Leben

Archäologische Sensation Der Fischer und sein tanzender Satyr

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Francesco Adragna, genannt Capitano Ciccio, ist in der Stadt eine Legende.

(Foto: Andrea Affaticati)

Die Ereignisse liegen 20 Jahre zurück. Doch noch immer erzählt Capitano Ciccio gern, wie er aus dem Meer vor Sizilien eine Statue zog, so das Rennen gegen die Amerikaner gewann und seiner Stadt ein neues Leben schenkte.

Seit Jahrhunderten hinweg lebt Mazara del Vallo, eine mittelgroße Hafenstadt auf der sizilianischen Westküste, vornehmlich vom Fischfang. Hier befand sich einst Italiens größte Fischflotte. In den letzten zwei Jahrzehnten machten jedoch die großen Fischereiunternehmen den hiesigen Fischern das Leben immer schwerer und so schrumpfte die Flotte mit der Zeit von 300 Kuttern auf gerade einmal 70. Für die 51.000 Einwohner hieß es, nach Alternativen zu suchen.

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Ein ganzes Museum ist in Mazara del Vallo diesem Kunstwerk gewidmet.

(Foto: Museo del Satiro Danzante)

Wer heute nach Mazara kommt, tut das wegen der schönen Bauten aus arabischer und normannischer Zeit und um das unlängst sanierte Viertel Kasbah anzusehen. Doch ausschlaggebend ist der "Satiro danzante", der tanzende Satyr, der genau zum rechten Zeitpunkt in die Stadt tanzte und ihr neuen Schwung gab.

20 Jahre sind vergangen, seit Capitano Ciccio diese Statue aus den Meerestiefen fischte. Sie gilt als einer der wichtigsten archäologischen Funde der letzten Jahre. Auch deswegen beschloss die Stadtverwaltung, dem Satyr eigenes Museum einzurichten. Das Besondere an dieser Figur ist, dass ihre anmutige (daher das Attribut "tanzend") Bronze-Form nicht nur die Besucher tief berührt, sondern auch die Wissenschaftler vor ein Rätsel stellt, das sie bis heute nicht eindeutig zu lösen vermochten: Könnte es sich bei dieser Statue nicht um den im Altertum hochberühmten Satyr des Bildhauers Praxiteles handeln?

Am besten selbst erzählt

Diese Frage ist noch immer nicht beantwortet, was aber der Liebe der Menschen in Mazaro zu ihrem Satyr keinen Abbruch tut. In einem Geschäft voller handgemachter lokaler Souvenirs erkundigt sich die nette Inhaberin denn auch gleich, woher man komme und ob man denn schon den "Satiro danzante" gesehen habe. Die Frau ist aber nicht nur redselig, sie erweist sich auch als besonders hilfsbereit und arrangiert auf die Schnelle ein Treffen mit Capitano Ciccio. Denn wie es zu diesem einmaligen Fund gekommen war, müsse man sich unbedingt von ihm persönlich erzählen lassen, beteuert sie.

Und dann kommt er auch schon auf seinem Motorrad angefahren, der Kapitän, ein stämmiger Mann, der die Besucher gleich zu sich nach Hause lotst. Wie oft Francesco Adragna - "hier werden alle Francescos zu Ciccio", erklärt er schmunzelnd - diese Geschichte schon erzählt hat, weiß er nicht mehr. Aber es macht ihm sichtlich Freude, sie noch einmal zu wiederholen. "Natürlich war das reiner Zufall. Im Herbst 1997 hatte ich mit meiner Mannschaft beschlossen, in einem neuen Gewässer, 54 Meilen südöstlich von Mazara und 25 Meilen von Capo Bon, also der tunesischen Küste, nach Krebsen zu fischen. Wir wussten zwar, dass es in jener Gegend noch Relikte gab, was für die Netze ein Problem darstellen konnte, dafür aber weniger Fischerboote und demzufolge mehr Krebse. Ab und zu verfing sich dann auch etwas, zum Beispiel Deckplatten von Schiffen, die hier während des Zweiten Weltkriegs gesunken waren. Doch eines Tages zogen wir statt Schrott ein aus Bronze gegossenes Bein an Bord."

Zwar wusste er nicht, worum es sich bei diesem Fund genau handelte, ahnte aber, dass auf dem Meeresboden zumindest noch ein weiteres Teil liegen musste, denn die Bruchstelle war nicht oxidiert. Zurück im Hafen, brachte er das Bein zur lokalen Behörde für Denkmalpflege. "Ich sagte ihnen auch, dass ich bereit wäre, sie zur Fundstelle zu bringen. Die Beamten waren sofort Feuer und Flamme, hatten aber nicht bedacht, dass der Meeresboden an dieser Stelle 600 Meter tief war. Für die Bergung benötigte man also ein Boot mit der entsprechenden Ausstattung." Die Begeisterung nahm abrupt ab, die Zeit verstrich und nichts geschah.

"Ehrlich, aber nicht dumm"

Einige Monate später sah Capitano Ciccio eine Fernseh-Dokumentation über Robert Ballard, den berühmten Unterwasserarchäologen, der schon die "Titanic" und das deutsche Kriegsschiff "Bismarck" in den Meerestiefen aufgespürt hatte. Im Beitrag hieß es, Ballard habe nun vor, in der Straße von Sizilien nach Relikten zu suchen. "Als ich das hörte, war der Entschluss gleich gefasst, denn die Vorstellung, die Amerikaner könnten die Statue finden und in die USA bringen, gefiel mir überhaupt nicht." Auf Ballards Schiff sollte außerdem einer der Beamten sein, denen der Capitano die Koordinaten der Fundstelle des Beins gegeben hatte. "Besser gesagt, ich hatte ihnen die ungefähre Stelle angegeben. Ich bin zwar eine ehrliche Haut, aber nicht dumm."

Er und seine acht Männer machten sich also wieder auf den Weg. Aber trotz der Koordinaten von damals war es alles andere als leicht, die Statue am Meeresgrund ausfindig zu machen. Die Tage verstrichen ergebnislos. Doch je länger die Suche dauerte, desto verbissener klammerte sich Capitano Ciccio an sein Vorhaben. "Irgendwann fingen die Jungs auch an mich auf den Arm zu nehmen. Immer wieder schrie einer 'die Statue, die Statue', doch das stimmte nicht ". Aber dann kam der Tag, an dem seine Sturheit endlich belohnt wurde. Es war der 8. März 1998. Im ersten Augenblick, als wieder jemand "die Statue" schrie, glaubte er nicht daran, ging aber trotzdem an Deck.

Und da sah er sie dann in seinem Netz ruhen. "Was mich beim ersten Anblick besonders getroffen, nein, bewegt hatte, war, dass das Gesicht des Satyrs direkt gegen die Sonne blickte, als hätte ihn jemand absichtlich so hingelegt" erinnert sich Capitano Ciccio, und in seiner Stimme schwingt noch immer ein wenig Rührung mit. Und natürlich auch der Stolz, seiner Stadt einen der wichtigsten archäologischen Funde der letzten Jahrzehnte beschert zu haben. Immerhin repräsentierte der "Satiro danzante" Italien 2005 bei der Weltausstellung in Japan.

Quelle: n-tv.de

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