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Aufnahmen aus einer unbemannten Drohne zeigen das ganze Ausmaß der Zerstörung in Fukushima 1.
Aufnahmen aus einer unbemannten Drohne zeigen das ganze Ausmaß der Zerstörung in Fukushima 1.(Foto: dpa)
Mittwoch, 30. März 2011

Japan verschärft Vorschriften: Kunstharz soll Strahlung verhindern

Die Notmaßnahmen der japanischen Spezialisten wirken immer mehr wie Verzweiflungstaten. So soll aufgesprühtes Kunstharz verhindern, dass radioaktive Partikel aus der AKW-Ruine Fukushima in die Luft steigen. Die Regierung setzt die Sicherheitsstandards für alle 55 Atomkraftwerke hoch - das erste Eingeständnis, dass die bisherigen Vorschriften nicht ausreichten.

Die havarierten Reaktoren von Fukushima 1 werden dauernd von Webcams überwacht.
Die havarierten Reaktoren von Fukushima 1 werden dauernd von Webcams überwacht.(Foto: dpa)

Angesichts der Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima hat die japanische Regierung die Sicherheitsstandards für alle Reaktoren im Land verschärft. Bis Ende April muss in allen 55 Atomkraftwerken auch bei einem Stromausfall weiter Energie verfügbar sein, wie das Handelsministerium mitteilte. Im Kraftwerk Fukushima hatte ein Stromausfall für steigende Temperaturen in den Reaktoren und mehrere Explosionen gesorgt. Noch immer tritt gefährliche Strahlung aus. Die Regierung gestand ein, dass die Lage in dem Komplex außer Kontrolle sei.

Die verschärften Sicherheitsstandards sind das erste Eingeständnis der Regierung, dass die Vorschriften vor dem verheerenden Erdbeben und dem nachfolgenden Tsunami nicht ausreichten. Die neuen Vorkehrungen sehen vor, ständig Feuerwehrfahrzeuge mit Schläuchen vorzuhalten, um Reaktoren notfalls von außen kühlen zu können. Außerdem müssen die Kühlsysteme in Reaktoren und Abklingbecken für verbrauchte Brennstäbe besser instand gehalten werden. Nach einer umfassenden Untersuchung der Katastrophe von Fukushima sollen weitere Schritte wie der Bau von Tsunami-Schutzmauern geprüft werden.

Medienberichten zufolge haben die japanischen Behörden und der Kraftwerksbetreiber Tepco vor der Katastrophe wiederholt Gefahren heruntergespielt und Warnungen ignoriert, etwa in einer hauseigenen Tsunami-Studie von Tepco aus dem Jahr 2007.

Störfall in Fukushima 2

Inzwischen wurde mitgeteilt, dass sich auch am Kernkraftwerk Fukushima 2 ein Störfall ereignet hat. Nach Angaben von Tepco stieg etwa eine Stunde lang Rauch auf, der von einer Stromverteiler-Einheit in einem Turbinenraum im ersten Stock herrühre. Er sei dann wieder verschwunden, so Tepco. Genaue Angaben zur Ursache des Rauchs gab es zunächst nicht.

Fukushima 2 befindet sich etwa zehn Kilometer vom stark beschädigten Krisen-AKW Fukushima 1 entfernt. Die vier Reaktorblöcke in Fukushima 2 seien stabil, hieß es bei Tepco. Sie wurden nach dem Erdbeben vom 11. März vorsorglich heruntergefahren.

Klebeversuche mit Kunstharz

Eine unbemannte Drohne hat zahlreiche Luftaufnahmen von dem Unglücksreaktor gemacht. Die Bilder werden jetzt von Experten ausgewertet.
Eine unbemannte Drohne hat zahlreiche Luftaufnahmen von dem Unglücksreaktor gemacht. Die Bilder werden jetzt von Experten ausgewertet.(Foto: dpa)

Die Techniker in Fukushima 1 setzen ihre Hoffnungen derzeit auf drei Notmaßnahmen: Ein ferngesteuertes Fahrzeug soll die Trümmer mit Kunstharz besprühen. Das Besprühen der Fukushima-Ruinen mit wasserlöslichem Kunstharz soll Donnerstag beginnen. Die Harzschicht soll radioaktive Partikel an den Trümmern "festkleben" und verhindern, dass sie vom Wind verteilt werden.

