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Nicht die Höhe der Papierstapel entscheidet darüber, ob jemand krankhaft prokrastiniert, sondern der persönliche Leidensdruck.
Nicht die Höhe der Papierstapel entscheidet darüber, ob jemand krankhaft prokrastiniert, sondern der persönliche Leidensdruck.(Foto: berlin-pics, pixelio)

Was du heute kannst besorgen, …: Verschieben ist menschlich

von Jana Zeh

Jeder kennt das bedrückende Gefühl, wenn eine wichtige Aufgabe immer wieder verschoben wird. Dieses Aufschiebeverhalten ist überaus menschlich. Um den selbst gemachten Druck zu relativieren, kann der Spruch "Was du heute kannst verschieben, das lass' getrost auch morgen liegen" durchaus weiterhelfen. In schweren Fällen allerdings sind andere Therapien nötig.

Vor allem zum Jahresende stapeln sich die Dinge, die rasch noch erledigt werden müssten, und dabei geht es nicht um das Besorgen von Weihnachtsgeschenken oder der Organisation des Silvesterabends. Es geht vielmehr um Aufgaben, die schon lange ruhen, unheimlich wichtig sind und als immer wiederkehrende Punkte auf den To-Do-Listen landen. Das sind nicht immer große oder überlebenswichtige Sachen, trotzdem müssten sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gemacht werden, sonst drohen unangenehme Konsequenzen. Die Überweisung der Gebühr für den letzten Strafzettel wegen Falschparkens, die Überprüfung der letzten Betriebskostenabrechnung oder auch der Besuch beim Zahnarzt, um noch einen Bonusstempel in diesem Jahr zu bekommen, können dazugehören.

Einige kommen erst durch Chaos auf dem Schreibtisch in die richtige Arbeitsstimmung.
Einige kommen erst durch Chaos auf dem Schreibtisch in die richtige Arbeitsstimmung.(Foto: jupp55, pixelio)

Wahrscheinlich hat jeder Leute in seinem Bekannten- oder Freundeskreis, die zu den Verschiebern gehören. Dass das Aufschiebeverhalten weitverbreitet ist, kann auch der Diplom-Psychologe und Autor Hans-Werner Rückert bestätigen. "Dinge zu verschieben, ist einfach menschlich und muss nicht per se schlecht sein", so der Experte. Meistens sind es unangenehme Aufgaben, die verschoben werden. Manchmal aber auch angenehme, wie das langgeplante Treffen mit einer Freundin oder die Wellness-Reise zum Hochzeitstag. Für Aufschiebeverhalten, das jemanden unter Druck setzt oder nachhaltig einschränkt, hält die Wissenschaft sogar einen Fachbegriff bereit: Prokrastination.

Im Volksmund auch als Auf- oder Verschieberitis bezeichnet, betrifft dieses Phänomen, das in der Fachwelt als Arbeitsstörung definiert wird, nicht nur den privaten Bereich, sondern kann überall im Leben beobachtet werden. Experten gehen davon aus, dass jeder Fünfte in Deutschland betroffen ist. Glaubt man den Umfragen, dann haben 40 Prozent der Deutschen durch das Aufschieben schon einmal persönliche Nachteile erlebt. Aber ab wann gehört man denn zu der Gruppe von krankhaften Prokrastinierern?

Leidensdruck ist entscheidend

"Das lässt sich weder an den Stapeln auf dem Schreibtisch noch am Lebensstil ablesen. Es ist vielmehr vom individuellen Leidensdruck des Betroffenen abhängig", erklärt Rückert. Menschen, die oftmals notwendige Aufgaben verschieben, sind weder faul noch träge. Viele von ihnen kommen sogar in einen regelrechten Strudel von Ersatz- und Ablenkungshandlungen, während sie die eigentlich wichtige Handlung von einem Tag auf den nächsten, manchmal sogar im Wochen- oder Monatsrhythmus vor sich her schieben. Durch diese ständige Verschiebung, bei der die Prioritäten verwischen, entsteht eine Art Teufelskreis. Die Wohnung ist zwar blitzeblank, der Wäschekorb leer und der Kühlschrank voll, aber die Arbeit, die bis zu einem bestimmten Termin fertig sein sollte, noch nicht einmal begonnen. Das macht zunächst unzufrieden und später sogar unglücklich. Sogar das Selbstwertgefühl kann durch das permanente Aufschieben massiv beeinträchtigt werden.

