Leben

Life-Coach im Interview "Die meisten Ziele liegen entlang des Weges"

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Fit werden ist einer der beliebtesten Neujahrsvorsätze.

(Foto: IMAGO/Panthermedia)

Abnehmen, mehr Geld verdienen, den Traumpartner finden: Pünktlich zum neuen Jahr haben sich viele Menschen große Ziele vorgenommen. Allerdings scheitern viele Neujahrsvorsätze schon nach ein paar Tagen oder Wochen wieder. Woran das liegt und was man tun kann, um wirklich dorthin zu kommen, wo man sein will erklärt der Greator-Gründer und Buchautor Dr. Stefan Frädrich im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Ihr Buchtitel "Warum Ziele Quatsch sind" scheint auf den ersten Blick ja ein wenig demotivierend. Warum sind Ziele Ihrer Meinung nach ungeeignet?

Dr. Stefan Frädrich: Ziele sind Quatsch, weil wir die meisten Ziele im Leben sowieso immer verfehlen. Will man zum Beispiel fünf Kilo abnehmen, reißt man sich eine Weile zusammen, bis der Jojo-Effekt kommt und dann fängt alles wieder von vorne an. Das heißt, die meisten Menschen wissen, wie sie Ziele erreichen, indem sie ein kurzfristiges Projekt daraus machen. Sie bleiben aber langfristig nicht dabei.

Woran liegt das?

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Es gibt noch einen zweiten Faktor, der viel wichtiger ist: der Weg, den man geht. Man sollte eben langfristig mehr Gemüse essen, mehr Sport treiben und mehr Wasser anstatt Bier trinken. Das kann man auf alle Lebensbereiche übertragen. Menschen wollen Karriere machen, aber hassen ihren Job oder hassen das, was sie dafür tun müssten. Möchte man die Partnerschaft verbessern, nimmt man sich das erst einmal nur vor und denkt dann, dass man es schon getan hätte. Das ist die psychologische Falle. Dadurch, dass man sich etwas vorgenommen hat und das Ziel definiert, denkt man sich, man hätte es schon getan. Das hindert einen daran, sich auf die Umsetzung zu konzentrieren. Man hat mit dem Ziel einfach nur sein schlechtes Gewissen weggemacht.

Wieso kommt man häufig nicht in die Umsetzung trotz anscheinend hoher Motivation?

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Dr. Stefan Frädrich ist Arzt, Buchautor und Motivationscoach. Er ist außerdem der Gründer von Greator, einer Plattform für Persönlichkeitsentwicklung.

(Foto: Greator GmbH)

Das passiert, weil es noch eine dritte Ebene gibt und das ist der Sinn des Handelns. Jemand möchte fünf Kilo abnehmen und dafür müsste man anders essen und anders leben. Wer 30 Jahre gerne Pizza isst und Bier trinkt, stellt das nicht vom einen auf den anderen Tag einfach ab. Aber warum nicht? Dann muss man auf die Funktion des Verhaltens schauen. Essen befriedigt in dem Fall tiefere Motive und Bedürfnisse. Essen ist ja auch lecker und schmeckt. Warum sollte man sich das wegnehmen? Warum machen viele Leute eine Diät? Weil sie sich nicht schön fühlen. Aber warum fühlen sie sich nicht schön? Oder sie fühlen sich alleine und wollen das mit äußerer Schönheit kompensieren. Auch hilft Essen gegen Frust und Stress. Jetzt muss man sich fragen, warum man gestresst und gefrustet ist. Und wenn man Ziele herunterbricht, dann merkt man häufig, dass hinter äußeren Zielen innere Motive und Bedürfnisse stecken. Ich möchte Karriere machen, weil ich mehr Geld verdienen möchte. Grund dafür ist, dass ich finanzielle Unsicherheit spüre. Warum ist das so? Weil ich nicht mit Geld umgehen kann. Aber warum kann ich mit Geld nicht umgehen? Vielleicht bin ich süchtig oder andere außergewöhnliche oder unnötige Ausgaben habe. Wichtig ist also, dass man sich dem Sinn annähert. Warum will ich etwas? Warum will ich das tun? Danach kann man sich ein neues Verhalten beibringen. Die meisten Menschen, die erfolgreich sind, erreichen ihre Ziele nebenbei, weil sie ihre Projekte haben. Sie machen etwas, wofür sie Leidenschaft empfinden und was ihnen leichtfällt. Sie stehen dahinter. Ein Kind, das laufen lernt, sagt nicht: "Ich muss bis zum 31.12. zehn Meter in neun Sekunden zurückgelegt haben". Es fällt hin, steht wieder auf, fällt hin, steht wieder auf und das so lange, bis es laufen gelernt hat.