Die Regierung überlegt außerdem, die Reaktoren mit Spezialgewebe abzudecken. Um was für ein Gewebe es sich handeln könnte, wurde nicht mitgeteilt. Als dritte Notmaßnahme ist im Gespräch, radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Kraftwerk in ein Tankschiff auf dem Meer zu pumpen. Wie anschließend mit dem hochgiftigen Wasser verfahren werden soll, wird allerdings nicht berichtet.

Tepco hat kein Konzept

Die täglichen Informationen der Tepco-Vertreter werden stets mit einer Verbeugung eingeleitet.
Die täglichen Informationen der Tepco-Vertreter werden stets mit einer Verbeugung eingeleitet.(Foto: AP)

Die japanische Regierung hatte zuvor mitgeteilt, die sechs Reaktoren in Fukushima 1 nie mehr ans Netz gehen zu lassen. "Das ist sehr klar, wenn man an die gesellschaftlichen Umstände denkt", sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Tepco schloss dagegen nicht aus, dass die zwei noch funktionstüchtigen Reaktoren 5 und 6 wieder in Betrieb gehen könnten. Tepco will zunächst nur die irreparabel beschädigten Blöcke 1 bis 4 dauerhaft stilllegen.

Dort drohen bei einem neuerlichen Ausfall der Kühlung nach wie vor Kernschmelzen. Tepco musste am Mittwoch einräumen, dass diese vier Blöcke weiter nicht unter Kontrolle sind, obwohl sich die Lage in allen sechs Reaktoren "verbessert" habe. Vorstandschef Tsunehisa Katsumata sagte, der Konzern habe noch kein genaues Konzept zur Bewältigung des Atomunfalls.

Deutschland will helfen

Japans Regierung prüft nach Angaben der Bundesregierung deutsche Hilfe für Reparaturarbeiten am Katastrophen-AKW Fukushima. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe Japans Ministerpräsidenten Naoto Kan in einem Telefonat angeboten, funkgesteuertes Spezialgerät für Aufräum- und Reparaturarbeiten zur Verfügung zu stellen, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin mit. Japan hat bereits eine Anfrage an die Internationale Atomenergiebehörde IAEA gestellt, dem Land bei der Bewältigung der Atom-Katastrophe zu helfen.

Inzwischen helfen auch die USA und Frankreich beim Kampf gegen die Katastrophe. US-Präsident Barack Obama sicherte Japan Unterstützung zu. Die USA haben bereits einige Messroboter nach Japan geschickt. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy sollte als Chef der G20-Gruppe am Donnerstag Japan besuchen.

Meerwasser extrem belastet

Die Fischerei vor der Nordostküste Japans ist verboten. Das von den Fischen aufgenommene Gift könnte in die Nahrungskette gelangen.
Die Fischerei vor der Nordostküste Japans ist verboten. Das von den Fischen aufgenommene Gift könnte in die Nahrungskette gelangen.(Foto: dpa)

Kabinettssprecher Edano sagte, wann die Regierung die Lage wieder in den Griff bekommen werde, sei unklar. Experten warnten, Japan könnte die Katastrophe und ihre wirtschaftlichen Folgen erst in einigen Jahren überwunden haben. Im Meerwasser rund um das Kraftwerk Fukushima nahm die radioaktive Belastung zu. Nach der Veröffentlichung eigener Strahlenmessungen forderte Greenpeace die Behörden auf, die Bevölkerung besser zu schützen und die Sperrzone auf 40 Kilometer zu verdoppeln.

Karsten Smid, Atomexperte bei der Umweltschutzorganisation sagte bei n-tv: "Wir haben in den letzten Tagen Strahlenmessungen außerhalb der Evakuierungszone von Fukushima gemacht und mussten feststellen, dass in 40 Kilometern Entfernung von Fukushima, also 20 Kilometer außerhalb der Evakuierungszone, noch Werte von 10 Mikrosievert pro Stunde aufgetreten sind. Das ist eine radioaktive Belastung, die wir für kritisch halten und deshalb fordern wir auch eine Ausweitung der Evakuierungszone auf 40 Kilometer, zum Schutz der Bevölkerung." Um Tsushima seien sogar 100 Microsievert pro Stunde gemessen worden.

Kaiser Akihito und seine Frau Michiko besuchen ein Notaufnahmelager für Flüchtlinge aus den Erdbebengebieten in Tokio.
Kaiser Akihito und seine Frau Michiko besuchen ein Notaufnahmelager für Flüchtlinge aus den Erdbebengebieten in Tokio.(Foto: REUTERS)

Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA wurden in dem 40 Kilometer entfernten 7000-Einwohner-Ort Iitate Strahlung über dem Grenzwert gemessen. "Eine erste Beurteilung deutet darauf hin, dass eine der IAEA-Kriterien für die Evakuierung überschritten wurde", sagte der IAEA-Experte für nukleare Sicherheit, Denis Flory. Man habe Japan geraten, sich die Situation dort genau anzusehen, sagte Flory.

