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Sie vergessen niemals ein Gesicht: Wie "Super-Recognizer" in Köln ermitteln

Von Andrea Schorsch

Ihnen gelingt, was Computer nicht schaffen: "Super-Recognizer" erkennen jeden wieder, den sie auf verschwommenen Bildern oder bei einer flüchtigen Begegnung gesehen haben. Eine seltene Fähigkeit, die sich jetzt die Kölner Polizei zunutze macht.

Die Gesichtserkennungs-Software läuft. Sie gleicht Kamera-Bilder einer großen Menschenmenge mit einer Datenbank ab, um einzelne Personen zu identifizieren. Das Ergebnis ist mau. Gerade mal einen Treffer erzielt das Programm. Kein Wunder: Die Aufnahmen sind unscharf, die Auflösung nicht hoch genug. Da stößt die Software schnell an ihre Grenzen.

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So war es zum Beispiel im August 2011 in London – nach einer Serie gewalttätiger Ausschreitungen mit Brandanschlägen, Plünderungen und Vandalismus. Mit 200.000 Stunden Video-Material wollte Scotland Yard damals den Tätern auf die Spur kommen. Dass die automatische Gesichtserkennung dabei nicht weiterhalf, war nicht weiter schlimm. Die britische Polizei hatte einen Trumpf im Ärmel. Sie setzte auf spezielle Mitarbeiter: die "Super-Recognizer"; Menschen, die außergewöhnlich talentiert darin sind, andere wiederzuerkennen. "Super-Recognizern" gelingt, was der Computer nicht schafft. Im beschriebenen Fall identifizierte Constable Collins auf den Aufnahmen 180 Personen – aller Unschärfe zum Trotz. Die "New York Times" widmete ihm einige Zeit später ein Porträt.

Sonnenbrille und Bart? Kein Problem

"Super-Recognizer" vergessen niemals ein Gesicht. Gleichgültig, ob sie die Person auf einem Foto gesehen haben oder ihr einmal kurz im Supermarkt begegnet sind: Das Gesicht brennt sich in ihr Gedächtnis ein. Selbst wenn es erst Jahre später zu einer Wiederbegegnung kommt, können "Super-Recognizer" sagen, wo sie diesen Menschen das erste Mal gesehen haben und wer er ist. Das klappt oft auch dann, wenn der andere inzwischen deutlich gealtert ist, eine andere Frisur hat, das Gesicht hinter Sonnenbrille und Bart versteckt oder eben nur verschwommen auf einem Bild zu erkennen ist.

Die Fähigkeit der "Super-Recognizer" ist äußerst selten. Nur ein Prozent der Bevölkerung verfügt über ein derart ausgeprägtes Personengedächtnis. Ihnen selbst ist ihre besondere kognitive Begabung häufig unangenehm. "Ich muss so tun, als würde ich die Leute nicht wiedererkennen", erzählt einer von ihnen. "Denn es sieht so aus, als würde ich stalken oder als würden mir die Leute mehr bedeuten, als es tatsächlich der Fall ist, wenn ich mich daran erinnere, dass wir uns vor vier Jahren mal gesehen haben, als wir über den Campus liefen …" "Super-Recognizer" behalten ihr Talent also oft für sich – es sei denn, sie nutzen es beruflich.

Fünf "Super-Recognizer" ermitteln in Köln

Für Scotland Yard sind vergleichsweise viele "Super-Recognizer" im Einsatz. Im Oktober 2015 waren es 152. Zwei von ihnen sind nun an den Fahndungsmaßnahmen zur Silvesternacht in Köln beteiligt. Sie arbeiten mit drei Ermittlern der Kölner Polizei zusammen, die vergleichbare Fähigkeiten besitzen. "Mit Hilfe der 'Super Recognizer' wertet die EG 'Neujahr' aktuell 272 GB Datenvolumen, bestehend aus 313 Videos und Bildern, aus", heißt es in einer Mitteilung des Polizeipräsidiums Köln. EG steht dabei für Ermittlungsgruppe.

Bilderserie

Die Begabung, sich Gesichter so außergewöhnlich gut merken zu können, ist wissenschaftlich noch nicht lange belegt. Erst 2009 stieß Harvard-Forscher Richard Russell darauf, als er sich eigentlich mit dem anderen Extrem beschäftigte: der Gesichtsblindheit. Sie kann sich in Folge eines Schlaganfalls, einer Hirnverletzung oder einer Hirnerkrankung manifestieren, bei womöglich 2,5 Prozent der Menschen aber ist sie angeboren. Wer gesichtsblind ist, hat kein Gedächtnis für Gesichter; oft nicht einmal für die nahestehender Menschen, zuweilen gar für das eigene Spiegelbild nicht. Es sind einzelne besondere Kennzeichnen, an denen Gesichtsblinde andere wiedererkennen.

Sind Sie ein "Super-Recognizer"?

Russell fragte sich damals bei seiner Arbeit, ob es wohl neben einem durchschnittlichen Personengedächtnis und einem kaum oder gar nicht vorhandenen auch ein ausnehmend gutes Gedächtnis für Gesichter gibt. Vier Menschen, die meinten, ein solches zu haben, meldeten sich bei ihm. Russell ließ sie unterschiedliche Tests durchlaufen. Zunächst sollten sie einige Berühmtheiten auf Fotos aus Kindertagen entdecken. Auf den Bildern waren die Prominenten also deutlich jünger und noch völlig unbekannt. In einem anderen Test ging es dann darum, neue Gesichter kennenzulernen und sie unter ähnlich aussehenden Menschen wiederzufinden. In beiden Tests schnitten die vier "Super-Recognizer" deutlich besser ab als die 25-köpfige Kontrollgruppe. Mittlerweile wurden weitere Tests entwickelt. Innerhalb von wenigen Minuten kann damit jeder selbst herausfinden, wie es um das eigene Personengedächtnis steht.

Die Fähigkeit der "Super-Recognizer" ist noch weitgehend unerforscht. Derzeit gibt es keine Erkenntnisse darüber, wie es zu dieser Begabung kommt. Setzen "Super-Recognizer" bestimmte Merk-Strategien ein, um sich Gesichter derart intensiv einprägen zu können? Dieser Frage gehen Wissenschaftler nach. Eines aber weiß man schon: "Super-Recognizer" haben nicht in jeder Hinsicht ein gutes Gedächtnis. Eine Einkaufsliste kann sich Constable Collins von Scotland Yard nicht so einfach merken, wie er im Gespräch mit der "New York Times" beteuert. Die müsse er sich aufschreiben.

Quelle: n-tv.de

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