Gebäude, Antennenanlagen usw. Gemauerte Gebäude sind normalerweise relativ sicher, da brennt nichts. Der Strom fließt in der Regel außen ab, über die Außenhülle. Aber die Gefahr ist dann immer: Wird ein solches Haus an irgendeiner Ecke getroffen, kann sich die Überspannung des Blitzes im Haus verteilen. In den Stromleitungen dort breitet sie sich aus, elektrische Geräte sind dann extrem gefährdet.

Ist es gefährlich, bei Gewitter zu telefonieren oder zu duschen?

Mit einem Handy nein, mit einem Schnurtelefon möglicherweise doch. Denn das hängt ja an einer festen Leitung. Es ist sicherer, während eines Gewitters ein paar Dinge zu beachten: Wenn man keine speziellen Blitzschutzschalter verwendet, sollte man die elektronischen Geräte vom Netz zu nehmen, nicht telefonieren, aber auch nicht duschen oder baden, denn sogar im Rohrleitungssystem könnte sich eine Überspannung ausbreiten.

Welcher Ort ist der sicherste, um sich vor Blitzen zu schützen?

Ein massives Gebäude mit Blitzableiter ist sehr sicher. Das ist ein Faradayscher Käfig. Ebenso wie das Auto – es sei denn, es handelt sich um ein Cabrio …

Bilderserie

Mit Gerhard Lux sprach Andrea Schorsch.

Quelle: n-tv.de

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