Die IAEA hat im Bereich der nuklearen Sicherheit kaum Kompetenzen und kann Mitgliedsstaaten nur Ratschläge geben, aber nichts anordnen. Japan hatte es bislang nicht für notwendig erachtet, den 20-Kilometer-Evakuierungsradius auszuweiten, wohl aber den Bewohner in einem 30 Kilometer großen Radius empfohlen, das Gebiet freiwillig zu verlassen.

Arbeiter werden zunehmend nervös

Die Arbeiter in dem AKW sind zunehmend zermürbt und ihre Angst vor dauerhaften Gesundheitsschäden wächst. Das sagte ein Manager einer Vertragsfirma des Betreibers Tepco. Zwar gingen die Einsatzkräfte immer wieder in die zerstörten Reaktorblöcke, um die Reaktoren zu kühlen und einen Super-GAU zu verhindern, doch seien die Arbeiter angesichts der endlosen Schwierigkeiten zunehmend nervöser. Man achte darauf, dass Tepco die Spezialisten nicht zu hohen Risiken aussetze, sagte der Manager, der namentlich nicht genannt wurde.

Auch Tepco-Chef Shimizu setzt das Unglück zu.
Auch Tepco-Chef Shimizu setzt das Unglück zu.(Foto: dpa)

Auch Tepco-Chef Masataka Shimizu musste in ein Krankenhaus gebracht werden. Er litt an Bluthochdruck und Schwindelgefühlen. Der 66-Jährige war bereits am 16. März erkrankt - fünf Tage nach dem verheerenden Erdbeben, das in Fukushima zur Katastrophe führte. Shimizu nahm sich eine Auszeit von einer Woche.

Wind dreht auf Tokio

Sorgen bereitet derzeit auch das Wetter. Am Mittwoch werde der aufs Meer wehende Wind seine Richtung ändern. Dann tragen Böen die radioaktiven Partikel aus Fukushima in Richtung der Millionen-Metropole Tokio. "Dort steigt die Konzentration folglich an, allerdings deutlich verdünnt gegenüber der Ausgangsregion", teilte der Deutsche Wetterdienst (DWD) mit. Genaue Werte kennen die Wetterfachleute nicht. Dazu kommt noch Regen, der Welche Kleidung schützt? zu Boden bringen kann. Erst am Donnerstag werde der Wind seine Richtung aber wieder zum Meer ändern.

Sommerzeit soll Strom sparen helfen

Angesichts der Energieknappheit erwägt die japanische Regierung die Einführung der Sommerzeit, damit große Unternehmen Energie sparen. Bisher hatte das Land die Sommerzeit nicht eingeführt. Nach dem Erdbeben, dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe musste Tokio den Strom in einigen Regionen abschalten. Experten befürchten eine anhaltende Energieknappheit.

Unklar ist weiter, wie hoch die Kosten für die Katastrophe sein werden. Ministerpräsident Kan will neben dem eigentlichen Staatshaushalt einen Sonderetat von umgerechnet etwa 17 bis 26 Milliarden Euro aufstellen. Japan ist schon jetzt hoch verschuldet.

Japan befürchtet Handelsblockaden

Unterdessen wächst in anderen Staaten die Angst vor verseuchten Produkten aus Japan. Singapur meldete der IAEA, aus Japan Kohl geliefert bekommen zu haben, in dem die empfohlenen Strahlenwerte um das Neunfache höher seien. Die japanischen Behörden versprachen, die Strahlung zu überprüfen und die Welthandelsorganisation WTO schnell und genau zu informieren. Im Gegenzug appellierte Japan an die Staatengemeinschaft, keine "unvertretbaren" Handelshürden gegen seine Produkte aufzubauen.

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Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner sieht derzeit keinen Grund für ein Importverbot für Lebens- und Futtermittel aus Japan. In Deutschland sei bei den Kontrollen bisher keine Strahlung gemessen worden, sagte die CSU-Politikerin bei einem Besuch bei Strahlen-Kontrolleuren am Frankfurter Flughafen. Sollte sich das ändern, schloss Aigner ein Importverbot allerdings nicht aus.

Quelle: n-tv.de