Leben

Gayle Tufts tritt wieder auf "Because ich freu mich so!"

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Hat ihre Privilegien mal gecheckt - und herausgefunden: Uns geht's trotz allem ganz gut.

(Foto: Konstantin Stell )

Die Theater machen wieder auf, es darf gespielt werden. Wie gut es uns in Deutschland geht, das merkt man ja meist erst dann, wenn einer mit dem Blick von draußen auf einen schaut. Gayle Tufts lebt zwar schon lange in Deutschland, aber mit ihrem Denglish zeigt sie unmissverständlich: "Ey Leute, ich lieb' euch zwar, but eine muss euch mal den Mirror vor die Nase halten." Das tut sie im September und November, mit ihrer neuen Show "Gayle Tufts - Wieder da!" Mit ntv.de spricht die Entertainerin über flache Kurven, runde Jubiläen und sämtliche Ecken und Kanten.

ntv.de: Wie waren die letzten Monate für Sie, Frau Tufts?

Gayle Tufts: Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass man nur sehr wenig bis gar nichts kontrollieren kann. Noch weniger als sonst. Was man zum Beispiel nie kontrollieren kann, ist das Wetter - also meine Premiere am Mittwoch findet bei 34 Grad statt (lacht). Das muss doch nicht sein, dachte ich, andererseits: Im Theater ist es schön kühl!

Sind die Leute nicht ausgehungert? Nach Kultur, nach Veranstaltungen?

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Sie ist wieder da!

(Foto: Robert Recker)

Ja, aber es bleibt schwer. Die Menschen sind auch noch sehr vorsichtig! Es gibt ja keinen sichereren Ort als ein Theater wie das Schillertheater - genug Abstand, perfekte Lüftung, ein super Programm (lacht). Das einen hoffentlich glücklicher aus dem Theater hinausgehen lässt, als man hineingegangen ist.

Wie ergeht es Ihnen denn persönlich gerade mit dem Stück?

Ich bin super happy! I mean, ich produziere das hier alles alleine beziehungsweise mit meinem Produzenten Lutz Gajewski zusammen. Wir machen das seit Jahren so, und es läuft auch, aber wir leben nun mal von den verkauften Karten. Das Schillertheater hat 1000 Plätze, es dürfen jetzt aber nur 250 Leute rein. Das ist auf jeden Fall besser als nichts, ich will um Gottes Willen nicht klagen, you know me, because ich freu' mich einfach so sehr, diese Show überhaupt machen zu können.

Worum wird es gehen?

Ich glaube, es gibt zwei Extreme im Moment: die einen, die die ganze Zeit so tun, als wäre nichts, und die anderen, die nur ein Thema haben: Corona. Deswegen geht es auch um die goldene Mitte, darum, ein bisschen aufzuarbeiten, was wir alle durchgemacht haben. Das ist jetzt wichtig. Mich interessiert, wie es anderen erging in den letzten Monaten. Aber auch ein bisschen Spaß zu haben, wäre mal wieder schön. Für mich ist wichtig, that the show is also fun! Sie ist eine Mischung aus ernsthaft, politisch – das lässt sich nicht vermeiden, ich muss auch mal über Angela Merkel sprechen – aber auch lustig. Das Leben geht weiter.

Wie schaffen wir das denn, dass das Leben weitergeht? Es sind ja definitiv Menschen gestorben, sterben noch immer, viele haben ihre Arbeit verloren - es schwelt eine Unzufriedenheit in der Gesellschaft, vor der man Angst haben muss, wenn sie explodiert.

Was sehr belastend ist, ist die Hoffnungslosigkeit. Ich probiere, ein wenig Hoffnung zu geben. Ich glaube, wir alle in der Entertainment-Branche sollten sehr menschlich sein. Das Thema der Stunde ist Mitmenschlichkeit, und dass wir nicht allein sind. Es ist tatsächlich so: We are all in this together – jetzt müssen wir es nur auch wieder mal mehr zeigen und leben! Je mehr wir zusammenhalten, desto besser! Bloß keine "us and them"-Situation. Das sehen wir in meiner alten Heimat Amerika ganz deutlich. Hier auch, aber nicht so schlimm wie in den USA. Und ja, ich weiß, es ist eine Bühnenshow und nicht die United Nations. Aber ich will trotzdem was bewegen.

