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Japanern fehlen Strom, Brot, Benzin Tausende Tote sind gezählt

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Hier stand einst die Stadt Kesennuma. Die Präfektur Miyagi gehört zu den am schwersten betroffenen Gebieten.

(Foto: dpa)

Am Tag 3 nach Erdbeben und Tsunami in Japan steigt die Zahl der Toten in die Tausende, aber noch viel mehr Menschen werden vermisst. Selbst die Helfer, die bei vergangenen Katastrophen viel Leid gesehen haben, sind schockiert vom Ausmaß der Zerstörung. Auch außerhalb des eigentlichen Katastrophengebiets fehlt es am Wichtigsten: Strom, Brot und Benzin. Trotz aller Disziplin wächst das Chaos.

Verzweiflung, Furcht und Chaos breiten sich in Japan aus. Strom, Lebensmittel und Kraftstoff werden knapp - besorgte Bürger bilden lange Schlangen vor Supermärkten und Tankstellen. Immer wieder bebt die Erde. Im Nordosten der Hauptinsel Honshu graben Rettungskräfte weiter in den Trümmern nach Opfern von Erdbeben und Tsunami. Die Polizei sprach am Montag von 5000 Toten und identifizierten Vermissten. Bestätigt waren am Montag mehr als 3600 Tote.

Am dritten Tag nach dem Megabeben mit der Stärke 9,0 schwand indes die Hoffnung, noch Überlebende zu finden. In der besonders betroffenen Provinz Miyagi waren die Behörden weiterhin ohne ein Lebenszeichen von rund 10.000 Menschen. Nach Hunderten namentlich bekannten Vermissten wurde andernorts gesucht. Viele Verkehrswege in der Region sind nach wie vor unterbrochen. Hinweise auf deutsche Opfer gebe es bisher keine, teilte das Auswärtige Amt in Berlin mit.

Regierung erwägt Luft- und Seebrücke

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In Minami Sanrikucho in der Präfektur Iwate wird ein Verletzter geborgen.

(Foto: AP)

Im Katastrophengebiet irren weinende Überlebende auf der Suche nach Verwandten und Freunden durch die Trümmerlandschaft. "Ich suche meine Eltern und meinen älteren Brüder", sagt Yuko Abe in der weitgehend zerstörten Kleinstadt Rikuzentakata. Möglicherweise hätten sie die Naturkatastrophe nicht erlebt. Weil die Telefone nicht funktionieren, kann die 54-Jährige auch niemandem sagen, dass sie noch lebt.

Viele Obdachlose verbringen die Nacht bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in Notunterkünften. Nach UN-Angaben haben 2,6 Millionen Menschen keinen Strom, 3,2 Millionen haben kein Gas. Mindestens 1,4 Millionen Einwohner können nicht mehr mit Trinkwasser versorgt werden. 500.000 Menschen harren in Notunterkünften aus. Lebensmittel, Wasser und Decken sind auf dem Weg zu den Überlebenden. Nach Angaben des Tokioter Innenministeriums haben das Erdbeben und der anschließende Tsunami 72.945 Gebäude zerstört oder dauerhaft unbenutzbar gemacht. Weil die Laster wegen der Straßenschäden nur schlecht vorankommen, erwägt die Regierung die Einrichtung einer Luft- und Seebrücke.

Russland will nach den Worten von Vize-Regierungschef Igor Setschin angesichts der Stromengpässe helfen und etwa 6000 Megawatt aus den fernöstlichen Landesteilen in das benachbarte Japan weiterleiten. Darüber hinaus sei der Energieriese Gazprom bereit, Japan im April und Mai mit 200.000 Tonnen verflüssigtem  Erdgas zu unterstützen. Auch die Kohlelieferungen könnten gesteigert werden.

Tokio wird zur Geisterstadt

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Für Lebensmittel muss man lange anstehen.

(Foto: REUTERS)

Große Teile Tokios wirkten am ersten Werktag nach dem Jahrhundertbeben wie eine Geisterstadt. Wegen der Störfälle in mehreren Atomkraftwerken wurde überall der Stromverbrauch gedrosselt: "Das war richtig gespenstisch. Die Straßen waren wie leergefegt, in Hochhäusern brannten keine Lichter", beobachtete ein dpa-Reporter. Die normalerweise hell erleuchtete Rainbow Bridge im Hafen der Hauptstadt sei komplett dunkel gewesen.

In den Supermärkten trieben die Verkäufer ihre Kunden zur Eile bei den Hamsterkäufen an: "Bitte beeilen sie sich. Wir haben noch zehn Minuten, dann wird der Strom für drei bis vier Stunden abgeschaltet", sagte ein Mitarbeiter in einem Lebensmittelladen in Ibaraki. Viele Regale wurden leergeräumt. Eine ältere Frau sagte dem Fernsehsender NHK, sie kaufe alle Lebensmittel, die sie auftreiben könne. Sie horte auch Trinkwasser sowie Batterien wegen der erwarteten Stromausfälle.