Erregungs- oder Vermeidungstypen

Ein schönes Gefühl, wenn man eine lang aufgeschobene Sache endlich zu Ende gebracht hat.
Ein schönes Gefühl, wenn man eine lang aufgeschobene Sache endlich zu Ende gebracht hat.(Foto: Gerd Altmann, pixelio)

"Entscheidend ist, aus welcher Motivation heraus verschoben wird", erklärt Rückert weiter. Psychologen unterscheiden bei Prokrastinierern zwischen Erregungsaufschiebern und Vermeidungsaufschiebern. Erregungsaufschieber können am besten mit Druck arbeiten. Sie zögern genau aus diesem Grund ihre Arbeit heraus, um dann mit einer gehörigen Portion Angst und allen damit verbundenen Ausschüttungen im Körper auf den letzten Drücker zu reagieren. Da wird ein einstündiger Vortrag schnell mal in drei Tagen oder drei Nächten vor dem Vortragstermin ausgearbeitet. Erregungsaufschieber werden durch die knapp werdende Zeit oftmals kreativ und viele von ihnen brauchen sogar diesen Kick, um in eine Art Arbeitsmodus zu kommen.

Vermeidungsaufschieber dagegen leiden häufig unter der Angst, zu versagen und schieben Aufgaben aus emotionalen Gründen vor sich her. Vor allem perfektionistisch veranlagte Menschen werden oftmals den Vermeidungsaufschiebern zugerechnet. Sie werden meistens von der Angst, ihren eigenen Ansprüchen nicht zu genügen, gehemmt und, die Erledigung der Aufgabe betreffend, in regelrechte Starre versetzt. Im Finden von Ausreden sich und anderen gegenüber sind sie dagegen rege und kreativ.

Den Vermeidungsaufschiebern geht es vor allem um das Vermeiden von unangenehmen Gefühlen, selbst wenn die Entspannung durch die Vermeidung nur einen kurzen Moment anhält und die schlechten Gefühle und unangenehmen Gedanken am nächsten Tag sogar stärker als zuvor wieder da sind. Ständiges Verschieben führt bei dieser Sorte von Verschiebern schließlich zu einem schlechten Gewissen, persönlicher Demotivation und übertriebener Selbstkritik. Wird dieses Verhalten kultiviert oder sogar zu einem selbstbestätigenden Ritual, dann finden die Betroffenen nur in seltenen Fällen aus eigener Kraft aus diesem Teufelskreis wieder heraus.

Freiberufler und Depressive besonders gefährdet

Männer und Frauen prokrastinieren gleichermaßen. Die Grundvoraussetzung für das Prokrastinieren ist jedoch, dass man auch die Möglichkeit zum Verschieben hat. "Ein Arbeiter am Fließband beispielsweise kann nur für relativ kurze Momente seine Arbeit verschieben, wenn er nicht seinen Arbeitsplatz aufs Spiel setzen möchte. Freiberufler, Studenten und sogar Rechtsanwälte dagegen haben einen wesentlich größeren Spielraum, ihre Aufgaben zu organisieren oder eben auch aufzuschieben" erläutert der Experte. Am meisten werden Aufgaben verschoben, die mit komplexen Handlungen im Zusammenhang stehen. Ein Buch zu schreiben würde beispielsweise zu diesen komplexen Handlungen dazugehören. Zuerst muss man zum Thema recherchieren oder den Ablauf beziehungsweise die Gliederung der Geschichte aufstellen.

