Fünf Jahre "Wir schaffen das" Nikolaus Blome: "Das Wichtigste fehlt"
Wirtschaftlich hat es Deutschland natürlich geschafft, weit über eine Million Flüchtlinge und Zuwanderer großherzig aufzunehmen, zu versorgen und einen stetig wachsenden Teil von ihnen zu integrieren. Darauf kann man wirklich stolz sein.
Zugleich hat sich erwiesen, dass viele Einheimische wachsende kulturelle Ungleichheit deutlich kritischer sehen als die Ungleichheit etwa von Einkommen oder Vermögen. Je öfter sie von oben hörten "Wir schaffen das", umso lauter riefen sie zurück: "Wir wollen das gar nicht." Es rächt sich bis heute, dass die Politik 2015 den Eindruck entstehen ließ, Zuwanderung nach Deutschland sei in einem grenzenlosen Europa nicht mehr steuerbar. Dieser Eindruck von Ohnmacht oder Kontrollverlust hat vielfach verständliche Befürchtungen ausgelöst, aber auch hässliche Ressentiments freigelegt, die bis weit in die bürgerliche Mitte reichen. Derzeit werden die Zuwanderungszahlen mit drastischen Mitteln niedrig gehalten, doch das Wichtigste fehlt: einen neuen gesellschaftlichen Konsens über das wünschenswerte Maß an Offenheit und Vielfalt sowie an Steuerung oder Begrenzung zu formen - das haben wir noch nicht geschafft.
Nikolaus Blome ist Leiter des Ressorts Politik und Gesellschaft in der Zentralredaktion der Mediengruppe RTL Deutschland.