Leben

Tabu Asexualität "Ich habe mich selbst vergewaltigt"

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Manche asexuelle Menschen mögen Berührungen oder Küsse, anderen ist auch diese Nähe schon unangenehm.

(Foto: imago images/Addictive Stock)

Die meisten Menschen empfinden Sex als durchaus bereichernd für ihr Leben. Doch es gibt auch Menschen, die überhaupt keine sexuelle Anziehung gegenüber anderen spüren. In einer Welt, in der Liebe und Sex miteinander verknüpft sind, haben es Asexuelle nicht leicht.

Juni ist pride month, also der Monat, in dem die LGBTQ+ Community mit Veranstaltungen wie den berühmten Christopher Street Days auf ihre Rechte aufmerksam macht. Und hier läuft auch eine Gruppe mit, von der wahrscheinlich die meisten noch nicht gehört haben: asexuelle Menschen. Also Menschen, die keine sexuelle Anziehung gegenüber anderen spüren. Von ihnen gibt es in etwa so viele wie Rothaarige.

Auch Xenia K. ist asexuell. Die 30-Jährige lebt allein in einer kleinen Dachgeschosswohnung in Neuss. Alles ist in einem hellen Türkis und Orange gehalten. Es wird schnell klar: Hier lebt ein fröhlicher Mensch, der das Leben genießt. Doch das kann Xenia erst heute mit ein bisschen Abstand zu den Erfahrungen, die sie durch ihre Asexualität gemacht hat. "Ich habe mich selbst vergewaltigt. Ich habe etwas getan, was ich nicht wollte. Aber ich konnte es nicht benennen, ich wusste nicht, was ich machen sollte." Denn jahrelang denkt Xenia, nur über Sex findet man Liebe: "Man kriegt von der Gesellschaft gesagt, du musst mit diesem Menschen schlafen, damit du geliebt wirst. Aber was ist das denn, wenn es nicht auf einen passt? Und überall kriegst du immer diese Eindrücke von der Werbung, von allen möglichen, auch von Freunden."

Also hat Xenia mit 18 Jahren ihr erstes Mal und schläft dann immer wieder mit verschiedenen Männern, obwohl sie gar kein Verlangen danach hat. "Der Körper macht einfach nur mit, der wird angeheizt, angeregt. Aber der Kopf ist überall mit: Können wir aufhören? Und: Es gibt auch schönere Sachen. Wann bist du fertig? Was kommt jetzt noch? Angst ist auch dabei auf jeden Fall. Ich habe gezittert danach, ganz massiv. Ich wusste nicht: Was war los oder stimmt das so? Haben das denn andere Frauen auch?" Diese Informationen hätten Xenia gefehlt. "Darüber spricht man nicht."

Noch nie einen Orgasmus

Zwar ist Xenia immer wieder verliebt, und sie kann auch das Küssen und Streicheln mit den Männern genießen, doch sobald es einen Schritt weiter geht, wird es für sie unangenehm. "Ich habe keine Lust, ich habe keine Erregung, das verspüre ich nicht. Viele sagen dann, machst du es dir nicht selber? Ich weiß nicht einmal, was. Ich weiß nicht, wie sich das anfühlt." Auch einen Orgasmus hatte sie noch nie.

Keine ihrer Beziehungen hält. Ein Freund hat sie mit 21 Jahren sogar zur Therapeutin geschickt: "Selbst die hat mich ausgelacht. Die wusste auch nichts mit mir anzufangen." Kein seltenes Phänomen. Viele Menschen, die sich mit Asexualität nicht auskennen, vermuten eine Störung, weiß auch Sexualtherapeut Florian Friedrich: "Asexualität hat nichts mit einer psychischen Erkrankung zu tun, sondern es ist das Nichtvorhandensein eines Bedürfnisses. Und ich mache auch immer wieder in meiner Arbeit die Erfahrung in Partnerschaften, in denen ein Mensch asexuell ist und der/die andere nicht, dass der asexuelle vom nicht asexuellen Menschen als krank erklärt wird oder pathologisiert wird." Das seien große Vorurteile und Belastungen für asexuelle Menschen.

