Leben

Nachhaltigkeit für Einsteiger "Jetzt wachen die meisten auf"

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Unverpackte Lebensmittel bekommt man zum Beispiel auf dem Wochenmarkt.

(Foto: imago/ecomedia/robert fishman)

Ein nachhaltiger Lebensstil bedeutet nicht zwangsläufig, viel zu opfern. Dazu hat er jede Menge Vorteile, denn man schont nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel. Das weiß Christoph Schulz, Blogger und Autor des Buches "Nachhaltig leben für Einsteiger". Er erklärt, welche einfachen Schritte jeder machen kann, um die Umwelt zu schonen.

ntv.de: Müssen sich Anfänger beim Thema Nachhaltigkeit schämen?

Christoph Schulz: Nein. Ich habe vor drei Jahren damit angefangen. Die Gesellschaft hat sich so entwickelt, dass alles irgendwie schnell gehen muss. Nun sehen wir langsam, welche Probleme damit einhergehen - vom Plastikmüll bis hin zum Klimawandel. Jetzt wachen die meisten auf, und das ist nichts, wofür man sich schämen muss, sondern man sollte nicht noch mehr Zeit vergehen lassen, bevor man anfängt.

Was sind für Sie die wichtigsten Gründe für einen nachhaltigen Lebensstil?

Der Klimawandel wird jeden Tag von uns im Alltag verstärkt, indem wir zum Beispiel sehr viel Fleisch essen, weil die Tiere dafür gehalten werden müssen. Da ist das Problem mit der Wasserknappheit, die Rinder müssen ja auch irgendetwas trinken. Dazu muss auch noch das Futter angebaut werden. Man sollte also immer sehen, was für den eigenen Lebensstil notwendig ist. Weitere Gründe sind der Plastikmüll und die Luftverschmutzung. Dazu kommen auch noch ethisch-moralische Gründe. Wir sollten kein Wasser von einem Großkonzern kaufen, denn die pumpen das Wasser für ein paar Euro in Afrika ab und nehmen den Menschen vor Ort das Wasser weg.

Welche einfachen Schritte können blutige Anfänger machen?

Ich selbst habe damit angefangen, kein Wasser in Plastikflaschen mehr zu kaufen. Das ist für mich schon mal ein Anfang, und man kann sich die Trinkflasche unterwegs auffüllen lassen. Leitungswasser kann man ja auch ein bisschen aufpeppen, indem man Zitrone oder Minze dazugibt. Wer viel Fleisch isst, kann das ein bisschen reduzieren und zum Beispiel nur an drei Tagen die Woche Fleisch essen. Heutzutage gibt es gar keine Hürden mehr. Früher habe ich immer viel Döner mit Lammfleisch gegessen - heute genieße ich stattdessen lieber einen Falafel-Döner, der ohne Fleisch auskommt und mindestens genauso gut schmeckt. Mit Müllvermeidung kann man auch gut anfangen, indem man sich wiederverwendbare Obst- und Gemüsenetze kauft, anstatt Plastiktüten zu nutzen. Das kostet einmal ein paar Euro mehr und dann hat man diese Tüten für immer ersetzt. Beim Einkaufen ersetzen Stoffbeutel oder ein Rucksack die große Plastiktüte.

Was sind gute Ersatzprodukte für Shampoos, Duschgel und andere Hautpflegeprodukte?

Man kann Olivenöl und Naturseife für die Haare und für die Haut nehmen.

Was ist beim Putzen zu beachten?

Wir haben ein Spülmittel aus Efeu, das ich immer selbst mache. Die Efeu-Blätter kocht man ganz einfach auf und dann hat man in ein paar Minuten ein schäumendes Spülmittel. Man kann auch Natron als Backofenreiniger benutzen oder Waschpulver von Bio-Marken kaufen. Die recyceln ihre Verpackungen oder verpacken sie gleich in Pappkartons. Man braucht nicht 100 verschiedene Reiniger, sondern Natron oder Zitronensäure funktionieren gut für viele Dinge. Mit vier bis fünf Hausmitteln hat man schon die ganze Drogerie ersetzt.

Wie kann man effektiv Müll vermeiden?

Wir kaufen einmal pro Woche unsere Lebensmittel auf dem Wochenmarkt ein, und was wir dann noch nicht haben, kaufen wir im Supermarkt. In der Regel gibt es da fast alles, was wir brauchen, plastikfrei. Auch beim Unverpacktladen kann man zum Beispiel Lebensmittel ohne Verpackung kaufen - vorausgesetzt, der ist in der Nähe.

Wie gelingt nachhaltiges Einrichten der Wohnung?

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Das Buch von Christoph Schulz ist bei mvg erschienen und kostet 14,99 Euro.

Es geht sicherlich nicht bei allen Sachen, aber Tische kann man sehr gut selber bauen. Da ist man nachher auch stolz, wenn man die bei sich in der Wohnung stehen hat. Das ist etwas Persönliches, und man macht keinen Müll damit. Wer schon mal Möbel online bestellt hat, weiß, wie viel Plastikkram da noch drum rum ist, damit nichts kaputtgeht. Ich habe zum Beispiel Ess-, Couch- und Nachttisch selbst gebaut. Ein Freund von meinem Vater hat einen Bauernhof, und da habe ich mir einige Eichenbohlen mitnehmen können. Daraus habe ich meine Tische gebaut, aber das ist nur eine Idee. Man kann so viele Sachen selbst bauen. Wie wäre es damit, einen Hocker aus alten Büchern herzustellen? Es gibt so viele Möglichkeiten, aus dem Material, das man da hat, etwas Cooles zu machen.

