Leben

Aus der Schmoll-Ecke Bitte keine Pippi-Petition!

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Piippi Langstrumpf musste mit ihrem Vater so einiges mitmachen.

(Foto: imago/United Archives)

Wir leben in einer hyperventilierenden Toleranzgesellschaft. Böhmermann darf sich über acht Millionen Österreicher lustig machen. Merkel? Immer feste drauf! Aber Gnade Gott, es trifft eine Gruppe, der man(n) selbst angehört. Dann heißt es sofort: Ganz schlimm! Boykott!

Wenn mich die Besinnlichkeit christlicher Feiertage wieder mal zu sehr anstrengt, entspanne ich mich vor der Glotze. Da ich aber den fiesen Verrat an Jesus - geschweige denn die Ans-Kreuz-Nagelei - nicht ertrage, jedenfalls nicht in Form knisternder, fast atonaler Bewegtbilder aus der Zeit kurz nach Erfindung des Farbfilms, zappe ich rasant durch die Kanäle. Um dann festzustellen: Es geht noch schrecklicher, als den guten alten Jesus an die Römer zu verpfeifen und ihn ans Symbol der Christenheit zu hämmern.

Ich landete in einem Film mit einem verantwortungslosen Vater, der sich als Kapitän und König einer Südseeinsel ausgab. Seine Tochter, eine gewisse Pippi, hatte ungepflegte Haare, lief in Strapsen umher und ärgerte sowohl die fürsorgliche Sozialarbeiterin als auch die örtliche Polizei. Das war dem Vater offenkundig egal, er tolerierte es sogar, statt mit dem Mädchen - wie das gute Erziehungsberechtigte machen - ein ernsthaftes Wort zu reden. Immerhin wollte er das Kind mit nach Taka-Tuka-Land nehmen. Eine durchaus nachvollziehbare Entscheidung, auch wenn man nie weiß, ob in der Südsee nicht irgendwelche fiesen Kannibalen lauern.

Dem angeblichen König misstraute ich trotz seiner durchaus gemütlichen Ausstrahlung. Schließlich bin ich Zeuge geworden, wie er besagte Pippi auf ein Regal warf. Anzeige folgt! Das Kind lachte, aber mir war natürlich klar, dass es den Vater nicht weiter erzürnen wollte und deshalb gute Miene zum bösen Spiel machte.

Mit Papa nach Taka-Tuka

Mein Misstrauen bestätigte sich leider ganz bald, der Vater erwies sich als Scheusal mit Hang zum Militarismus. Besagte Pippi wollte nun doch nicht mehr mit nach Taka-Tuka-Land, weil ihre Freunde, ein gewisser Tommy und eine gewisse Annika, am Ufer heulten, was das Mädchen nicht ertrug, weshalb es wieder von Bord des väterlichen Schiffes ging. Das fand ich durchaus sympathisch von besagter Pippi. Aber Jesus Christus! Der Vater - Gott erbarme dich seiner - diskutierte noch nicht einmal mit der Minderjährigen, ob es wirklich sinnvoll ist, weiterhin ganz allein in einer Villa namens "Kunterbunt" zu wohnen. Er sagte nur: "Alles Gute, Pippi. Lass den Kopf nicht hängen. Und pass gut auf dich auf." Das war's!

Zum Abschied warf er eine Tasche voller Gold ins Wasser, die das Mädchen aus der Tiefe des unberechenbaren Meeres bergen musste, um ihr Überleben zu sichern. Einen solchen Tauchgang einem Kind zuzumuten, ist ungeheuerlich. Seinen wahren Charakter zeigte der Vater obendrein, als er zum Abschied von Bordkanonen seines Kriegsschiffes feuern ließ. Und dies in Zeiten wie diesen, wo die Kriegsangst umgeht.

Ich dachte lange über den Film nach, ob dieser Mann vor das UN-Gericht in Den Haag muss oder es sich um eine absichtliche Überzeichnung eines schlechten Vaters handelte, also um Missbrauch der Freiheit der Kunst. Alle Varianten sind schrecklich. Um meiner Empörung freien Lauf zu lassen, beschloss ich, eine Online-Petition zu verfassen, die wie folgt lautet:

Pippi ausbessern

"Ich fordere den Film 'Pippi geht von Bord' zu löschen, nie wieder und schon gar nicht an und um christliche Feiertage auszustrahlen oder - wenn doch - durch positive Elemente zu ergänzen. Das Mindestmaß an Anstand ist eine Entschuldigung seitens des Regisseurs und des Produzenten dieses Machwerks an alle Väter auf der ganzen Welt und eine positive Stellungnahme, dass es sich bei dem Film um eine weitaus überzogene Karikatur handelt, die die positive Rolle von Vätern nicht in Abrede stellen will.

Um die Rechte und Pflichten für Väter weiter zu stärken, ist es wichtig, dass sich Mütter und Väter auf allen Ebenen auf Augenhöhe begegnen. Das ist in dem Film nicht ansatzweise der Fall, da die leibliche Mutter - auch nicht die Mutter Gottes für den Fall einer jungfräulichen Geburt besagter Pippi - im wahrsten Sinne des Wortes keine Rolle spielt. Sie taucht nicht mal auf, was eine Diskriminierung abwesender Mütter ist, die vielleicht gerade auf Dienstreise sind oder wegen Beschaffungskriminalität im Knast eine Strafe verbüßen.