Asexualität ist angeboren

Woher Asexualität genau kommt, weiß man nicht. Körperlich sei bei asexuellen Menschen nichts anders, erklärt der Sexualtherapeut: "Man kann nicht sagen: Ich bin jetzt mal asexuell für ein Jahr. Es ist wahrscheinlich wie bei vielen Dingen in der Sexualität. Eine Mischung aus angeboren, Entwicklung, Sozialisation. Aber es ist keine bewusste Entscheidung. Wir können also nicht bewusst zur Asexualität erziehen, das haben wir früher oft versucht, das funktioniert überhaupt nicht. Wir können aber auch nicht asexuelle Menschen zu sexuellen Menschen machen. Es liegt einfach nicht in unserer Entscheidung, wie wir sind."

Etwa ein Prozent der Menschen ist asexuell. Das besagt EINE Studie. Viel mehr gibt es aber auch gar nicht. Was man aber weiß: Asexuell ist nicht gleich asexuell: Viele wünschen sich wie Xenia eine Beziehung. Sie wollen mit jemandem den Alltag teilen, zusammen auf dem Sofa liegen und gemeinsam einschlafen. Aber eben ohne Sex. Andere spüren kaum emotionale oder romantische Anziehung. Sie sind aromantisch. Auch bei der Libido, also der Lust, gibt es Unterschiede. Die einen spüren sexuelle Erregung und befriedigen sich selbst, andere wiederum brauchen oder wollen auch das nicht.

Wie Sebastian K. Auch der 31-Jährige hat Selbstbefriedigung schon ausprobiert, aber genau wie beim Sex spürt er dabei gar nichts. Auch er hatte noch nie einen Orgasmus. Aber muss nicht bei Männern rein biologisch der Samen durch Onanieren oder einen nächtlichen Erguss aus dem Körper? "Das ist eine Annahme, die gar nicht so stimmt. Der Körper ist in der Lage, den Samen sogar zu absorbieren und dann quasi wieder neu umzuwandeln. Das wissen die wenigsten. Das Bild vom Samenstau ist eigentlich ein komplett falsches", sagte Sebastian.

Gerade als asexueller Mann, sagt er, sei es noch schwieriger, von der Gesellschaft anerkannt zu werden, denn Männlichkeit und Sexualität werden häufig miteinander assoziiert. Doch er hat schnell gemerkt, dass Sex nichts für ihn ist. Er kann zwar die Nähe zur Frau genießen und sich für sie freuen, wenn sie zum Höhepunkt kommt, aber für ihn hat das nichts mit Lust zu tun: "Es ist für mich mehr mit Arbeit zu vergleichen. Da müssen jetzt Bewegungen ablaufen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, was ich halt nicht erreichen kann."

"Wir leben in einer extrem sexualisierten Kultur"

Asexuelle Menschen wie er und Xenia haben immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen, müssen sich für ihre Sexualität sogar rechtfertigen. Xenia hat überhaupt erst mit 26 Jahren verstanden, dass sie asexuell ist, und damit auch, wer sie ist. "Das hat so geknallt irgendwie. Und dann war alles leichter und frei." Seitdem hat sie Beziehungen, in denen sie sich wohlfühlt, meistens mit ebenfalls asexuellen Menschen. "Da ist absolut kein Druck mehr, dass du funktionierst, dass du, wenn du den umarmst oder küsst, dich jetzt ausziehen musst."

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Aber dass asexuelle Menschen überhaupt unter so einem Druck stehen müssen, ist laut Sexualtherapeut Florian Friedrich vor allem ein gesellschaftliches Problem: "Ich glaube, es liegt daran, dass wir in einer extrem sexualisierten Kultur leben, mit ganz viel Leistungsdruck und Leistungsstress. Wer nicht dreimal in der Woche Sex hat, der gilt schon als nicht normal. Und asexuelle Menschen machen ja die Erfahrung, dass sie schief angesehen werden, wenn sie offen dazu stehen, dass sie keine Lust auf Sex haben. Das mag schon auch ein gesellschaftliches Tabu geworden sein."

Um einen sicheren Ort mit Gleichgesinnten zu haben, leitet Sebastian einen Stammtisch für das Ruhrgebiet. Regelmäßig treffen sich asexuelle Menschen und reden über alles, was sie beschäftigt: "Das Problem ist ja eigentlich schon, dass die Gesellschaft annimmt, dass jeder heterosexuell ist, es sei denn, er sagt, er ist irgendetwas anderes." Deswegen wünschen sich er und Xenia von der Gesellschaft mehr Offenheit und Aufklärung, damit Asexualität kein Tabu mehr ist und es nicht mutig sein muss, so offen wie die beiden darüber zu sprechen.

Quelle: ntv.de

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