Leben

Ein Hoch auf die Bausünde Ist das Architektur oder kann das weg?

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In den 1970er-Jahren hochgelobt, heute Bausünde: der "Bierpinsel" in Berlin-Steglitz.

(Foto: imago/Schöning)

Klobige Betonmonster, Fassaden ohne Fenster, Säulen an den abwegigsten Stellen - hässlich, oder? Nein, außerordentlich faszinierend, findet Turit Fröbe. Im Gespräch mit n-tv.de erklärt die Architekturhistorikerin, wann eine Bausünde "gut" ist und in welcher Stadt die schlimmsten architektonischen Unfälle stehen.

n-tv.de: Sie beschäftigen sich schon seit vielen Jahren mit Bausünden. Wie ist Ihre Leidenschaft für architektonische Fehlgriffe entstanden?

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Turit Fröbe ist Architekturhistorikerin, Urbanistin und seit 2001 leidenschaftliche Bausünden-Sammlerin.

(Foto: Philip Birau)

Turit Fröbe: Es gab eine Ur-Bausünde. In Bielefeld stand ich vor einem Stromkasten, der mit mehreren Betonstehlen umgeben und als Kunstwerk inszeniert war. Da wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Im selben Moment fiel die Idee vom Himmel, einen "Abrisskalender" zu machen, also Bausünden zu sammeln. Von da an habe ich das Haus nicht mehr ohne Kamera verlassen.

Könnte man bei Bausünden nicht einfach sagen: hässlich, abreißen, weg?

Ja, genau. Auch ich habe vor 19 Jahren als Bausünden-Hasserin begonnen. Ich war damals noch so eine ganz bornierte Architekturhistorikerin, habe mir nur angesehen, was ausgewiesen gut war. Alles andere hat mich nicht interessiert. Dann bin ich die ersten Jahre mit dem Fahrrad durch die Gegend gekurvt und habe mich wie Rumpelstilzchen gefühlt und gedacht: Toll, jetzt räche ich mich an den ganzen Architekten und Häuslebauern. Aber ich habe schnell festgestellt, dass Bausünden eine wahnsinnig interessante und vollkommen zu Unrecht vernachlässigte Architekturgattung sind.

Wie viele Fotos haben Sie inzwischen?

Etwa 6000 bis 7000 Bilder, es ist schon ein richtiges Archiv. Ich glaube, das wird irgendwann richtig Bedeutung bekommen. In den Architektur-Hochglanz-Zeitschriften ist ja etwas ganz anderes abgebildet. Meine Bausünde-Fotos zeigen städtebauliche Realität, die flüchtig ist und verloren geht.

Hässlichkeit und Schönheit liegen ja bekanntlich im Auge des Betrachters. Aber gibt es verbindende Elemente, die allen Bausünden gemeinsam sind?

Es ist immer das Ausscheren. Wenn etwas in Material und Form aus der Reihe tanzt, dann fällt das auf. Das ist interessanterweise auch bei der Spektakelarchitektur, wie zum Beispiel der Elbphilharmonie, der Fall. Bei Bausünden geht man eigentlich davon aus, dass sie austauschbar sind und überall stehen könnten. Aber das ist nicht der Fall. Originelle, expressive Bausünden können nicht in der Nachbargemeinde stehen, sie sind an den Ort gebunden, weil es eine gewisse Haltung braucht, um so etwas hervorzubringen.

Woher weiß ich, wenn ich vor einem scheußlichen Gebäude stehe, ob es eine gute oder eine schlechte Bausünde ist?

Wenn Sie sofort wach sind und sich fragen: Wer hat das gebaut, wer hat das genehmigt, wie konnte das passieren? Dann können Sie davon ausgehen, dass es eine gute Bausünde ist. Dann ist sie mit Mut gestaltet. Oft spiegelt sich das auch in den Spitznamen, die die Bürger diesen Gebäuden geben, zum Beispiel wird das "Alexa" in Berlin (eine Shoppingmall am Alexanderplatz, Anmerk. d. Red.) auch "Pharaonengrab" genannt und in Gießen gibt es das "Elefantenklo" (eine enorme Fußgängerbrücke mit drei riesigen Öffnungen über einer Straßenkreuzung, Anmerk. d. Red.).

Wie entstehen Bausünden eigentlich, sind das Pannen oder sollen sie provozieren?