Gutes Konzept …

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Musik hilft immer.

Ja, ich mach das auch für mich. Und ich mach' nicht nur Comedy, sondern auch Musik. Musik hilft immer.

Auf jeden Fall.

Ich habe mit Marian Lux einen musikalischen Partner an der Seite, der mit mir Soulfood – Seelenfutter – vom Allerfeinsten bietet. Die Regie bei uns macht niemand Geringeres als Christopher Tölle, der eigentlich für "Orient Express" verpflichtet war. Aber durch Corona hatte er Zeit für mich! Also, wie sagt man so schön? Glück im Unglück! Er macht Choreographie und Regie und wir haben beide dasselbe Gefühl für den Moment.

Welches Gefühl ist das vorwiegend?

Dass wir eine gute Show machen dürfen! Da sind wir uns einig, denn uns geht es viel besser als Künstlern in anderen Ländern. Corona hat uns auch dieses "Oh wow, wie wichtig ich doch bin, ich hab' ja so viel zu tun"-Gefühl genommen. Meine Liebe für das Theater ist stärker als je zuvor, es hat eine ganz bestimmte Magie. Fast, als würde man in den 1940ern ein Musical aus dem Boden stampfen: "Meine Mutter hat eine Scheune, und meine Oma kann nähen – komm', lass uns was aufführen!" (lacht). Dieser Esprit ist da! Am Ende ist unsere Show ein Liebeslied ans Theater.

Woher nehmen Sie diese ganze positive Energie?

Als Amerikanerin weint mein Herz, das kann ich unumwunden zugeben. Ja - ich heule auch viel, es gibt auch Balladen in der Show. Wir müssen aber auch auf die bright side of life denken - entweder ist das Glas halbvoll oder halb leer. Und es ist nicht einfach nur ein scheiß Glas, sondern immerhin ein Glas! Kein Plastik! Ich bin total dankbar für das, was ich habe!

Haben Sie eine Methode, sich zu stärken?

Ja, das ist die Oprah-Winfrey-Methode - sich jeden Tag zehn Dinge zu notieren, für die man dankbar ist.

Jeden Tag zehn?

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Gefragt, wenn es um USA-Themen geht: Gayle Tufts.

Hey, komm, ich bin so deutsch: Das fängt an bei "frische 'Luft" und endet bei "heute wieder Sonnenschein, juchhuh!" I mean, wir durften die ganze Zeit spazieren gehen! Ich denke oft an meine Zeit in New York, in den Achtzigerjahren. Damals kam die erste Welle von HIV, das hieß noch "Gay Cancer", also "Schwulenkrebs". Man wusste nichts darüber. Und ich habe innerhalb von eineinhalb Jahren 13 Freunde verloren, es war wie im Krieg. Wir jammern jetzt gerade auf ganz schön hohem Niveau.

Das ist im Grunde eine Frechheit …

So wird das von vielen gesehen, wenn man zu fröhlich ist, ja, aber es gibt, geprägt durch die Black Lives Matter-Bewegung, gerade den Satz "Check Your Privileges" - wir müssen uns immer mal wieder klar machen, wer wir sind, wie es uns geht und wie es bei anderen aussieht. Ich bin eine 60-jährige, weiße Frau, in Amerika geboren, wohne in Berlin, ich habe einen Plan - na bitte! Auf der anderen Seite muss ich sagen, ich habe keine Kinder, musste also kein Homeschooling, Essen und Betten gleichzeitig machen und selbst noch arbeiten - also die dürfen mal ein bisschen jammern meinetwegen. Alles hat zwei Seiten - und ich bin mir dessen bewusst, dass ich einen privilegierten Job habe.

Was ist wichtig im Moment?

Menschlichkeit! Mal zu merken, dass man seine Kollegen durchaus auch vermisst hat und sie nicht nur doof findet (lacht). Zoom Conferences werden nie ein echtes Meeting ersetzen. Zwischentöne haben gefehlt. Und der Blick aufs Konto ist natürlich eine Katastrophe - aber ich muss sagen, als Solo-Selbstständige habe ich Hilfe bekommen, danke dafür, das war sehr hilfreich. Und dann sucht man auch neue Wege, wird kreativer - ich habe angefangen zu schreiben.