Manchmal bleibt durch das Aufschieben auch die Realisierung von Wünschen auf der Strecke.
Manchmal bleibt durch das Aufschieben auch die Realisierung von Wünschen auf der Strecke.(Foto: picture alliance / dpa)

Besonderes Augenmerkt sollten Betroffene auf ihr Verhalten legen, wenn es depressive Verstimmungen mit sich bringt, die länger anhalten oder andauernd auftreten. Wie bei vielen anderen Erkrankungen auch kann man nicht genau sagen, ob Depressive eher zur Prokrastination neigen oder ob das ständige Aufschieben wichtiger Aufgaben eher zu Depressionen führt. Menschen, die einen hohen Leidensdruck wegen ihrer Aufschiebungen verspüren, schämen sich, haben Schuldgefühle und fühlen sich erniedrigt durch ihre Lebensweise. Ganz oft passen Selbstbild und Verhalten nicht mehr überein. Diese Menschen fühlen sich in einer Abwärtsspirale, aus der sie mit eigener Kraft nicht mehr herausfinden. In diesem Stadium sollten Betroffene dringend professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Auch Mitmenschen sollten hellhörig werden, wenn Freunde oder Verwandte plötzlich nicht mehr über ihre Aufgaben oder Dinge, die sie erledigen müssten, reden. Die Prokrastination kann in schweren Fällen sogar dazu führen, dass sich die Betroffenen wie Süchtige verhalten, das bedeutet, sie tarnen sich, ziehen sich zurück und verschweigen bewusst ihre nichtgeschafften Aufgaben. Das persönliche Elend wird versteckt und weil niemand von diesem Problem weiß, ist derjenige nicht nur höchst unzufrieden mit sich selbst, sondern auch noch sehr einsam. Oftmals kommt zu einer starken Resignation, die durchaus in einem Burnout oder eine Depression enden kann. In dieser Phase wird auch die Möglichkeit der Hilfe von außen schwieriger. "Am besten ist es, es gar nicht er so weit kommen zu lassen", rät Rückert. Aber wie kann der Betroffene das ändern?

Selbsttherapie ist auch möglich

"Die Therapiearten und -wege sind von Mensch zu Mensch verschieden", so der Experte. Es kommt darauf an, ob jemand nur in einer einzigen Sache feststeckt oder aber in ganz vielen gleichzeitig. Ausschlaggebend ist auch, wie lange man schon die Verhaltensweise des Verschiebens praktiziert und unter Umständen sogar kultiviert. "Wichtig ist, die Gründe für das Verschieben herauszubekommen und die Prioritäten wieder ganz klar zu haben. Dabei kann ein Fachmann helfen, manchmal reicht jedoch auch schon ein geeigneter Ratgeber, mit dem man sich am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf ziehen kann", erklärt Rückert, der als Autor von "Schluss mit dem ewigen Aufschieben: Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen" viele Dankesbriefe oder -E-Mails von Betroffenen bekommen hat, die sich selbst und mit Hilfe des Ratgebers helfen konnten.

Aufschieben kann sehr nützlich sein: Am 26. September 1983 drückte der sowjetische Oberstleutnant Stanislaw Petrow nicht den roten Knopf, um den Abschuss von Atomraketen auszulösen. Der gemeldete Raketenangriff der USA erwies sich später als Fehlalarm-
Aufschieben kann sehr nützlich sein: Am 26. September 1983 drückte der sowjetische Oberstleutnant Stanislaw Petrow nicht den roten Knopf, um den Abschuss von Atomraketen auszulösen. Der gemeldete Raketenangriff der USA erwies sich später als Fehlalarm-(Foto: picture alliance / dpa)

Von Prokrastinationsratgebern gibt es reichlich auf dem Markt. Vor den meisten warnen Kathrin Passig und Sascha Lobo in ihrem Buch "Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin". Die beiden Autoren schaffen es auf erfrischende Art und Weise, ihren Lesern den selbst gemachten Druck wegen aufgeschobener Dinge zu nehmen. Sie erklären ausdrücklich, dass Aufgaben, zu denen man sich wirklich aufraffen muss, die falschen Aufgaben sind. Sie stimmen damit im Prinzip der Auffassung von Hans-Werner Rückert zu.

Der Psychologe fordert von seinen Klienten, dass diese sich ehrliche und ernsthafte Gedanken machen sollen, warum sie bestimmte Dinge verschieben. Dabei sind Fragen zu klären, wie: Sind diese Ziele wirklich meine Ziele oder mache ich das nur, weil beispielsweise meine Eltern es von mir erwarten? In solchen Fällen rät der Experte dringend zu einem Richtungswechsel mit neuen, persönlichen Zielen, denn ein Beruf, den man ausübt, damit die Eltern zufrieden sind, macht langfristig unglücklich, selbst wenn man kein typischer Verschieber ist.

Quelle: n-tv.de

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