Ich habe festgestellt, dass ganz unterschiedliche Wege zur Bausünde führen. Viele Sachen waren ursprünglich mal gute Architektur, wie zum Beispiel der "Bierpinsel" in Berlin-Steglitz (ein 47 Meter hoher Turm, Anmerk. d. Red.). Der war hochgelobt und ein ganz seltenes Beispiel für Pop-Art-Architektur. Aber der Architekturgeschmack ist launisch. Wir können nach 20 bis 25 Jahren nicht mehr ausstehen, was heute aktuell ist. Es gibt ganz wenig zeitlose Architektur.

Was heute hip ist, kann also schon morgen Bausünde sein.

Ja, davon kann man ausgehen. Das betrifft gerade diese expressiveren Architekturen. In meinen Kalendern und Büchern taucht auch immer wieder Gottfried Böhm auf. Das darf man eigentlich absolut nicht machen, er ist der unangefochtene Star der deutschen Architektur und ich finde ihn grandios. Aber er hat es riskiert, dass seine Sachen aus der Mode kommen. Der hat diesem Einheitsbrei ganz bewusst etwas entgegengesetzt. Und gute Bausünden kommen für mich in der Hierarchie direkt hinter guter Architektur, die Grenzen sind fließend.

Architekten müssen also mehr wagen?

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Auf jeden Fall ein Hingucker: das "Alexa" in Berlin, auch "Pharaonengrab" genannt.

(Foto: imago/Michael Eichhammer)

Wenige Städte gehen heute noch ein Risiko ein, die meisten setzen auf Unsichtbarkeit oder auf Pseudo-Rekonstruktionen und Neo-Stile. Keiner traut sich mehr, ein echtes Statement zu setzen. Aber Risiko ist gut für die Bauproduktion. Natürlich gibt es auch Bausünden, die sind von vornherein schiefgegangen. Zum Beispiel diese Shopping-Malls, da nimmt man das bewusst in Kauf. Beim "Alexa" ging es nicht darum, eine gute Architektur zu produzieren, sondern darum, etwas zu schaffen, was den Betrachter oder den Kunden anspringt. Das "Alexa" hat eine wahnsinnige Bildqualität, das Gebäude kann man sich merken, wenn man das einmal live gesehen hat.

Gibt es eine Stadt, in der Sie die eindrucksvollsten Bausünden entdeckt haben?

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Das "Happy Rizzi House" macht Braunschweig zu einem Mekka für Bausünden-Fans.

Braunschweig! Dort gibt es zum Beispiel das "Happy Rizzi House", die penetranteste Bausünde Deutschlands. Wenn ich mir vorstelle, dass ich jeden Tag daran vorbeifahren muss, das tut weh.

Aber ist es mit den Bausünden nicht auch ein bisschen so wie mit hässlichen Hunden, die man einfach lieb haben muss?

Ja, wenn man anfängt, sie zu betrachten, eröffnet sich so ein ureigener Charme und eine Schönheit, die vorher nicht da war. Das Problem ist, dass wir Bausünden immer nur vom reflexhaften Wegsehen kennen. Wir gucken normalerweise nicht hin, aber genau das habe ich getan. Als mein erster Abrisskalender auf den Markt kam, habe ich gemerkt, dass ich die Gebäude gar nicht mehr abreißen möchte. Ich hatte sie irgendwie ins Herz geschlossen - bis auf eins.

Welches war das?

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Ein penetrant langweiliger Bürobau der 70er-Jahre mit grünbraun-eloxierten Aluminiumplatten verkleidet und Jägerzaun davor.

Haben Sie eigentlich das Gefühl, dass sich die Menschen wieder stärker für Architektur interessieren?

Überhaupt nicht. Es wird zwar viel über Architektur berichtet, aber es geht immer nur um Spektakelarchitektur oder um Skandale und Pannen. Wir müssen als Gesellschaft wieder lernen, uns einzumischen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie wir leben wollen, und uns nichts mehr von Investoren diktieren lassen. Ich kämpfe sehr dafür, dass die Baukultur ins Herz der Gesellschaft zurückkommt und dass die Leute lernen hinzusehen und ein Gefühl für die Alltagsarchitektur zu entwickeln.

Mit Turit Fröbe sprach Katja Sembritzki

Quelle: ntv.de