Leben

Frauen, Fotos und ein Baby "Ich will Geburt zeigen, wie sie ist"

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Danny Merz versucht, die besonderen Momente festzuhalten.

(Foto: Danny Merz - Geburtsreportage)

Bei vielen Geburten wird fotografiert. Meist zücken Väter oder Freundinnen schnell die Handykamera, wenn das Baby endlich da ist. Immer mehr Fotografinnen bieten jedoch professionelle Geburtsfotos an, auch Danny Merz. Eines ihrer Fotos wurde nun beim jährlichen Fotografiewettbewerb von mehr als 3500 Geburtsfotografen aus aller Welt ausgezeichnet. Mit ntv.de sprach die Hamburgerin über das Warten auf den Einsatz, warum sie bereit ist, sich wegschubsen zu lassen und über ihr ausgezeichnetes Foto.

ntv.de: Was zeigt das Bild?

Danny Merz: Das ist eine Mutter mit ihrem neugeborenen Baby bei einer Hausgeburt. Ich glaube, es war in etwa zwölf Minuten nach der Entbindung. Wenn man ganz genau hinschaut, sieht man ein bisschen die Nabelschnur, die Plazenta ist noch nicht geboren. Die beiden waren ganz bei sich in diesem Moment. Für mich waren sie wie zwei Puzzlestücke, die ineinandergreifen, auch körperlich. Es strahlt auch die Atmosphäre dieser Geburt aus, die ganz ruhig war, keiner hat gesprochen. Zwei Hebammen waren da und der Partner, der größere Sohn schlief im Nebenzimmer. Wie oft bei Geburten gibt es eine große Entspannung, wenn das Kind da ist. Einerseits diese Freude und die Erleichterung, dass das Kind gesund ist. Andererseits die Erschöpfung nach der Geburtsanstrengung. Und ganz viel Schönheit. Das sehe ich in dem Bild.

Was macht ein gutes Geburtsfoto aus?

Es gehört ein bisschen Glück dazu. Und wenn es so einen besonderen Moment gibt, muss man fix sein. Ich kann nur das fotografieren, was da ist und jede Geburt ist anders, jede Frau ist anders. Ich arbeite dokumentarisch und versuche, die Geburt so zu zeigen, wie sie ist, auf eine ästhetische Art und Weise.

Babys halten sich ja selten an einen Geburtstermin. Wie organisieren Sie Ihre Arbeit?

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Der Geburtsmoment ist für Merz nur ein kleiner Teil der Reise.

(Foto: Danny Merz - Geburtsreportage)

Das ist tatsächlich einer der kniffligsten Punkte bei der Geburtsfotografie. Die meisten Kolleginnen gehen ungefähr ab der 38. Schwangerschaftswoche in Rufbereitschaft. Sie sind ab da 24 Stunden am Tag erreichbar, weil Kinder natürlich auch gern mitten in der Nacht oder sehr früh morgens kommen. Ich frage dann bei den Frauen immer mal nach, wie es ihnen geht und sage, dass es gut ist, mir früh Bescheid zu sagen, wenn sich irgendwas tut. Sonst wird es schwierig, auch noch meinen Alltag zu leben. Ich fahre in der Regel auch nicht gleich bei der ersten Wehe los, aber ich muss vielleicht andere Aufträge umplanen. Grundsätzlich bin ich lieber zu früh da, aber das ist noch nicht allzu oft passiert. Häufiger hatte ich Geburten, bei denen es sehr schnell ging. Das eine oder andere Mal haben es selbst die Hebammen kaum geschafft. Das Anliegen einer Geburtsreportage ist es ja, nicht nur den Geburtsmoment zu fotografieren, sondern auch etwas von der Geburtsreise.

Was kostet eine Geburtsreportage, wie Sie es nennen?

Die meisten Fotografinnen nehmen ungefähr 1500 Euro; wenn es mit Video oder einer Slideshow ist, auch mal etwas mehr. Es ist sicher nicht ganz günstig. Ich vergleiche den Preis gern mit Hochzeitsfotografie, die in der Regel mindestens genau soviel kostet. Aber da hat man einen festen Termin und ist nicht in Rufbereitschaft. Viele Fotografinnen bieten auch Ratenzahlung an. Denn wir wollen auch, dass die Familien sich das leisten können.

Wer sind Ihre Kunden?

Ganz normale Familien. Geburtsfotografie ist aber nicht für jeden was und sollte sich auch nicht irgendwie zu einer Art "Trend" entwickeln - ich halte es für wichtig, dass der Wunsch, eine Fotografin (oder einen Fotografen) bei der Geburt dabei zu haben, wirklich ein tiefer Wunsch der Frau ist. Nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen Kolleginnen sind es häufig Frauen, die Hausgeburten haben. Oft sind es Frauen, bei denen die erste Geburt nicht so schön war. Die zweite Geburt soll auch etwas Heilendes haben und dafür sind vielen die Fotos wichtig.

Was können die Fotos dafür leisten?

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Viele Frauen betrachten die Fotos später immer wieder.

(Foto: Danny Merz - Geburtsreportage)

Die Fotos geben die Möglichkeit, sich zu erinnern und auch Dinge wahrzunehmen, die die Frau während der Geburt gar nicht mehr mitbekommt. Das sind manchmal nur Kleinigkeiten. Manchmal gibt es leider auch ein Versagensgefühl nach einer Geburt. Wenn man hinterher sehen kann, was man geleistet hat, hilft das, die eigene Leistung anzuerkennen, auch wenn es am Ende zum Beispiel ein Kaiserschnitt wird.