Es fehlt das Feedback oder das Publikum?

Ja, aber wollen wir alle diese Dinge, die selbstverständlich waren, jetzt doch vielleicht mal wieder mehr schätzen? Wir müssen nicht drei Mal die Woche irgendwo hinfliegen! Vielleicht war alles zu selbstverständlich. Und natürlich, Gott sei Dank dürfen wir wieder mehr machen, dürfen mit anderen lachen, aber vielleicht haben wir auch etwas Neues gelernt!

Draußen sieht alles wieder fast normal aus in Deutschland …

… aber das ist es eben nicht. Wir sollten möglichst normal weitermachen, und auch planen, aber wir wissen nicht, was Weihnachten sein wird, und schon gar nicht was im nächsten März sein wird. Aber: Der Broadway ist zu bis nächsten April. Und das Westend in London bis zum Sommer 2021. Wir haben es in Deutschland echt besser! Und warum - weil wir "Flatten the Curve" wirklich geschafft haben. Meine eigenen Kurven zu flatten ist dagegen viel schwieriger (lacht).

Sie haben, auch wenn Sie schon lange in Berlin leben, den Blick von außen: Was läuft hier schief? Stichwort "Europa gerät aus den Angeln".

Es sind sehr prekäre Zeiten - damit habe ich nicht gerechnet. Alles lief lange und konstant ziemlich gut. Aber das, was wir jetzt haben, ist unsere Realität, und damit müssen wir klarkommen. Ich muss immer wieder nach Amerika gucken - die ganze Westküste steht in Flammen. Obwohl - der Thüringer Wald, der ist auch schon halb weg. Guckt mal genauer hin Leute, kümmert euch mal! Der Klimawandel ist keine Erfindung. Und ja, momentan wollen 42 % Trump wählen, aber hey, 58 % nicht! Und wenn hier 40.000 Leute gegen die Corona-Maßnahmen und was weiß ich noch demonstrieren, dann sind trotzdem über 80 Millionen Deutsche nicht auf der Straße und dieser Meinung.

Ist das deutsch, immer auf die Schattenseite zu gucken?

A little bit. Nehmen wir uns doch lieber mal einen Augenblick Zeit und gucken auf das, was wir schon geschafft haben. Ich als Performerin hoffe, dass ich Leute zum Lachen und zum Nachdenken bringen kann, dass ich Energie schenke. Das ist es jedenfalls, was ich brauche. Und wenn das nur ein Mensch jeden Abend ist, der sich stärker nach meiner Show fühlt - dann bin ich froh. Außerdem glaube ich, ist die Zeit der Frauen angebrochen - endlich. Unsere Art, Multitasking von Geburt an zu erledigen, ist jetzt gefragter denn je. Und wir machen immer weiter. Oder?

Schon, aber in meinem nächsten Leben bin ich trotzdem ein Mann …

(lacht) Versteh' ich, aber Frauen haben so viel auf dem Kasten, wir geben nie auf, geben anderen Leuten Hoffnung, wieder und wieder eine Chance, da dürfen wir uns auch mal ein bisschen weniger perfekt zeigen. Die anderen müssen uns dafür aber auch akzeptieren, und dabei macht es überhaupt no difference, welche Kleidergröße wir tragen und wieviel Geld wir auf dem Konto haben. Wir müssen am Kapitalismus und am Patriarchat schrauben. Oh mein Gott, ich bin ganz schön weise mit meinen 60 Jahren (lacht).

Was passiert, wenn bei den US-Wahlen Kamala Harris und Joe Biden gewinnen?

(lacht) Dann kann ich endlich meine Show "Make America Gayle Again" bringen - mit Tänzern, Sängern und einem riesigen Budget!

Mit Gayle Tufts sprach Sabine Oelmann

Gayle Tufts spielt vom 15. bis 20. September und dann wieder vom 10. – 22. November ihre Show "Gayle Tufts – Wieder da!"

Quelle: ntv.de