Leben

Ktiri erlebt Stau in Todeszone Die Gipfelstürmerin aller Kontinente

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Auf dem Weg zum Gipfel des Lhotse.

(Foto: Mariam Ktiri)

Mariam Ktiri klettert auf die höchsten Berge der sieben Kontinente. Dazu gehört auch der gefährliche Aufstieg auf den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt. Ausgerechnet dort, mitten in der Todeszone, gerät sie in einen gefährlichen Stau. Doch sie schafft ihre Seven Summits Challenge.

"Wenn man in München lebt, kommt man an den Bergen kaum vorbei", lacht Mariam Ktiri, als wir sie in ihrer Wahlheimat in der Schweiz, hoch oben auf dem Jungfraujoch, antreffen. Als Studentin wohnte Ktiri zwölf Jahre lang in der bayrischen Hauptstadt. Dort kam sie zum Bergsteigen - zu ihrer Leidenschaft, ihrer Faszination. Ein Bekannter erzählte ihr von der Seven Summit Challenge, von Bergen in der Antarktis und Ozeanien und von einer Reise um die Welt. Mariam Ktiri war sofort Feuer und Flamme. Das wollte sie auch schaffen.

Doch Ktiri, die in Casablanca geboren wurde, reichte es nicht, die sieben Berge in Ruhe nacheinander zu besteigen, nein, sie wollte sie alle in einem Jahr erklimmen. "Ich wollte einfach über meine Grenzen hinausgehen, ich hatte ein klares Ziel vor Augen", erzählt sie bei Kaiserwetter am Fuße des Bergs Mönchs, der von einer dicken Schneeschicht bedeckt ist. Und so setzt sich Ktiri an die Planung, generiert Sponsoren, verkauft ihr Auto, spart jeden Euro. Ihren Job als IT-Fachfrau in Bern legt sie zwischenzeitlich auf Eis. Es sind Monate voller Entbehrungen. Im Mai 2018 hat sie die rund 200.000 Euro zusammen, ihr Abenteuer kann beginnen.

Sieben Gipfel erobern

Als Erstes klettert sie auf den Denali (offiziell Mount McKinley), den höchsten Berg Nordamerikas (6194 Meter), anschließend auf den Elbrus, Europas höchsten Gipfel (5642 Meter). Hier gerät sie mit ihrer Gruppe kurz vor dem Ziel in eine Schlechtwetterfront mit extrem starken Winden. "Wir konnten unsere Jacken kaum noch anziehen. Wir mussten eine Entscheidung treffen, ob wir überhaupt weitergehen. Aber ich war davon überzeugt, dass ich da hoch will. Und es hat sich gelohnt, kurz darauf hatten wir schönstes Wetter". Es ist Ktiris Willensstärke, die sie auf den Gipfel bringt.

Voll guten Mutes nimmt sie den Kilimandscharo, also den Uhuru Peak, als höchsten Berg Afrikas (5895 Meter) ins Visier. Danach den Mount Vinson (4897 Meter). Ein Berg mitten in der Antarktis, extrem schwer zu erreichen, mit Temperaturen bis minus 50 Grad. Sie fliegt nach Südamerika, um dort den Aconcagua (6962 Meter) zu besteigen und erreicht Mitte Februar 2019 den Gipfel der Carstensz-Pyramide (4884 Meter) in Ozeanien.

Gefahr in der Todeszone

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Der Mount Everest, der König unter den Bergen, soll ihre Seven Summit Challenge krönen. Es ist Mai 2019, als Mariam Ktiri im letzten Camp vor dem Gipfel ankommt. "Bis dahin hat alles wunderbar funktioniert, aber dann wurden uns unsere Sauerstoffflaschen und unsere Zelte geklaut", erinnert sich die Alpinistin. Ktiri muss in einem anderen Zelt übernachten, leiht sich eine neue Sauerstoffflasche. Doch es wird nicht besser. Da es in diesem Jahr nur ein kurzes Zeitfenster für den Aufstieg gibt, tummeln sich Menschenmassen auf den letzten Metern vor dem Gipfel. Es kommt zum Stau auf dem Hillary Step, hoch oben auf 8848 Metern. Eine gefährliche Situation in der Todeszone mit extrem dünner Luft. Denn Ktiri ist bereits oben, kommt aber nicht mehr hinunter. Die Menschen strömen ihr entgegen.

"Da konnten wir uns wirklich kaum bewegen. Unter mir waren zwei Kilometer Abhang. Ich hatte natürlich schon die Bedenken, dass ich nicht genügend Sauerstoff hatte, denn meine Maske hat einfach nicht funktioniert. Ich habe sie dann einfach abgezogen." Ktiri muss anderthalb Stunden in der eisigen Kälte warten, erst dann kann sie mit dem Abstieg beginnen. Zurück im Camp begreift sie zum ersten Mal, dass sie auch den letzten Abschnitt ihrer Challenge bestanden hat.

Dem Tod nahe

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Die Ausrüstung lastet schwer auf ihren Schultern. Trotzdem schafft es Ktiri auf alle sieben Gipfel.

(Foto: Mariam Ktiri )

  Was sie erst später erfährt: Einer ihrer Teamkollegen stirbt während des Abstiegs an der Höhenkrankheit. Kein Einzelfall, denn elf Bergsteiger lassen in diesem Jahr ihr Leben auf dem Everest. Das bedrückt Ktiri sehr. Während des Abstiegs sieht sie Leichen am Wegesrand. Menschen, die man dort einfach liegenließ. "Man muss vor dem Aufstieg ein Formular unterschreiben, dass man im Falle des Todes auf dem Berg zurückgelassen wird", erzählt sie. Denn wegen der extremen Höhe ist es zu gefährlich, die Leichen zu bergen.

In Gedanken an ihren verstorbenen Teamkollegen wagt Ktiri einen letzten Aufstieg. Sie kraxelt auf den Lhotse, den Nachbarberg des Everest, ebenfalls ein Achttausender. Jetzt erst recht, denkt sie sich. Für den verstorbenen Freund und für mich. Auch den Lhotse erklimmt sie erfolgreich.

"Aus der Komfortzone gerückt"

Beide Achttausender hintereinander zu besteigen, hatte vor ihr noch nie eine Frau geschafft. Es ist das Ende ihrer Weltreise. "Ich habe durch die Seven Summit Challenge eine ganz neue Mariam kennengelernt. Eine Mariam, die aus ihrer Komfortzone gerückt ist", sagt sie heute über sich selbst.

Mariam Ktiri klickt ihre Schuhe in die Skier und stapft los. Heute will sie vom Jungfraujoch auf den Mönch klettern. Fast jedes Wochenende ist sie in den Bergen, trainiert für ihr neues Projekt. Dafür sucht sie noch Sponsoren. Sie möchte auf den Cho Oyu im Himalaya. Einer von insgesamt 14 Achttausender auf der Welt. Und irgendwann will sie dann alle besteigen.

Quelle: ntv.de