Leben

Das Leuchten eines Augenblicks Bling-Bling für die trüben Tage

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Lichtkunst ist gerade jetzt besonders wichtig, denn tanzendes Licht macht sofort gute Laune.

(Foto: Michael Jezierny)

Licht taucht aus dem Nichts aus, verzaubert, verschwindet ebenso plötzlich, wie es gekommen ist. Im nebelgrauen Winter fällt auf, wie sehr es fehlt. Es ist die Energiequelle, ohne die der Mensch nicht auskommt. Susanne Rottenbacher macht Lichtkunst und hat n-tv.de in ihr Atelier gelassen.

Susanne Rottenbacher ist eine Künstlerin, die ausschließlich mit dem Medium Licht arbeitet. In ihrem Atelier an der Berliner Heerstraße, in dem sie mit ihrem Mann, Fotograf Claus, und Hund Fiene auch lebt, ist sie von Tageslicht umgeben. Der hohe Raum ist nach zwei Seiten hin zum Garten offen. Hier sucht sie nach Ideen und setzt diese zunächst im Kleinen um - in Form eines maßstabsgetreuen Modells. Erst wenn der Auftraggeber sein Okay gibt, lässt sie in Acrylwerkstätten bei Berlin produzieren und bestellt passende LED-Schläuche. Wenn alle Teile hergestellt sind, rückt sie mit einem Team aus Berlin am Installationsort an. Der richtige Aufbau, die millimetergenaue Hängung an erstaunlich dünnen Drahtseilen sind das A und O.

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Der Betrachter kann Teil der Installation werden.

(Foto: Juliane Rohr)

Zu Beginn jeder Arbeit beschäftigt sich die 50-Jährige intensiv mit der Architektur und der Vergangenheit des Gebäudes und des Raumes, in der die Arbeit schwingen soll. So visualisiert sie Vergangenes und verbindet es mit der Jetztzeit. Susanne Rottenbacher bespielt mit ihren strahlenden Installationen Büros, private Wohnungen, Treppenhäuser von Renaissance-Schlössern, Kirchen, Museen und Galerieräume. Sie schafft leuchtende Innen- und Außenskulpturen in Mumbai, Nizza oder Osaka ebenso wie in Berlin, Düsseldorf, Kassel oder im bayerischen Tüßling.

Licht dehnt sich in den Raum aus und das ist es, was Rottenbacher nachhaltig daran fasziniert. Es reizt sie nicht, mit "Ölfarbe oder greifbaren Materialien wie Holz, Bronze oder was auch immer zu arbeiten", erzählt sie n-tv.de. Diese losgelöste Materie - farbiges Licht, das sich in den Raum ergießt, das nicht zu fassen ist und auf jeden Menschen anders wirkt - ist für sie der beste Werkstoff. "Licht ist auch die Wissenschaft von Auflösung und Entgrenzung in den Raum hinein, der Moment der Auflösung liegt schon im Material. Außerdem wird der Betrachter Teil der Installation."

Liebe und Licht

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Haus am Waldsee in Berlin

(Foto: Juliane Rohr)

Rottenbacher hat ihr Licht gut verteilt: In Licht baden kann man bei Swarovski im Innsbrucker Kristallwelten Store dank "Lily Pond" - einem schimmernden, sommerlichen Seerosenteich. Im Brenners Park Hotel in Baden-Baden zeigt sie in der Schau "Karl Cool" zwei neue Arbeiten, mit denen sie auf den im Februar verstorbenen Designer Karl Lagerfeld Bezug nimmt. "Sturm und Drang" heißen zwei Lichtskulpturen, die am Eingang zum Haus am Waldsee in Berlin-Zehlendorf seit der Museumswiedereröffnung im Frühjahr grüßen. Ihre Lichtarbeiten füllen die Kirche, Speisesaal und ein Tonnengewölbe in einer Zisterzienserinnen-Abtei aus dem 13. Jahrhundert. Dort hat gerade ihre Ausstellung "Winterlicht" im Kloster Gravenhorst eröffnet.

Allen Arbeiten ist das Licht gemein. Sie sind mit flexiblen LED-Röhren oder LED-Schläuchen, Acryl und mit prismatischen, farbig bedruckten Folien versehen. Mal ist das Werk starr, mal einfach nur eine kreisende Denkbewegung, eine irrlichternde Raumzeichnung voller Dynamik und filigraner Leichtigkeit . Oder es ist etwas ganz klar Erkennbares, wie ein scheinbar simples Strichmännchen, gemalt aus Licht. Je nach Tageszeit und Perspektive wirken die Kunstwerke anders.