Angenommen, jemand will im neuen Jahr anfangen, Sport zu machen. Bisher jedoch hat der Schweinehund immer gesiegt. Wie sollte dieser Mensch das Vorhaben Ihrer Meinung nach angehen?

Der innere Schweinehund macht genau das, was er sich beigebracht hat. Eigentlich ist Sport machen nur ein Verhalten. Der Sportler hat im Kopf "Bewege dich", der Nichtsportler hat im Kopf "Das ist anstrengend". Wenn man das Verhalten aber konditioniert und 21 Tage lang durchzieht, wird man Spaß daran haben. Man sollte auf keinen Fall gleich extrem viel, hart und lange trainieren. Erst einmal sollte man im Kopf mit Sport etwas Positives verbinden. Dann sollte man sich nicht zum Sport zwingen, sondern sich die Sporttasche zum Beispiel jeden Tag vor die Haustür stellen. Irgendwann kommt einem der Gedanke: "Wäre doch schön, wenn ich die mal benutzen würde". Wer laufen gehen möchte, kann auch erst einmal nur jeden Tag zehn Minuten lang einen Spaziergang machen. Es geht ums Wollen. Es ist erst einmal ein Anfangswiderstand da und mit der Zeit wird es besser und man kann sich weiter steigern.

Kann es sein, dass man seine Wünsche unbewusst manchmal boykottiert? Wie kann man das lösen?

Ich arbeite da gern mit einem Zielekompass. Der hat drei Kompassnadeln: Eine Zielekompassnadel, eine Wegkompassnadel und eine Sinnkompassnadel. Angenommen, das Ziel ist es, einen neuen Partner zu finden. Der Weg wäre nun, sich von Date zu Date zu tindern. Wenn das aber nicht klappt, muss man auf den Sinn gucken und sich fragen, warum es nicht funktioniert. Welche Funktion erfüllt eine Beziehung für dich? Du fühlst dich alleine oder du liebst dich nicht richtig oder du hast deine Beziehung mit deinem Ex-Partner noch nicht verarbeitet und hast ein Bindungsproblem. Da muss man bei der Sinnkompassnadel anfangen. Worum geht es dir eigentlich? Geht es dir um Zweisamkeit, Sex oder ein gemeinsames Leben? Und dann sollte man auf diesem Sinn aufbauen und sich fragen, wie der Partner sein sollte. Dann kann man in diese Richtung gehen. Viele machen bei dem Thema Partnerschaft den Fehler, dass der Partner irgendwelche Lücken stopfen oder Funktionen erfüllen muss, die man sich selbst nicht erfüllen kann. So was geht fast immer schief, weil da tiefere Themen dahinterliegen.

Manchmal will man etwas, aber hat gleichzeitig auch Angst davor. Wie kann man Ängste auf dem Weg zum Ziel überwinden?

Nicht sagen: "Ich mach das eines Tages", sondern sich fragen: "Was hält mich davon ab?". Es ist häufig die Angst vor etwas Neuem oder die Angst, etwas Gewohntes loszulassen. Es kann bei einem Umzug in eine neue Stadt die Angst sein, soziale Bindungen aufzugeben oder bei einem Karrierewunsch die Angst vor der eigenen Inkompetenz. Viele haben Angst, sich voller Leidenschaft etwas hinzugeben, denn sie kann enttäuscht werden. Das hat jeder erlebt. Wegen negativen Erfahrungen machen viele den Fehler, sich mit dem Mittelmaß zu arrangieren. Wenn ich fünf oder zehn Jahre in einem ungeliebten Job oder in der falschen Stadt bin, bringe ich mir bei, dass das mein Leben ist. Erfolgreiche und glückliche Menschen wollen herausfinden, was am besten zu ihnen passt. Denen geht es nicht darum, den perfekten Job oder die perfekte Stadt zu finden. Das geht nur in der Realität und nicht in der Vorstellung. Die begeben sich auf den Weg und lernen. Auch wenn es schiefläuft, ist das nicht schlimm, denn man kann aufstehen und weitergehen. Bei jemandem, der seine Ziele immer erreicht, läuft ein anderes Programm. Der hat mit der Angst vor dem Versagen kein Thema, sondern eher Angst vor der Stagnation. Er will auf keinen Fall, dass es für immer so bleibt.

