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Mehr als 1000 Tote durch Beben und Flutwelle Starkes Nachbeben in Japan +++ Kernschmelze droht

Die japanische Regierung warnt vor weiteren Tsunamis. Im Norden bebt die Erde erneut. Am Freitag hatte eine zehn Meter hohe Wasserwand die Nordost-Küste des Landes überrollt und mehr als 1000 Menschen in den Tod gerissen. In weiten Teilen des Pazifik herrscht Tsunami-Alarm. In Japan stehen zahlreiche Gebäude und eine Raffinerie in Flammen. Die Regierung in Tokio ruft den atomaren Notstand aus. Experten zufolge besteht die Gefahr einer Kernschmelze.

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Die Stadt Sendai ist am stärksten von dem Tsunami betroffen.

(Foto: REUTERS)

Der Norden Japans ist von einem weiteren schweren Erdbeben erschüttert worden. Das Beben habe eine Stärke von 6,6 gehabt, meldete der Fernsehsender NHK. Zuvor hatte die japanische Regierung vor weiteren Tsunamis gewarnt.

Am Freitag hatten ein schweres Beben der Stärke 8,9 und ein nachfolgender Tsunami die Nordostküste Japans verwüstet und das Land an den Rand einer Atomkatastrophe gebracht. Mindestens 1000 Menschen kamen ums Leben.

Allein in der von einer Flutwelle heimgesuchten Millionenstadt Sendai im Nordosten des Landes seien 200 bis 300 Leichen an einem Strand gefunden worden, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Jiji. Das n-tv.de Spezial zum Erdbeben in Japan finden Sie hier, zum Liveticker geht es hier.

Gegen 14.45 Uhr Ortszeit (06.45 Uhr MEZ) fing der Boden in Japan an zu beben. Das Epizentrum lag 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und knapp 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokio. Joachim Ritter, Geophysiker an der Uni Karlsruhe, sagte bei n-tv, Beben dieser Stärke ereigneten sich im Schnitt nur alle zehn Jahre.

Zehn Meter hohe Wand aus Wasser

Das Fernsehen zeigte Bilder furchtbarer Verwüstungen. Am schwersten betroffen war die Präfektur Miyagi mit der Hauptstadt Sendai. Die Hafenstadt, in der etwa eine Million Menschen leben, wurde von einer zehn Meter hohen Wasserwand getroffen.

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Videoaufnahmen zeigen, wie in der Stadt Miyako Autos und Container angespült werden.

(Foto: Reuters)

Der Hafen wurde ebenso überflutet wie Fischerdörfer. Im Fernsehen war zu sehen, wie die Flutwelle Schiffe, Lastwagen, Autos und Trümmer vor sich her in die Stadt schob. Flüsse traten über die Ufer. Die Behörden riefen die Küstenbewohner auf, sich in höher gelegene Gebiete oder in obere Stockwerke zu retten. Es drohten weitere Tsunamis. Es könne weitere starke Nachbeben geben. Ein Schiff mit rund 100 Menschen an Bord wurde fortgespült, berichtete die Polizei in Miyagi. Auch zwei Züge werden vermisst.

"Rennen gegen die Zeit": Kernschmelze droht

Nach dem Ausfall der Hauptkühlsysteme und der Stromversorgung in mindestens zwei Reaktoren des Kraftwerks Fukushima sprachen Experten von einem "beängstigenden Rennen gegen die Zeit". Die US-Luftwaffe flog nach Angaben von Außenministerin Hillary Clinton aufbereitetes Kühlwasser zu der Anlage.

Der japanische Ministerpräsident Naoto Kan rief Atomalarm aus. Während mehrere Medien später von einer Stabilisierung der Lage sprachen, meldete die Agentur Kyodo in der Nacht zum Samstag einen Anstieg der Radioaktivität im Turbinengebäude.

Der Druck überstieg nach Angaben der Atomsicherheitsbehörde das 1,5fache dessen, wofür das Turbinengebäude ausgelegt ist. Die Betreiberfirma Tepco erwäge, den Druck abzulassen, wisse aber nicht, wie stark die radioaktive Strahlung im Inneren sei. Der japanische Kabinettschef Yukio Edano sagte, durch Ablassen des Drucks könne Radioaktivität in geringem Umfang in die Umwelt gelangen. In einem Umkreis von drei Kilometern um das AKW seien alle Bewohner in Sicherheit gebracht worden.

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Auch in der Stadt Natori in der Präfektur Tochigi wurden Menschen in Autos und Häusern weggeschwemmt.

(Foto: AP)

Im ebenfalls abgeschalteten Atomkraftwerk Onagawa brach ein Feuer in einem Turbinengebäude aus. Die Betreibergesellschaft erklärte, dass keine radioaktive Strahlung ausgetreten sei. Der Brand wurde nach Angaben der Behörden nach einigen Stunden gelöscht.

