Leben

Jiddischer Ruf für Recycling "Alte Sachen" kennt jeder in Tel Aviv

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Ahmed und Charly Muhammad lassen sich mit ihrem Karren nicht vertreiben.

(Foto: Tal Leder)

Wenn sich zu Hause Sperrmüll angesammelt hat, warten Israelis, bis ein ganz bestimmter Ruf auf der Straße ertönt. Denn mit dem jiddischen Ruf "Alte Sachen" auf den Lippen ziehen bis heute die Altwarenhändler mit ihren Karren umher.

Auf einer modernen Flaniermeile zieht ein müdes Pferd einen altmodisch anmutenden Karren. Daneben brausen die neuesten Autos und Motorräder vorbei. "Alte Sachen, alte Sachen," brüllt Ahmed in sein Mikrofon. "Yalla, bewege dich endlich mal ein bisschen schneller", schnauzt er das Tier an. "Mach mal langsam, Bruder, du erschreckst doch nur den Wallach", will ihn Charly Muhammad beruhigen. Hinter ihm raucht Mosche, genannt Mussa, zwischen einer zerrissenen Couch und einer halb kaputten Mikrowelle liegend, eine Zigarette.

Das ist keine Szene aus einem Low-Budget-Film, sondern ein ganz normaler Anblick in Tel Aviv im Sommer des Jahres 2018. Was man in der westlichen Welt häufig nur noch in ländlichen Regionen sieht, ist in israelischen Städten ganz normaler Alltag. Doch auch auf den Straßen von Jerusalem, Haifa oder Tel Aviv ist ein Pferdewagen natürlich kein gewöhnliches Fortbewegungsmittel. Die "Alte Sachen"-Kutsche ist ein israelisches Kulturphänomen und eine einheimische Form des Recyclings.

Israel recycelt schon seit Jahrzehnten und das nicht nur beim Hausmüll. Immer wenn ein Pferdekarren durch eine israelische Stadt fährt und der Kutscher "Alte Sachen" ruft, dann wissen die Leute sofort Bescheid, dass man jetzt sein Gerümpel loswerden kann.

Feilschen gehört zum Geschäft

"Wir machen das seit über 45 Jahren", erzählt Charly Muhammad. "Unser Vater nahm uns schon als Teenager mit und seit seinem Tod 2008 haben wir zusammen mit seinem ehemaligen Partner Mussa das Geschäft übernommen", fügt er noch hinzu. "Die Zeiten haben sich geändert", brüllt Mussa, der für den Vater wie ein Bruder war, von der Ladefläche. "Früher waren die Leute froh, wenn sie uns ihre 'Alte Sachen' gaben. Heute verlangen sie sogar manchmal Geld dafür", schüttelt er den Kopf.

Ihre gesammelten Dinge verkauft Mussa meist an verschiedene Ramsch- und Flohmarkthändler oder auch an Secondhand-Shops. Man feilscht, verhandelt und am Ende kommt man schließlich zu einer Einigung. Typische Nahostmentalität. "Mit Antiquitäten oder Teppichen verdienen wir das meiste, für die andere Ware gibt es nur Kleingeld", fügt er noch hinzu.

Zwei Araber und ein Jude, dessen Vorfahren vor über 120 Jahren aus Marokko nach Palästina kam, rufen im 21. Jahrhundert ein jiddisches Schlagwort. "Natürlich wissen wir, dass die Phrase 'Alte Sachen' aus dem Jiddischen und Deutschen stammen", erklärt Ahmed. "Das alles sind noch Überbleibsel aus den 1920er- und 1930er- Jahren, als auf den Straßen von Tel Aviv diese beide Sprachen noch recht häufig gesprochen wurden." Traditionell wurde es vom Kutscher gerufen.

Im Laufe der Jahrzehnte wurden die professionellen Ramschsammler landesweit zum geschätzten Entrümpelungsservice, die in den Straßen der Städte den Müll der Anwohner für den Weiterverkauf sammelten, einschließlich von Geräten, Kleidung und Möbeln. Ironischerweise sind viele, wenn nicht die meisten Schrotthändler, die heutzutage "Alte Sachen" rufen, Araber. Einige spielen den Schlachtruf sogar über eine aufgenommene Nachricht über einen Lautsprecher ab, der an ihrem Wagen angebracht ist.

Geschätzter Entrümpelungsservice

Als vor einigen Jahren verschiedene Tierschutzorganisationen und Verkehrsplaner den "Alte Sachen"-Betreibern Druck machten und sogar Demonstrationen organisierten, verabschiedete der Wirtschaftsausschuss der Knesset neue Gesetze. Sie sollten den Verkehr von Pferde- und Eselskutschen regeln, der "in den meisten israelischen Städten nicht mehr zum aktuellen Lebensstil" passe.

Einige Gemeinden in Nordisrael wehrten sich jedoch, weil ein flächendeckendes Verbot der Wagen den Tourismus schädigen würde. Die neuen Vorschriften erlauben nun zwar den Einsatz von Kutschen für touristische, jedoch nicht für andere Zwecke. Das brachte einige Ramschhändler unter Zugzwang. Trotz neuer Gesetze fanden sie Schlupflöcher, um ihre Karren weiterhin von einem Pferd oder Esel ziehen zu lassen. Denn wenn sie sich an die Verkehrsregeln halten, dann kann kein Gesetz diese Kutsche als Fortbewegungsmittel verbieten.

Für die 89-jährige Dora Gold, die im Norden von Tel Aviv lebt, sind die "Alten Sachen" nicht wegzudenken. Die Holocaust-Überlebende kam kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf Irrwegen nach Palästina und findet den Entrümpelungsservice ganz praktisch. "Es ist eine Institution in Israel. So eine Art Kulturgut, das von Arabern und Juden betrieben wird. Es gehört zu Israel wie der Davidstern auf unserer Flagge."

"Mit unserem Pferd gehören wir doch zum Inventar dieser Stadt", lacht auch Ahmed. "Die Regierung sollte es in ihrem so eben erst verabschiedeten Nationalstaatsgesetz verankern." Solange es geht, werden Ahmed und seine Familie jedenfalls weiter mit ihrem "Alte Sachen"-Schlachtruf durch Tel Aviv ziehen, um den Einwohnern ihren Sperrmüll abzunehmen.

Quelle: n-tv.de

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