Leben

Aus der Schmoll-Ecke "Ganz Deutschland streichelt seinen Bimbo"

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Ein Plakat eines Anti-Rassismus-Protestes im Mai 2019 in Hamburg.

(Foto: picture alliance/dpa)

Vor drei Jahrzehnten warnte die taz vor zur Schau getragener "Bimbophilie" und "multikulturellem Propagandarummel". Würde sie es heute, wo sie Denkmäler einreißen will, noch so formulieren? Fragt unser Kolumnist, der ansonsten ausruft: Ironie! Sarkasmus! Strafanzeige!

Geschätztes Publikum, egal welche Hautfarbe und -creme Sie an sich haben, egal, ob Sie Mann sind und sich als Frau fühlen, Frau sind und sich als Mann fühlen, Mann sind und sich als Mann fühlen oder Frau sind und sich als Frau fühlen, egal, ob Sie Erwachsener sind und sich als Kind fühlen oder ob Sie Kind sind und sich als Erwachsener fühlen: Ich heiße Sie willkommen zum kolumnistischen Manifest, das dieses Mal ein klares Bekenntnis gegen Rassismus sein wird. Selbstverständlich schreibe ich diese Kolumne auf Knien und wenn der Wein alle ist, auf allen vieren. Sarkasmus-Alarm!? Darüber wird zu reden sein. Oder besser gleich: Strafanzeige!

Jawoll, ich, der selbsternannte Sehr-Gutmensch, kann mich nur wiederholen: Ich liebe doch alle - alle Menschen. Ich schreibe es hier schwarz auf weiß. STOPP! Schwarz auf weiß? Habe ich das geschrieben? Pfui! Keine Farbe steht über der anderen. Ich entschuldige mich in aller Öffentlichkeit und bitte darum, es nicht aus dem Zusammenhang zu reißen. Würde ich twittern und wäre ich auf Facebook aktiv, dann würde ich selbstverständlich auch dort bekunden, einen schlimmen Fehler begangen zu haben und beteuern, nie wieder etwas schwarz auf weiß zu schreiben. Sarkasmus-Alarm!? Darüber wird zu reden sein. Oder besser gleich: Strafanzeige!

Ein Zeichen! Jeder muss dieser Tage ein Zeichen setzen. Ich bin da ganz vorn mit dabei. Schließlich klatschen wir nicht mehr für die Krankenschwestern und Pfleger von den Balkonen, jetzt, wo alles vorbei ist - naja Gütersloh, scheiß was drauf, Klopapier gibt es ja wieder - können wir wieder die Sau rauslassen. Was schert es die Jugendlichen, die vor Berliner Krankenhäusern Solidaritätspartys feiern, ob der eine oder alte Sack oder die eine oder alte Säckin am fiesen Virus leidet oder stirbt. Party ist wichtig. Und natürlich Solidarität. Mit allen. Immerhin haben die Jugendlichen in Schlauchbooten für ihr Recht auf Partys demonstriert, um quasi auch noch Solidarität mit den ersaufenden Flüchtlingen im Mittelmeer zu zeigen. Sarkasmus-Alarm!? Darüber wird zu reden sein. Oder besser gleich: Strafanzeige!

Ringen mit Selbstverständlichkeiten

Wie der Zeitgeist weht, kann man manchmal an Werbung ablesen. Bei Lidl machten gerade ein Schwarzer und eine Weiße Reklame für Unterwäsche. Von Rassismus oder anderen Plagen keine Spur. Das Paar ist überaus gut gelaunt, hat wahrscheinlich gerade gemeinsam geduscht oder erfahren, dass die Unterwäsche, für die es wirbt, in einer Fabrik in Bangladesch hergestellt worden ist, wo der Mindestlohn satte drei Dollar am Tag beträgt. Vielleicht könnten sich ja die Party-Paddler vor dem Berliner Urban-Krankenhaus der Sache einmal annehmen und für fair gehandelte Klamotten einsetzen. Ah, keine Zeit, wegen Studium und so. Verstehe. Sarkasmus-Alarm!? Darüber wird zu reden sein. Oder besser gleich: Strafanzeige!

Der Lidl-Schwarze ist nicht so schwarz wie andere Schwarze. Früher - jedenfalls in meiner Jugend in der schwer rassistischen Ostzone - hätte ich den Mann "Mulatte" genannt. Aber im Duden steht als "Besonderer Hinweis": "Die Bezeichnungen Mulatte, Mulattin werden wegen des etymologischen Bezugs oft als diskriminierend empfunden. Da jedoch keine Ausweichbezeichnung existiert, werden die Wörter in bestimmten Kontexten (wie z. B. in Bevölkerungsstatistiken) gleichwohl noch verwendet." Damit scheidet das Wort "Mulatte" aus. Das akzeptiere ich als Sehr-Gutmensch selbstredend und entschuldige mich, dass ich es trotzdem verwendet habe. Mich wundert es nicht, dass Lidl keinen Tief-Schwarzen als Werbeobjekt engagiert hat. Zu viel will der Konzern dem deutschen Verbraucher dann auch wieder nicht zumuten. Schließlich soll auch der AfD-Sympathisant die Unterwäsche kaufen.