Wegen negativer Erfahrungen aus der Vergangenheit verliert man manchmal auch die Motivation. Wie kann man die steigern?

Wir Menschen wollen Enttäuschungen nicht wiederholen. Wer in der Liebe enttäuscht wurde, kann auch anders über die Sache denken. Zum Beispiel kann man sich sagen: "Ich habe die Fähigkeit zur Liebe und intensiven Bindung in mir. Ich habe noch nicht den richtigen Partner, aber wie schön wäre es, wenn ich den finde? Da draußen laufen derzeit 82 Millionen Deutsche herum. Da muss doch jemand für mich dabei sein. Es ist doch unwahrscheinlich, dass da keiner zu einem passt." Der Sinn ist es nicht, nicht enttäuscht zu werden. Man spielt nicht ein Spiel, um nicht zu verlieren, sondern um zu gewinnen. Aber zum Gewinnen gehört langfristig immer eine Niederlage dazu. Ein Kind lernt das Laufen durch Hinfallen. Wenn man versteht, dass man übt, dann geht es wieder nicht ums Ziel, sondern darum, sich den Prozess des Lernens beizubringen.

Manchmal ist man eifrig bei einer Sache dabei, aber dann kommt ein unvorhergesehenes Ereignis dazwischen, wie zum Beispiel eine Trennung oder ein Jobverlust. Wie schafft man es dann, wieder neue Kraft fürs Weitermachen zu finden?

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Ein Klassiker ist: "Ich möchte mit dem Rauchen aufhören". Mit dem Rauchen aufzuhören ist einfach. Kippen wegwerfen und aufhören. Dann kommt eine Enttäuschung und man zündet sich eine Zigarette an, weil man Jahrzehnte bei Enttäuschung immer eine Zigarette geraucht hat. Dann ist man enttäuscht von sich. Aber man darf hinfallen. Es ist wie so eine Verhaltensrille. Man muss eine neue schaffen. Man darf auch mal jammern und es schlimm finden. Wir haben alle schon komplizierte Dinge gelernt. Autofahren lernen ist ein Automatismus und den muss man so lange wiederholen, bis es im Innersten drin ist. Das Ziel ist also nicht, Autofahren zu lernen, sondern sich die Automatismen beizubringen. Und die Entscheidung zu fällen, dass man etwas können möchte und das geht über die Sinnebene.

Wie findet man seine wahren Wünsche und Ziele?

Das geht über einen Reflexionsprozess. Man sollte sich immer fragen: Kommt das von außen oder ist es etwas, was mich erfüllt? Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass es auf jeden Fall klappt? Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest? Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass du es kannst? Dann sagen sehr viele Leute, dass sie eigentlich etwas ganz anderes machen würden. Da muss man sich fragen, warum man es nicht tut. Häufig kommen wir in Konditionierungen rein. Am Arbeitsplatz hat man seine Routinen abzuarbeiten, man umgibt sich täglich mit denselben Menschen und die erzählen alle das Gleiche. Das Spiel beginnen wir schon in der Kindheit. Die erfolgreichen, glücklichen Menschen, die ihre Ziele erreichen, sind Individualisten. Die haben einen tiefen inneren Antrieb und lösen sich aus diesen Verstrickungen. Sie fragen sich: "Was erfüllt mich? Was passt zu meinen Werten und Talenten?" Viele Menschen haben riesige Talente, aber unterdrücken diese am Arbeitsplatz und leben sie nur am Wochenende oder nach Feierabend aus. Warum machen sie aus diesen Talenten nicht ein Lebenswerk?