Dieser Film stärkt das Bild früherer Zeiten, in welchen der Vater mit der Erziehung nichts am Hut hatte und angeblich nicht interessiert war, sich um sein Kind zu kümmern und es mit auf berufliche Fahrten oder Abenteuerreisen mitzunehmen. Dieser Film ist mit Sicherheit zum Teil amüsant, jedoch überwiegt der negative Aspekt. Nicht hinnehmbar ist die Huldigung militaristischer Traditionen wie das Abfeuern von Schiffskanonen, die endlich über Bord geschmissen werden müssen.

Der Film vermittelt ebenso das Bild, dass Väter zu körperlicher Fülle neigen und sich als Könige offiziell nicht registrierter Inseln ausgeben. Dass sie einer fragwürdigen beruflichen Tätigkeit nachgehen, ihre Kinder auf Regale werfen, sie beim Armdrücken gewinnen lassen, tollpatschig, grobmotorisch, zum Teil sexistisch oder gewalttätig sind.

Falls der Film die prinzipiell zu begrüßende Absicht hatte, die wichtige Rolle der (abwesenden) Mutter bei der Erziehung nicht in Abrede zu stellen, ist es nicht nötig, alle Männer des Films (den Vater, die dämlichen Ganoven und die ängstlichen Polizisten) als Idioten darzustellen und verächtlich zu machen. Auch ist es nicht sinnvoll, die Sozialarbeiterin als spießige Trulla zu skizzieren, die es nicht schafft, mit besagter Pippi klar zu kommen. Die Verächtlichmachung der Polizisten und Sozialarbeiterin ist nicht geeignet, den Respekt staatlicher Stellen zu erhalten und zu fördern. Dass sämtliche Figuren in dem Film altmodisch gekleidet sind, unterstreicht das antiquierte Rollenverständnis des Regisseurs und des Produzenten. 

Durch den Film werden alte geschlechtsspezifische Klischees bestätigt. Insbesondere viele jüngere Männer kümmern sich liebevoll und kompetent um ihre Kinder, innerhalb oder außerhalb einer Ehe. Viele kommen auch ihrer Pflicht nach und bezahlen pünktlich Alimente.

Für eine gesunde Entwicklung des Kindes ist es von Vorteil, beide Elternteile als Bezugsperson und Vorbilder zu haben. Dass das nicht immer gelingt, ist richtig, jedoch wird es durch so etwas wie diesen Film nicht besser!"

Kundige werden sofort erkannt haben, dass ich die Wortwahl der Petition gegen den schrecklichen Edeka-Werbespot entlehnt habe. Da ich mich nicht mit den tapferen Frauen und Männern von VroniPlag anlegen möchte, um mir die Option offenzuhalten, Franziska Giffey als Frauen- und Familienminister zu folgen, erwäge ich, die plagiierte Petition zu veröffentlichen. Vorsorglich erkläre ich mein Bedauern, mich aus dem Baukasten verbaler deutscher Erregungs- und Entrüstungskultur bedient zu haben.

Nichtsdestotrotz möchte ich an dieser Stelle meinen Ärger über das Edeka-Machwerk zum Ausdruck bringen. Ich bin empört! Erstens darüber, dass die Väter in schwarz-weißer Harzt-IV-Ästhetik gezeigt werden, um die Mütter supergeil dastehen zu lassen. Zweitens, dass Väter mit Migrationshintergrund aus bestimmten Kulturkreisen von Jung von Matt nicht berücksichtigt wurden, obwohl gerade von diesen Männern bekannt ist, dass sie die Erziehung ihrer Kinder gerne übernehmen und nicht ihren Frauen und/oder dem Staat überlassen. Drittens, dass keine Väter gezeigt werden, die ihre Kinder verprügeln, zu einer Nutte gehen oder im Gefängnis sitzen. Viertens melde ich Zweifel an, dass ein Kind zu seiner Mutter sagt: "Danke Mama, dass du nicht Papa bist." Würde es das tun, wäre in der Familie insgesamt etwas faul.

Kurzum: Wieso wird einem verdammten Werbespot zuerkannt, die Realität und nichts als die Wahrheit abzubilden oder nachhaltig zu prägen, sodass sich ein ganzes Land darüber aufregt. Stellt der Lindt-Chocolatier tatsächlich Schokolade mit der Hand her? Taucht nach einem Unfall ein Versicherungsfritze wirklich wie aus dem Nichts in Ihrem Auto auf? Wie schön wäre es, wenn all die Empörten ruhig geblieben und selbstbewusst gedacht hätten: Das bin ich nicht! Statt die Aufregungsmaschinerie in Gang zu halten, die der Spot vielleicht erzeugen wollte.

Wir lernen: Deutsche regen sich gerne auf, wenn sie nicht selbst betroffen sind.  Und deshalb verzichte ich auf meine Pippi-Petition. Sollen sich andere erregen!

Quelle: n-tv.de

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