In der Aldi-Werbung sagt Halil: "Ich bin motiviert, jeden Tag alles zu geben, weil Aldi Süd mir 100 Prozent zurückgibt." Der glückliche Halil. Wenn ich bei Aldi an der Kasse Geld gebe, kriege ich nie 100 Prozent zurück. Aber so ist das vermutlich nicht gemeint. Halil wird nämlich in der Anzeige als "stellvertretender Filialleiter" bezeichnet, womit das Unternehmen verdeutlichen will: Weil sich Halil für uns den Po aufreißt, zahlen wir ihm es 100 Prozent heim. Bitte "heim" streichen und durch "zurück" ersetzen. Der Konsument erfährt: Bei Aldi kann auch ein Einwanderer Karriere machen, deshalb: Kommt zu uns! In meiner Welt sind das alles Selbstverständlichkeiten, dass ein Schwarzer - wie schwarz er auch sein mag - und eine Weiße - wie weiß sie auch sein mag - ein Paar sind und der Sohn einer Einwandererfamilie stellvertretender Filialleiter bei Aldi wird. Sarkasmus-Alarm!? Nö.

"Kaum zu überbietende Dämlichkeit"

Ich darf das alles schreiben. Als Ostzonaler stehe ich drüber, nein, ich knie drüber. Erst neulich schrieb mir ein_e Leser_in, weil ich es wagte, den fiesen Tritt in den Rücken eines Polizisten auf eine Stufe mit dem fiesen Tritt in den Rücken eines Asylbewerbers zu stellen: "Ich hoffe, demnächst kann man qualifiziertere Beiträge von Ihnen lesen und nicht nur irgendwelche wirren Gedanken und zum Ausdruck gebrachte Stimmungen eines alten, weißen Mannes …" (Weil ich ein Sehr-Gutmensch bin, habe ich das Zitat um Grammatik- und Rechtschreibschwächen bereinigt.) Mich auf die Hautfarbe und mein Alter zu reduzieren, fand ich ein bisschen dürftig, weshalb ich nachfragte, was gemeint sei. Leider erhielt ich keine Antwort.

Ich muss dieser Tage und Wochen oft an einen tollen Artikel in der "Tageszeitung" (taz) denken, erschienen einige Wochen nach den unsäglichen rassistischen Angriffen in Hoyerswerda im September 1991, die zeigten, dass das Böse in der Ostzone tickt. Danach gab es jede Menge Kampagnen der Marke "Jesus war Asylant" - ja, "Asylant" sagte man damals noch. Was heute die Rechten tun, nämlich die humanistische Apokalypse (Umtopfung der Deutschen und der ganze Stuss) zu beschwören, war in jener Zeit eher Sache der Linken: "Wenn das so weitergeht, müssen vielleicht schon bald wieder Deutsche um Asyl im Ausland bitten." Drei Jahrzehnte später ist unsere Demokratie stabil, niemand musste ins Ausland fliehen - der Rassismus aber ist verwurzelter denn je in der deutschen Gesellschaft.

Die taz schrieb - zitiert nach einem "Spiegel"-Bericht, weil ich den taz-Artikel nicht im taz-Archiv finden konnte - Ende 1991, die antirassistische Kampagne nach Hoyerswerda sei teilweise von "kaum zu überbietender Dämlichkeit". Die zur Schau getragene "Bimbophilie" der Medien sei wie der ganze "multikulturelle Propagandarummel" eine Art "Mogelpackung". Der Fremdenfurcht werde lediglich eine naive "Ausländersentimentalität" entgegengesetzt. Kurzum: "Ganz Deutschland sitzt auf dem Sofa und streichelt seinen Bimbo." Würde das die taz heute so schreiben?

Der "Spiegel" fasste es so zusammen: "Ob sich mit Good-will-Veranstaltungen und Werbespots, Anzeigen und Plakaten die politische Einstellung von eingefleischten Fremdenfeinden verändern lässt, ist in der Tat zweifelhaft. In der Regel werden mit den stets gut gemeinten, aber nicht immer gut gemachten Aktionen nur Gleichgesinnte erreicht."

Na dann. Stürmt die Denkmäler! Kauft Lidl-Unterwäsche! Dann wird alles gut. Sarkasmus-Alarm!? Darüber wird zu reden sein. Oder besser gleich: Strafanzeige!

Quelle: ntv.de