Zwei Raffinerien in Flammen

In einer Raffinerie in einem Vorort von Sendai ereignete sich eine heftige Explosion. Im Fernsehen war zu sehen, wie riesige Flammen über der Fabrik hochschlugen. Das Beben hatte zudem einen Großbrand in einer Raffinerie in der Stadt Iichihara im Großraum Tokio ausgelöst. Der Industriekomplex stand in Flammen, wie im japanischen Fernsehen zu sehen war. Die Anlage wird von dem japanischen Erdölkonzern Cosmo Oil betrieben.

Auch in der japanischen Hauptstadt standen Gebäude in Flammen. Die U-Bahn in Tokio stellte ihren Betrieb ein. Die Hochgeschwindigkeitszüge in den Norden des Landes wurden gestoppt, Flüge umgeleitet. An den beiden Tokioter Flughäfen Narita und Haneda saßen mehr als 20.000 Reisende fest.

Erinnerung an 2004

Das Beben ist nach Einschätzung von Forschern mit dem Tsunami im Dezember 2004 in Südostasien vergleichbar. Es sei zwar nicht ganz so groß, aber in derselben "Preisklasse", sagte der Seismologe Michael Weber vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. Über Monate kann es auch noch schwere Nachbeben mit Stärken bis zu 8 geben, betonten Wissenschaftler.

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Überschwemmte Straßen in Yamamoto in der Präfektur Miyagi.

(Foto: REUTERS)

Der japanische Wetterdienst teilte mit, dass in der Stadt Soma im Nordosten ein Tsunami mit einer Wellenhöhe von mehr als 7,3 Metern gemessen wurde. Die Regierung der Metropolregion Tokio erklärte, dass sie 19 ihrer Fluttore geschlossen hat, um sich auf einen möglichen Tsunami vorzubereiten. Das japanische Innenministerium teilte nach Angaben des Senders NHK mit, in Städten und Präfekturen seien etwa 100 Brände gemeldet worden.

Aus der Provinz Iwate waren bei dem Sender NHK Straßenzüge mit eingestürzten Häusern zu sehen. In Tokio waren die Telefonnetze stundenlang überlastet, Menschen konnten ihre Angehörigen nicht erreichen. Mehr als vier Millionen Haushalte waren ohne Strom. Die U-Bahn wurde geschlossen genauso wie Flughäfen in der Region. Nach Angaben der Zuggesellschaft East Japan Railway wurde der Zugverkehr im Nordosten Japans zu großen Teilen eingestellt. Betroffen waren sowohl der Schnellzug Shinkansen als auch lokale Zugverbindungen.

Auf den Straßen bildeten sich lange Staus, an den Bahnhöfen strandeten massenweise Pendler. Viele Menschen trugen Helme aus Angst vor herabstürzenden Gegenständen. Mehrere Nachbeben hielten die Bewohner in Atem. "Es war wie auf einem großen Dampfer mitten im Sturm", sagte der Schweizer Designer Oliver Reichenstein in Tokio. "Wenn man das dreizehnte, vierzehnte und fünfzehnte Mal durchgerüttelt wird, ist man schon zittrig."

Zahlreiche Länder, darunter auch Deutschland, haben Japan inzwischen Hilfe angeboten.

Rettungsdienste sind überfordert

Der Tsunami schwappte auch in die Stadt Natori in der Präfektur Tochigi. In Autos und Häusern seien Menschen weggeschwemmt worden, berichtete der Sender NHK. Die örtlichen Behörden seien nicht in der Lage, den Menschen zur Hilfe zu kommen. Die Katastrophe sei so schlimm, dass selbst örtliche Rettungsdienste zusammengebrochen seien.

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(Foto: dpa)

Der Leiter des Goethe-Instituts in Tokio, Raimund Wördemann, sagte der Nachrichtenagentur dpa etwa eine Stunde nach dem ersten Erdstoß während eines Nachbebens: "Wir müssen hier erst einmal die Ruhe bewahren." Es gebe im Gebäude keinen absoluten sicheren Raum. "Es gibt nur eben die Aussage, das Gebäude selbst sei besonders sicher, so dass wir hier mit Helm auf dem Kopf und teilweise unter den Tischen kauernd im Moment noch ausharren."

Tsunami-Warnungen von Hawai bis Indonesien

In etwa zahlreichen anderen Pazifikländern rüsten sich die Menschen für die Tsunamiwelle und bringen sich in Sicherheit. Die Behörden an der Westküste der USA warnten die Bewohner vor einer Flutwelle. Auch auf Indonesien, den Philippinen und an der russischen Pazifikküste wurde Tsunamialarm ausgerufen. Länder wie Taiwan gaben allerdings Entwarnung, der befürchtete Tsunami blieb dort aus. In Südamerika soll die Welle kurz vor Mitternacht Orstzeit (Samstag 04.00 Uhr MEZ) zuerst den Norden Chiles erreichen.

Quelle: ntv.de, hvo/dpa/AFP/rts