Leben

Vertragsarbeiterinnen in der DDR Abgeschottet und ohne Lobby

imago0052124286h.jpg

Viele erhofften sich von der DDR ein besseres Leben.

(Foto: imago stock&people)

Vertragsarbeiterinnen aus Ländern wie Vietnam lebten in der DDR von der Mehrheitsgesellschaft getrennt und wurden vielfach diskriminiert und angefeindet. 30 Jahre nach der Wende sprechen immer mehr von ihnen über ihre Erfahrungen.

Lan Ngoc Hoang ist angekommen. Das war nicht immer so. Die 51-Jährige wohnt mit ihrem Mann in Charlottenburg und hat zwei erwachsene Kinder, die ebenfalls in Berlin leben. Ihr 20-jähriger Sohn macht eine Ausbildung zum IT-Systemelektroniker, die 27-jährige Tochter arbeitet gegenwärtig an der Charité an ihrer Doktorarbeit im Fach Biochemie. "Ich bewundere sie, sie hatte schon immer so viel Spaß am Lernen und widmet sich ihrem Studium mit einer solchen Leidenschaft", sagt Hoang.

Sie selbst kam als 18-Jährige im April 1987 von Hanoi nach Ost-Berlin und träumte von einer guten Ausbildung. Schnell musste sie feststellen, dass ihre Erwartungen herb enttäuscht werden würden. Denn die Vertragsarbeiter, die ab den 1960er-Jahren in die DDR geholt wurden, wurden dort eingesetzt, wo Arbeitskräfte fehlten, zum Beispiel in der Textilindustrie. Eine solide Ausbildung blieb ihnen verwehrt, ihre Verträge waren auf maximal sechs Jahre angelegt, ein festes Bleiberecht war nicht vorgesehen. Der Großteil dieser knapp 100.000 Arbeiter kam aus Vietnam, Schätzungen zufolge rund 60.000, der Rest aus Mosambik, Kuba und Angola.

Als junge Frau in Vietnam wollte Hoang Bibliothekarin werden. "Aber man musste dafür studieren und in der ganzen Stadt gab es nur vier Studienplätze. Die Konkurrenz war enorm, die Arbeitslosigkeit in meiner Heimat auch. Also drängten meine Eltern darauf, dass ich ins Ausland gehe", erinnert sie sich. Dass sie später einen Zeitschriftenkiosk mit vielen Fachmagazinen betrieb, war ihre Art, den Traum von damals wenigstens ein bisschen zu leben.

Akkordarbeit statt guter Ausbildung

Hoang erzählte ihre Lebensgeschichte in einem Werkstattgespräch der Agentur für Bildung aus der Reihe "Unangepasst - Repressionserfahrungen von Frauen in der DDR". Moderiert wurde es von der Filmemacherin Julia Oelkers. Sie widmet sich seit den frühen 90er-Jahren dem Thema Migration in die DDR. Für ihre Web-Dokumentation "Eigensinn im Bruderland", die sie mit Isabel Enzenbach vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin produzierte, erhielten sie und ihr Team im Sommer den Grimme Online Award. Oelkers beschreibt die Migrations-Erfahrung von Frauen wie Hoang wie folgt: "Der Aufenthalt der Vertragsarbeiter in der DDR war befristet, das war eine zentrale Voraussetzung. Alles war darauf ausgerichtet, dass sie nicht dauerhaft bleiben - sie waren von der Gesellschaft abgeschottet, lebten in Wohnheimen, durften nicht heiraten und auch keine eigenen Wohnungen mieten."

IMG-51c1e33923c6c1dc6db221311d730c8c-V.jpg

Lan Ngoc Hoang hat inzwischen den größten Teil ihres Lebens in Deutschland verbracht.

(Foto: privat)

So erlebte es auch Hoang, die die DDR nur aus dem Fernsehen kannte, als sie mit 18 in Berlin-Schönefeld landete. Das Land wirkte in den Filmen modern. Sie war jung und abenteuerlustig und hoffte darauf, hier einen Beruf zu erlernen, der auch in ihrer Heimat Respekt genoss. Stattdessen nähte sie im "VEB Fortschritt Herrenbekleidung" in Berlin-Lichtenberg Hosen und Sakkos im Akkord. "Jeden Tag der gleiche Arbeitsschritt, wie am Fließband", sagt sie.