"Die Leute bevorraten sich vor allem mit Wasser und Reis, aber auch mit Konserven", sagte ein Sprecher des Handelskonzerns Metro in Düsseldorf. Es laufe in den neun japanischen Märkten des Unternehmens relativ ruhig ab. "Bis jetzt haben wir noch keine Lieferengpässe", sagte der Sprecher. Andernorts fehlte es an Nachschub, weil auch der Treibstoff knapp wurde.

Schlangestehen nach Benzin

Zettel mit der Aufschrift "Ausverkauft" hingen an vielen Tankstellen in der Präfektur Ibaraki, die zwischen Tokio und der besonders betroffenen Region mit dem Atomkraftwerk Fukushima liegt. Dort ist es bitterkalt. An den wenigen noch offenen Tankstellen stehen lange Schlangen: Menschen kamen mit Dutzenden Kanistern, um ihre Benzin- und Heizölvorräte aufzustocken.

Der japanische Stromversorger Tepco, der auch die beschädigten Atomkraftwerke von Fukushima betreibt, begann mit regionalen Stromabschaltungen. Teile des Großraums Tokios waren daraufhin in Dunkelheit gehüllt. Die Rationierung in der Stromversorgung werde mindestens bis Ende April dauern, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf Tepco. Dies werde sich auf den Zugverkehr und die Wirtschaft im Raum Tokio ebenso auswirken wie auf das Alltagsleben der Menschen.

Tepco befürchtet Engpässe von bis zu 10 Millionen Kilowatt an Werktagen. Japan bezieht 35 Prozent seines Stroms von Atomkraftwerken. Die abgeschalteten Reaktoren in Fukushima, Onagawa und Tokai produzieren 3,5 Prozent des japanischen Bedarfs.

Helfer kommen kaum ins Katastrophengebiet

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Doch oft genug finden die Helfer nur noch Tote.

(Foto: AP)

Manche Hilfsorganisationen zogen aus Furcht vor einer atomaren Katastrophe ihre Helfer aus Japan ab. Die Regierung in Tokio bat die Europäische Union, keine Ausrüstung und keine Hilfsteams mehr ins Land zu schicken. Sie begründe dies mit den Schwierigkeiten, die Helfer in das Katastrophengebiet zu bringen, sagte ein Sprecher der EU-Kommission in Brüssel. Ein Team des Technischen Hilfswerks (THW) mit Rettungsgerät hat unterdessen die Region erreicht.

Die 41 THW-Helfer schlugen ihr Camp nach Angaben eines Sprechers in Bonn rund 50 Kilometer nördlich der Millionenstadt Sendai auf, die vom Tsunami voll getroffen wurde. Erste Gebietserkundungen mussten die Deutschen nach einem erneuten heftigen Nachbeben und einer folgenden Tsunamiwarnung einstellen. Sie seien in ihr sicheres Lager zurückgekehrt, sagte ein Sprecher. Es werde streng darauf geachtet, dass die Helfer keiner überhöhten Strahlung ausgesetzt würden.

Und wieder bebt die Erde

Ein heftiges Beben der Stärke 6,2 erschütterte am Montag auch die Hauptstadt Tokio. Der Bahnverkehr kam weitgehend zum Erliegen. Auf der wichtigen Ost-West-Linie durch die Hauptstadt fuhr nur noch jeder zehnte Zug, wie das japanische Fernsehen meldete. Die Verbindungen zum Flughafen Narita wurden ebenfalls eingestellt. Dort wackelte die Abflughalle. Reisende sprangen erschrocken auf.

Das Epizentrum lag nach Angaben der US-Erdbebenbehörde USGS 140 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt - also in Richtung der Atomanlagen in Fukushima. Eine Tsunami-Warnung wurde später wieder aufgehoben.

Bündnis richtet Spendenkonto ein

Bündnispartner von Aktion Deutschland Hilft unterstützen Japaner, die von den Auswirkungen des Erdbebens betroffenen sind. Aktion Deutschland Hilft ist das 2001 gegründete Bündnis von zehn renommierten deutschen Hilfsorganisationen, die im Falle großer Katastrophen ihre Kräfte bündeln, um schnelle und effektive Hilfe zu leisten. Aktion Deutschland Hilft bittet um Spenden für die Betroffenen des Erdbebens in Japan.

Aktion Deutschland Hilft
Stichwort: Erdbeben/Tsunami Japan
Spendenkonto 10 20 30, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00
Spendenhotline: 0900 55 102030 oder im Internet: aktion-deutschland-hilft.de
Charity SMS: SMS mit adh10 an die 8 11 90 senden (10 Euro zzgl. üblicher SMS-Gebühr, 9,66 Euro gehen direkt an Aktion Deutschland Hilft)

Quelle: ntv.de, dpa/rts/AFP

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