Frauen erzählen mir häufig, dass ihnen das Betrachten der Fotos im Nachhinein viel Stärke und Bestätigung gegeben hat. Das berührt mich sehr. Manchmal fällt auch erst dann der Blick auf den Partner oder die Partnerin. Mir hat mal eine Frau gesagt, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie liebevoll ihr Partner sie die ganze Zeit angesehen hat. Und natürlich sind diese Fotos ein einzigartiges Dokument für die Familienchronik. Sicher haben Familien auch schon früher Fotos gemacht oder sogar gefilmt. Aber es ist eben ein Unterschied, ob man da einfach eine Kamera aufstellt und draufhält.

Bearbeiten Sie die Bilder nach?

Ja, aber nicht im Sinne von Retuschieren. Das mache ich nicht. Ich entferne keine Hautunreinheiten oder Blutflecken. Aber ich arbeite häufig in Schwarz-Weiß, weil das oft konzentrierter ist. Manchmal bearbeite ich dann Helligkeit, Kontrast oder die Farbgebung, aber es gibt keinen Eingriff in das Motiv.

Wie nah sind Sie der Geburtssituation?

Ich bin oft sehr nah dran, ich fotografiere mittlerweile hauptsächlich mit einer 35er Brennweite. Das ist so ähnlich wie das Blickfeld, das man auch ohne Kamera hat. Der Abstand ist relativ original. Mit Zoom-Brennweiten habe ich Schwierigkeiten, vor allem weil es bei Geburten oft ziemlich dunkel ist. Man kommt dann mit den Festbrennweiten besser zurecht. Ich bin Fan davon, näher heranzugehen. Ich finde, es übermittelt etwas anderes im Bild, ob ich rangezoomt habe und weit weg stehe oder ob ich wirklich nah dran war.

Wie schaffen Sie es, die Mutter und die Hebammen trotzdem nicht zu stören?

Man muss es ein bisschen erspüren. Bisher gab es noch keine Beschwerden (lacht). Ich komme ja auch nicht rein und setze mich direkt neben die Frau. Es sei denn, sie ist total gesprächig und gut drauf und bittet mich darum. Man pirscht sich eher ran und findet sich in die Atmosphäre ein. Manchmal fällt mir erst hinterher auf, wie nahe ich dran war. Meist ist es aber so, dass die Frauen sagen, ich habe die meiste Zeit gar nicht gemerkt, dass du da warst. Und den Hebammen sage ich oft, sie sollen mich wegschubsen, wenn ich im Weg bin, aber bisher hat es noch keine gemacht. Denn alle anderen Anwesenden haben natürlich immer Vorrang vor mir.

Können Sie auch bei einer Krankenhausgeburt fotografieren?

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Vor allem die kleinen Gesten wären wohl ohne die Fotos vergessen.

(Foto: Danny Merz - Geburtsreportage)

Prinzipiell ja, die Eltern müssen das bei der Anmeldung erfragen. Viele Krankenhäuser sind bei den Kreißsälen recht entspannt, in den OP-Sälen kann das aber auch wieder anders aussehen. Manchmal entscheidet es die diensthabende Hebamme, das ist dann ein bisschen unvorhersehbar. Und es gibt auch Hebammen, die das nicht möchten oder die sagen, sie möchten auf den Bildern nicht zu sehen sein - was natürlich vollkommen in Ordnung ist. Oft sind bei Krankenhausgeburten mehr Menschen im Kreißsaal als bei einer Hausgeburt oder im Geburtshaus. Vielleicht ist der Ort des Geschehens verdeckt, dann quetsche ich mich in eine Ecke oder versuche zum Beispiel, durch einen abgewinkelten Ellbogen zu fotografieren.

Jetzt in Corona ist es insofern schwierig, weil ich ja zu der erlaubten Begleitperson noch hinzukommen würde. Das geht momentan leider fast nie. Es ist sehr sensibel, deshalb geben meine Kolleginnen und ich uns Mühe, das Vertrauen nicht zu verspielen. Manchmal müssen Kolleginnen Bilder, die sie veröffentlichen wollen, insofern retuschieren, dass das Krankenhaus nicht zu identifizieren ist. Da ging es beispielsweise mal um ein Muster auf der Bettwäsche. Ich fotografiere sehr gern Hausgeburten, aber es geht bei meiner Arbeit natürlich darum, die Vielfalt von Geburten zu zeigen, auch den Kaiserschnitt. Dabei wird die Frau ja oft noch versorgt, während der Papa schon mit dem Baby bondet. Oder Frau ist noch im Aufwachraum und bekommt vieles gar nicht mit. Deshalb würde ich mich freuen, wenn es auch im Krankenhaus selbstverständlicher wird. Zumal ja Partner oder Begleitpersonen ohnehin oft fotografieren.

Gibt es eine Geburt, die Sie besonders in Erinnerung haben?

Erinnern kann ich mich an alle. Aber eine war insofern speziell, als das Kind im Krankenwagen geboren ist. Da war ich nicht dabei, weil die Hebamme mit im Krankenwagen war und es schnell gehen musste. Wir waren alle besorgt, weil die Herztöne des Kindes sich verschlechtert hatten und die Hebamme entschieden hatte, die Frau ins Krankenhaus zu verlegen. Mein Plan war, dass ich ins Krankenhaus hinterherfahre und dort warte. Während ich eingepackt habe, kam der Anruf, das Kind sei im Krankenwagen geboren und sie drehen jetzt um. Kurz darauf waren sie auch schon wieder da. Die Plazenta wurde dann zu Hause geboren und ich konnte ganz viel davon dokumentieren.

Mit Danny Merz sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de

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