Hoang teilte sich in Marzahn mit sieben weiteren Frauen eine Wohnung, die eigentlich für eine Familie mit zwei Kindern ausgelegt war. Kaum Privatsphäre, keine Berührungspunkte mit DDR-Bürgern - die Vertragsarbeiter lebten in einer Art Parallelgesellschaft. "Ich war einmal in einer Disko, aber man hat gemerkt, dass wir nicht erwünscht waren, und ich habe mich nicht wohlgefühlt, also blieben wir lieber unter uns", erinnert sie sich. Am Wochenende feierte sie mit anderen Männer und Frauen aus Vietnam Geburtstage, trank Kaffee und aß Kuchen, musizierte und tanzte.

Schwangerschaften waren nicht erwünscht

Als ihre Freundin schwanger wurde, begleitete Hoang sie zur Abtreibung ins Krankenhaus. Vertragsarbeiterinnen, die ihr Kind behalten wollten, wurden in ihre Heimat zurückgeschickt. Noch heute ist Hoang fassungslos, wie verantwortungslos der Umgang mit den jungen Frauen damals war. "Niemand hat uns aufgeklärt. Bei einer Massenuntersuchung bei einer Gynäkologin in Rostock wurde uns einmal die Pille in die Hand gedrückt, aber wir wussten nicht, was das ist. Manche hatten Angst, dann gar keine Kinder bekommen zu können. Man ließ uns damit allein und wenn wir schwanger wurden, lag die Verantwortung nur bei uns und nicht bei den Männern", sagt sie.

Für den sozialistischen Staat waren Frauen wie Hoang wenig mehr als verfügbare Arbeitskräfte, sagt auch Oelkers: "Frauen, die schwanger wurden, mussten die Schwangerschaft entweder beenden oder in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Das gängige Narrativ in der sozialistischen DDR war in etwa: Wir helfen, wir bringen ihnen alles bei - die Tatsache, dass die Vertragsarbeiter ja durchaus Arbeit geleistet haben, wurde gerne übersehen. Und so fiel es dann auch leicht, sie zurückzuschicken - man handelte schließlich aus Solidarität."

Nach der Wende keine Lobby

Hoang biss sich durch: Sie meldete sich für einen Deutschkurs an der Volkshochschule an und versuchte, trotz der anstrengenden Schichtarbeit die Sprache zu lernen. Nach der deutschen Wiedervereinigung bemühte sich die Bundesregierung darum, die Verträge aufzulösen und die Arbeiter in ihre Heimat zurückzuschicken. Auch Hoang bekam von ihrem Werks-Dolmetscher ein Schreiben mit ihrer Kündigung in die Hand gedrückt.

Sie entschloss sich, zu bleiben, arbeitete in einer Putz-Kolonne, lebte mit anderen früheren Vertragsarbeitern in einer Wohngemeinschaft in Marzahn und lernte schließlich ihren Mann bei einem von der SPD organisierten Seminar für ehemalige Vertragsarbeiter kennen.

Das Paar heiratete 1992, ein Jahr später brachte Hoang ihre Tochter zur Welt. Später machte sie ihr Examen zur Altenpflegerin und blieb dann viele Jahre mit ihrem Sohn, der als Kind lange krank war, zu Hause. Heute führt sie einen Kiosk in Schöneberg und blickt ohne Groll auf die Zeit in der DDR zurück. "Es war ein kommunistisches Regime, genauso wie in Vietnam - und ja, es war menschenunwürdig, wie man mit uns umging, und wir konnten uns nicht wehren. Aber es bringt nichts, sich über die Vergangenheit aufzuregen", sagt sie.

Hoang sah den Mauerfall als ihre Chance auf ein gutes Leben in Freiheit. Dass es ihr gelungen ist, ihren Weg zu gehen, ist nicht selbstverständlich. "Ähnlich wie die sogenannten Gastarbeiter in Westdeutschland hatten die Vertragsarbeiter im wiedervereinigten Deutschland lange keine Lobby. Fast alle verloren ihre Arbeit. Vielen blieb keine andere Möglichkeit, als sich selbstständig zu machen. Geblieben sind am ehesten die, die sich in der unsicheren Situation und häufig rassistischen, feindlichen Stimmung der Transformationszeit einen Neuanfang zugetraut haben", sagt Oelkers.

Quelle: ntv.de