Viele Leute fürchten sich davor, was die Kollegen, Freunde oder die eigene Familie denken, wenn sie das tun, was sie möchten. Wie kommt man über die Angst hinweg?

Die Schritte, die man vor hat, müssen nicht für alle verständlich sein. Man glaubt häufig, die anderen machen sich so viele Gedanken über einen, aber die sind selbst mit sich beschäftigt. Wir denken alle von morgens bis abends an uns selbst. Selbst wenn jemand es komisch findet, was du machst, dann ist das auch egal. Da muss man sich unabhängig von anderen machen und Nein sagen lernen. Leute, die ihre Ziele auch gegen den Widerstand anderer erreichen, haben alle den Weg hinter sich. Häufig zeigen die Widerstände im Leben erst, wie sehr du etwas willst. Die Menschen, die mehrere Widerstände überwinden, um irgendwo anzukommen, sind die, die es wirklich wollen. Wenn du am ersten Widerstand scheiterst und aufgibst, dann willst du es noch nicht richtig. Du kannst dir sagen: Natürlich werde ich Sängerin, Mutter, finde meinen Traumpartner und natürlich mache ich regelmäßig Sport. Es kann doch nicht sein, dass ich mir durch ein bisschen temporäre Unlust mein Leben versauen lasse. Es geht nicht darum, ob ich der große Star oder die große Journalistin werde. Es geht darum, ob ich das wirklich liebe, was ich tue. Wenn ich liebe, was ich tue, dann ist auch die Niederlage egal. Sie ist immer eine Gelegenheit, zu lernen.

Viele Menschen leben so von Ziel zu Ziel. Wie kann man mehr Spaß auf dem Weg haben?

Viele Menschen machen den Fehler, dass sie ihr Leben überplanen und die Möglichkeiten nicht sehen, die links und rechts entstehen. Die meisten, die von innen heraus leben, sind sehr flexibel. Die sehen eine neue Chance und brauchen dieses Sich-von-Ziel-zu-Ziel-Hangeln nicht. Diejenigen, die mit Zielen ihren Erfolg definieren, erlauben sich nicht, den Weg dahin zu genießen, den sie unterwegs gehen. Das nimmt auf Dauer die Motivation weg. Ziele sind was Tolles, wenn sie zu einem passen. Deswegen muss man sich fragen, ob das wirklich zu einem passt. Will ich das wirklich? Dann brauche ich keine äußeren Ziele, denn die meisten Ziele liegen entlang des Weges und nicht irgendwo am Ende. Der Traumpartner kann einem plötzlich in der Bahn oder auf einer Party begegnen, weil man sich auf dem Weg gemacht hat. Eine gute Idee kommt in der Badewanne, bei einem Spaziergang oder in der Bahn, aber nicht im Meeting.

Können Wünsche auch "zu groß" sein?

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Man darf gerne groß denken, wenn man etwas tut, was einem wirklich entspricht. Wenn man als Journalistin den Pulitzer-Preis gewinnen will, kann das ein toller Antrieb sein. Aber Vorsicht: Wenn Sie sich unsicher sind oder noch andere Ziele haben wie Mutter werden, eine Partnerschaft, ein tolles Sozialleben et cetera, dann dürfen es auch kleine Ziele sein. Viele fühlen sich von großen Zielen maßlos überfordert. Wenn ein Unternehmen große Ziele verkündet, fühlt sich eine Hälfte immer überfordert, weil sie zum Beispiel gerne verkaufen, aber nicht unbedingt irgendwelche Zahlen erfüllen wollen. Ich fahre auch nicht Ski, um den Weltcup zu gewinnen, sondern weil ich es liebe. Da brauche ich keine großen Ziele. Ich wollte mal Marathon laufen, aber ich war immer müde vom Training, also habe ich das losgelassen. Mir geht es nur um die Bewegung an der frischen Luft und auf einmal war der Druck weg. Viele große Ziele gehen nicht. Wenn aber jemand seine Leidenschaft gefunden hat, dann darf das Ziel ruhig richtig groß sein.

Mit Dr. Stefan Frädrich sprach Isabel Michael

Quelle: ntv.de

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