Kleidung ist ein weiteres Thema. Was ist der Unterschied zwischen Slow Fashion und Fast Fashion?

Fast Fashion beschreibt - wie der Name schon sagt - die schnelllebige Mode. Jede Woche wird quasi eine neue Saison für Kleidung eröffnet, sodass man möglichst viel kauft. Dadurch zerstören wir natürlich die Umwelt, weil sehr viele Ressourcen dafür nötig sind. Das Abwasser der Fabriken wird in den Entwicklungsländern, in denen diese schnelllebige Mode hergestellt wird, einfach in die Flüsse geleitet. Wir geben viel zu viel von unserem Geld aus, obwohl es gar nicht nötig wäre. Vor allem für billige Kleidung: Ein 5-Euro-Shirt hält oft nur drei bis vier Wochen. Dann ist es ausgewaschen und man muss sich ein neues kaufen. Slow Fashion ist die ausbremsende Gegenbewegung. Man achtet auf die Qualität und nicht so sehr auf den Preis. Lieber 25 statt 5 Euro für ein T-Shirt ausgeben, das dann auch 5 Jahre oder länger hält und nicht nur ein paar Wochen. Man wertschätzt außerdem das, was man im Schrank hat. Man kauft Kleidungsstücke, die gut miteinander kombinierbar sind, und dann braucht man nicht zu viele Sachen. Man denkt einfach ein bisschen minimalistischer. Nicht nur das Material sollte nachhaltiger sein, sondern man versucht den Neukauf zu meiden. Wenn der Pullover ein Loch hat, wird er repariert. Am Ende hat man Ressourcen und seinen Geldbeutel geschont.

Was halten Sie von E-Autos und E-Scootern?

Ich glaube, dass Elektroautos und E-Scooter schon eine gute Alternative sind im Vergleich zum Benziner oder Diesel. Aber E-Scooter sind, so wie wir sie aktuell nutzen, meiner Meinung nach Greenwashing. Sie sollen ja eigentlich von Menschen genutzt werden, die dadurch eine Autofahrt ersetzen, aber das ist nur bei etwa neun Prozent der Fall. Die anderen wären vielleicht sogar zu Fuß gegangen oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, haben aber stattdessen den E-Scooter genommen. Das ist eben nicht nachhaltig. Es ist nur nachhaltig, wenn der E-Scooter eine Autofahrt ersetzt. Es werden leider immer noch zu viele Roller zerstört oder in den Fluss geworfen, weil das auch gesellschaftlich nicht richtig akzeptiert wird. Aber wenn man, statt das Auto zu benutzen, längere Strecken mit den E-Scootern fährt, ist es schon nachhaltig, weil man kein CO2 ausstößt.

Wie sieht nachhaltiges Reisen für Sie aus?

Nachhaltiges Reisen bedeutet für mich nicht nur, umweltfreundlich unterwegs zu sein, sondern auch, andere Kulturen zu respektieren und sich bewusst auf ein Reiseziel einzulassen. Man ist schließlich Gast in diesem Land. Grundsätzlich sollte man die Klimaanlage nicht ständig angeschaltet haben und nach Möglichkeit nicht mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen. Für eine Woche Strandurlaub muss man nicht nach Indonesien fliegen. Einen erholsamen Urlaub kann man in Europa und selbstverständlich auch bei uns in Deutschland haben. Dazu muss man nicht um die halbe Welt fliegen, denn die ausgestoßenen Treibhausgase tragen wieder entscheidend zur Klimaproblematik bei. Wenn man andere Kulturen kennenlernen will, dann ist das natürlich völlig okay, irgendwohin zu fliegen, aber man sollte das nur einmal im Jahr machen. Es gibt auch die Möglichkeit, die Emissionen zu kompensieren, wenn man zum Beispiel im letzten Jahr sehr viel geflogen ist. Dann kann man Geld an Klima- oder Umweltschutzorganisationen spenden. Wenn man überlegt, wie billig Flüge sind, dann kann man auch einmal 20 Euro nach einer langen Flugreise spenden. Außerdem leistet man auch schon einen Beitrag fürs Klima, indem man Direktflüge bevorzugt, da vor allem bei Starts und Landungen vermehrt CO2 ausgestoßen wird.

Was gibt es beim Kofferpacken zu beachten?

Man sollte eine Grundausstattung dabeihaben - zum Beispiel einen Jute-Beutel, eine eigene Trinkflasche und Gemüsenetze. Auch eine Lunchbox ist wichtig, um Müll zu vermeiden. Man kann sich in allen Bereichen immer wieder Schritt für Schritt weiterentwickeln. Und selbst wenn man erst klein anfängt, kann man stolz auf sich sein. Nachhaltig zu leben ist ein persönlicher Entwicklungsprozess, dem man nur offen gegenüberstehen muss.

Bei vielen Menschen rückte das Thema Nachhaltigkeit in den Hintergrund wegen der Corona-Krise. War das bei Ihnen auch so? Wenn ja, was tun Sie dagegen?

Ich habe bei den Einkäufen maximal etwas mehr Plastikmüll gemacht als üblich. Aber sonst hat sich in meinem Alltag nicht wirklich etwas geändert. Außer, dass ich durch die Corona-Pandemie noch mehr Motivation habe, unsere Gesellschaft für nachhaltiges Handeln zu motivieren. Denn unser Verhalten ist der Grund dafür, dass die Natur sich in Form des Virus wehrt. Wir müssen jetzt die Zeichen erkennen und uns im Sinne der Natur weiterentwickeln, anstatt Sie zu zerstören.

Mit Christoph Schulz sprach Isabel Michael

Quelle: ntv.de