Leben

Männer? Die Kolumne. Dürfen Jungs schwule Helden haben?

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Die fünf Stylingcoachs von "Queer Eye", Tan ist der zweite von rechts.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Feuerwehrmann, Polizist, Raumfahrer: Die klassischen Rollenvorbilder präpubertärer Jungs sind auch heute noch aktuell. Aber sie bekommen mehr und mehr Konkurrenz von anderer Seite: Eine US-Stylingserie trägt ihren Teil dazu bei.

Mit zwölf hatte ich ein großes Vorbild: Guybrush Threepwood. Threepwood war ein fürchterlich trotteliger Möchtegernpirat mit einem guten Herzen, der Hauptcharakter eines Computerspiels und für mich das beste Beispiel dafür, dass man mit der richtigen Einstellung und genug Hartnäckigkeit am Ende auch als Außenseiter die Prinzessin abbekommt - obwohl die in diesem speziellen Fall eine Gouverneurin war, aber das ist eine andere Geschichte. In der Schule hätte ich jedenfalls um keinen Preis zugegeben, wen ich da heimlich bewunderte: Da hätte ich auch gleich mein eigenes Todesurteil unterzeichnen können.

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Hat viele Muskeln und schreit gerne herum: Hulk Hogan

(Foto: picture alliance / dpa)

Dachte ich jedenfalls, schließlich stand zu jener Zeit gerade Hulk Hogan hoch im Kurs meiner präpubertären Altersklasse. Der muskelbepackte Wrestler, der für sein Leben gerne in der Gegend herumschrie und Testosteron schwitzte, das war ein echter Kerl - ein Rollenvorbild, mit dem man absolut nichts falsch machen konnte. Außer sich selbst untreu zu werden.

Keine übliche Umstylingshow

Der Sohn einer Freundin ist gerade ungefähr im gleichen Alter wie ich damals. Neulich musste der Junge, nennen wir ihn Björn, in Deutsch eine Projektarbeit bestreiten, Thema: "Wer ist mein Held?" Björn überlegte nicht lange und entschied sich für Tan, einen der Hauptcharaktere aus der Netflix-Sendung "Queer Eye". Und das ist nun wirklich erstaunlich, denn Tan ist ein zarter Mann mit einem Faible für Klamotten und andere Männer - also ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Jungs an der Schwelle zur Pubertät normalerweise als cool empfinden.

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Ein zarter Mann: Tan von "Queer Eye".

(Foto: imago/ZUMA Press)

"Tan wird dafür gefeiert, dass er anders ist", erklärt Björn seine Entscheidung. Und ich feiere Björn für seine Erklärung: Sich selbst in so jungem Alter so klar zu positionieren, dazu gehört eine Menge Mut. Ein Klassenkamerad fragte Björn interessiert, ob das nun ein Outing sei, härtere Reaktionen blieben aber aus - noch vor gar nicht allzu langer Zeit wäre die Wahl eines schwulen Stylingcoachs zum persönlichen Helden dagegen eine Blankovollmacht zum Mobbing durch die Mitschüler gewesen. Wahrscheinlich sind auch heute noch nicht alle Zwölfjährigen so tolerant wie Björns Mitschüler - aber der Trend geht eindeutig in die richtige Richtung. Und daran haben auch Formate wie "Queer Eye" ihren Anteil.

Die US-Sendung ist eigentlich eine klassische Make-Over-Show: Fünf Typen helfen einem verlotterten, deprimierten oder sonstwie vom Leben geschlagenen Menschen zurück auf die Beine, indem sie ihre hippen Leben über sein vermeintlich verbesserungswürdiges stülpen. Während allerdings die üblichen Umstylingshows vor allem darauf abzielen, sich am Leid von anderen aufzurichten, geht "Queer Eye" einen anderen Weg: Die fünf Jungs, allesamt schwul, interessieren sich tatsächlich für ihre Klienten. Sie radieren deren frühere Leben nicht einfach aus, sondern helfen auf ihren jeweiligen Spezialgebieten dabei, das Selbstbewusstsein von einst wieder herzustellen.

"Queer Eye" transportiert Werte

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Der Held meiner Jugend: ein trotteliger Möchtegernpirat namens Guybrush

(Foto: Screenshot "The Curse of Monkey Island")

Björns Vorbild Tan, ein Brite mit pakistanischen Wurzeln, ist der Modeexperte: Er geht mit seinen Klienten shoppen und stellt über die ausgesuchte Kleidung den schönsten Teil des jeweiligen Menschen heraus. In der ersten Folge ist das ein Truckerfahrer aus Georgia, der am liebsten hochprozentige Redneck Lemonade trinkt und auf seinem speckigen Sessel fernsieht. Am Ende der Folge kommt der Trucker, mit frischem Lebenswillen ausgestattet, wieder mit seiner Ex-Frau zusammen und muss sogar ein bisschen weinen. Sein Fazit: "Ich hab davor noch nie mit Schwulen abgehangen. Das sind großartige Jungs."

So wie viele US-Shows ist auch "Queer Eye" häufig ein paar Ecken zu schrill und quietschig und dürfte deswegen vor allem bei Zuschauern zwischen 10 und 25 Anklang finden. In der Altersgruppe gehört es allerdings zum Mainstream. Und was Mainstream ist, ist per Definition breit akzeptiert. Dass die Serie immer wieder auch bekannte Schwulenklischees bedient, lässt sich dabei kaum vermeiden. Aber zumindest für mich ist das ein geringer Preis, denn "Queer Eye" transportiert zutiefst menschliche Werte. Und die sollten so viele Menschen - und vor allem Männer - so früh wie möglich erreichen, damit irgendwann niemand mehr mit seinen echten Vorbildern hinter dem Berg halten muss. Für Björn hat sich das Projekt übrigens auch notentechnisch gelohnt: Er hat eine 1- bekommen.

Quelle: n-tv.de

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