Leben

Sichtweise auf Leben verändern "Dankbarkeit erhöht unsere Glücksbilanz"

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"Jeder ist seines Glückes Schmied" lautet ein altes Sprichwort. Und es stimmt - man muss nur wissen, wie.

(Foto: imago images/Westend61)

Fühlen Sie sich gestresst? Sind Sie von etwas genervt? Die meisten von uns antworten auf diese Frage mit Ja. Doch wie sieht es damit aus: Wofür sind Sie heute dankbar? Die Antwort könnte Sie überraschen und gleichzeitig glücklich machen, sagt Glücksforscher Karlheinz Ruckriegel ntv.de.

ntv.de: Oft hat man das Gefühl, Menschen sprechen öfter über das Negative in ihrem Leben als über das Positive. Sie beschweren sich über das Wetter oder über die Bahn, die wieder mal zu spät kam. Woran liegt das?

Karlheinz Ruckriegel: Wir nehmen negative Dinge, die sich ereignen, grundsätzlich viel stärker wahr als positive. Letztere gehen meist unter. Oft sehen wir daher nur das Schlechte im Leben und denken deswegen, die Welt sei schlecht. Das ist evolutionsbiologisch bedingt. Früher mussten wir Gefahren stärker wahrnehmen, um nicht vom nächsten großen Tier gefressen zu werden. Dafür ist das limbische System im Gehirn verantwortlich. Es geht nur um das Überleben im Hier und Jetzt. Das limbische System ist schon viele Millionen Jahre alt und es passt sich nur sehr langsam an neue Umstände an. Es ist sozusagen nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Das führt dazu, dass unser Wahrnehmungssystem auch heute noch viel stärker auf Negatives anspringt. Dabei ereignet sich heute viel mehr Positives im Leben. Ein Dankbarkeitstagebuch kann dabei helfen, den Fokus wieder auf die guten Dinge, die uns passieren, zu lenken. Dadurch nimmt man aber auch das Leben realistischer wahr.

Wie funktioniert ein Dankbarkeitstagebuch?

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Professor Karlheinz Ruckriegel ist Ökonom an der Technischen Hochschule Nürnberg und erforscht das Glück.

Ein Dankbarkeitstagebuch unterteilt sich in zwei Komponenten. Zum einen schreibt man zwei bis drei Mal die Woche drei Dinge auf, für die man dankbar ist. Es sollte etwas sein, das sich in den vergangenen 24 Stunden ereignet hat. Dazu notiert man, was man selbst dazu beigetragen hat, dass sich diese Dinge ereignet haben. Man versteht dadurch, dass man selbst einen Einfluss darauf hat, wie es einem geht und was sich im eigenen Leben ereignet. Man spricht hier auch von Selbstwirklichkeit.

Inwiefern ist das hilfreich?

Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen, die eine positive Glücksbilanz haben, gesünder sind und eine höhere Lebenserwartung von bis zu zehn Jahren haben. Eine positive Glücksbilanz bedeutet, dass sich Positives zu Negativem mindestens drei zu eins verhält. Das Dankbarkeitstagebuch wirkt sich, wie mehrere Studien gezeigt haben, in ganz verschiedenen Bereichen des Lebens positiv auf die Glücksbilanz aus.

Welche Bereiche sind das?

Es sensibilisiert zum einen für das Gute im Leben. Studien haben ergeben, dass Menschen, die regelmäßig und über einen längeren Zeitraum hinweg ein Dankbarkeitstagebuch führen, eine andere Sichtweise auf das Leben bekommen. Es schult die Aufmerksamkeit und man nimmt das Positive bewusster wahr. Das ist auch gut für die Gesundheit, weil man nicht immer das Immunsystem überstrapaziert. Dazu verbessert es die Beziehung zu anderen Menschen. Wer gut drauf ist, kommt mit anderen Menschen besser klar als jemand, der ständig schlecht gelaunt ist.

Negative Gefühle lassen sich trotz Übung aber nicht gänzlich vermeiden. Wie geht man also mit ihnen um?

Das funktioniert am besten durch den Neocortex. In der Evolution hat sich der Neocortex erst vor ein bis zwei Millionen Jahren beim Menschen herausgebildet. Mit ihm können wir für die Zukunft planen.  Wir haben im Gehirn ein duales Handlungssystem. Zu ihm gehören das bereits erwähnte limbische System, in dem Gefühle behandelt werden, und der Neocortex, mit dem man überlegt handeln kann. Ein negatives Gefühl kann anzeigen, dass etwas nicht rund läuft, und uns auf einen Handlungsbedarf aufmerksam machen. Es kann aber auch vollkommen überflüssig sein. Diese Art der negativen Gefühle aber belastet nur unsere Gefühlsbilanz. Man kann sie sich deshalb getrost abgewöhnen. Ein Beispiel ist etwa, wenn man sich über einen Stau aufregt, in dem man steckt. Es hat auch keinen Sinn, seinen negativen Emotionen einfach freien Lauf zu lassen. Stattdessen sollte man sich genau überlegen, wie man reagiert. Und da ist der Neocortex gefragt. Wir sind ja nicht unsere Gefühle. Sie sind nur ein Teil von uns. Die Kunst ist, zum einen zwischen beiden Arten von negativen Gefühlen zu unterschieden und zum anderen, überlegt zu reagieren.

Sie raten dazu, drei Dinge aufzuschreiben, für die man dankbar ist. Warum nicht mehr?

Mehr ist für den Anfang zu viel. Sie können auch fünf aufschreiben, aber es ist besser, mit weniger anzufangen und dabeizubleiben. Man muss es erst einmal schaffen, ein paar Wochen durchzuhalten.

Wie gelingt das am besten?

Man erleichtert es sich, wenn man einen festen Ort hat, wo man Dankbarkeit praktiziert. Es gibt auch geführte Dankbarkeitstagebücher, die man kaufen kann. Da wird man bei dem Prozess begleitet, denn man muss nur noch die vorgegebenen Spalten ausfüllen. Wenn man zwei, drei Monate in ein solches Buch reingeschrieben hat, dann kann man, wenn es einem schlecht geht, immer wieder hineinschauen und die vergangenen Einträge lesen. Das hat einen starken Effekt, weil man sich vor Augen führt, was schon alles Positives im Leben passiert ist. Im Gehirn springt dann das Belohnungssystem an.

Was ist das?

Im Gehirn gibt es das Belohnungssystem und das Angstzentrum. Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf Negatives, springt jedes Mal unser Angstzentrum an. Das zieht uns dann runter. Beschäftigen wir uns jedoch mit Positivem, leuchtet das Belohnungssystem im Gehirn auf. Und wenn das arbeitet, geht es uns gut. Ein Beispiel: Führt man ein tolles Gespräch mit jemandem, nimmt es das Gehirn als Belohnung wahr und wir fühlen uns danach gut. Streitet man sich hingegen mit einer Person, wird die Unterhaltung im Angstzentrum verarbeitet und wir fühlen uns danach schlecht. Indem wir uns stärker auf das Positive ausrichten, können wir also selbst beeinflussen, ob wir uns eher gut oder schlecht fühlen.

Mit Karlheinz Ruckriegel sprach Vivian Micks.

Quelle: ntv.de