Nach dem Bühnenbild-Studium an der Columbia-University in New York und dem Licht-Studium an der Londoner Bartlett School arbeitete sie unter anderem als Lichtbildnerin am Bundeskanzleramt. Die gebürtige Göttingerin entwarf Lichtkonzepte für die Regierungsgebäude. Für das im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestages bekam sie 2005 einen Preis verliehen. Dennoch drehte sie im gleichen Jahr der Arbeit in der freien Wirtschaft den Rücken. Und entschied sich für die Selbstständigkeit als Künstlerin. Diese Entscheidung traf sie aus einer Mischung von Liebe und Vernunft: Weil ihr Mann an Burn-Out erkrankt war, musste sich an der stressigen Lebensführung des Paares etwas ändern. Der Unternehmensberater wurde zum Fotokünstler, sie zur Lichtkünstlerin. Ihr Weg in die Kunst war also nicht direkt, hat sich jedoch direkt aus Studium und den Arbeitsprojekten mit Lichtkonzepten ergeben.

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Was die Künstlerin auszeichnet, ist, dass sie sich gegen Schubladendenken stellt und daran glaubt, dass es ein "Jenseits der Schubladen gibt".

(Foto: Juliane Rohr)

Zunächst kümmerte sie sich nicht um Kunstgeschichte, schaute nicht nach links oder rechts, entwickelte konsequent ihren eigenen Stil. Der war klar, aufgeräumt und sehr geometrisch. In transparenten, farblosen Kästen wurden poppige Farbbänder mit LED-Leuchten erhellt. Im nächsten Schritt wagte sie sich an Kreise und landete bei diesen völlig freien Bewegungslinien, die ihre Arbeiten heute bestimmen. Das Licht zersplittert, erstarrt in der Explosion, macht so die Auflösung sichtbar und ein Raum aus Licht und Farbe entsteht. Anfangs wurden sie und ihr Mann oft gefragt, ob sie sich denn jetzt als Künstler sehen. Sie blieben gelassen, denn für sie ist relevant, was sie machen und nicht, ob sie glauben, Künstler zu sein.

Licht, das tanzt wie Musik

Inzwischen nimmt die Quereinsteigerin mit ihren Skulpturen sehr gerne Bezug auf die Kunstgeschichte. So hat sie sich für "Lily Pond" in Innsbruck auch durch Claude Monets Seerosenteich inspirieren lassen. "Mit den majestätischen Seerosen setze ich einen klaren Kontrapunkt zu dem beengten Raum, in dem die Installation zu sehen ist", erklärt sie.

Musik, wie die Cellosuiten von Johann Sebastian Bach, beeinflusst sie. In ihrer raumgreifenden Installation "Disassembly" fliegt das Licht Tönen gleich durch das Gebäude. Diese Arbeit hängt gerade in der Kirche des Klosters Gravenhorst. Der französische Bildhauer Bernar Venet, dessen geschwungene Stahlskulpturen weltweit auf öffentlichen Plätzen stehen, hat sie zu einer weiteren Arbeit inspiriert. "Colours in Disorder" ist eine Hommage an ihn und schlingt sich jetzt um die Säulen eines Gewölbes.

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Lichtkunst ist ganz sicher nicht ohne Bedeutung.

(Foto: Claus Rottenbacher)

Trotz aller Farbigkeit und Dynamik strahlen ihre Arbeiten Ruhe aus. Genau in diesem Moment wird ihre Kunst eins mit ihr. Denn wer die Künstlerin zum ersten Mal trifft, begegnet zwar einer zugewandten, aber gleichzeitig kontrolliert und ruhig wirkenden Frau. "Es stimmt schon, ich bin eher zurückhaltend, ja, minimalistisch. Es geht mir um Inhalte, ich bin kein blumiger Typ. Leistung, Präzision, Klarheit, Ehrlichkeit sind das, was mich ausmachen."

Mit ihrer Kunst hatte sie von Anfang an Erfolg: Ob die Teilnahme an der Kunst-Biennale in Venedig 2017 im Palazzo Pisani einen zusätzlichen internationalen Schub gab, vermag sie nicht zu sagen. "Da frage ich nicht nach. Aber meistens stellt sich irgendwann heraus, dass meine Arbeit in Venedig aufgefallen ist."

Für manchen ist Lichtkunst die Kunst ohne Bedeutung. Auch, weil sie oft im Verdacht steht, kitschig zu sein. Susanne Rottenbachers Installationen sind weit davon entfernt. Ihre Kunst bezaubert, ohne in Belanglosigkeit abzurutschen. Wie wunderbar, dass die Berliner Künstlerin mit ihrer abstrakten Lichtmalerei den Betrachter für das Leuchten eines Augenblicks glücklich macht.

Die Ausstellung "Winterlicht" ist bis zum 24. Februar im Kunsthaus Gravenhort zu sehen - Klosterstraße 12, 48477 Hörstel, geöffnet Di bis Sa 14 - 18 Uhr, Sonntag und an Feiertagen 11 bis 18 Uhr, Montag geschlossen

"Karl Cool" im Brenners Park Hotel & Spa in Baden-Baden ist bis zum 6. Januar zu bewundern, danach geht die Kunst für Karl Lagerfeld auf Tournee durch verschiedene Hotels der Oetker-Gruppe

"Arbeiten mit Licht" in der Galerie Jordanow, Zieblandstraße 19, 80799 München, Termin nach Vereinbarung unter Jordanow@galerie-jordanow.de

Quelle: ntv.de