Leben

Zwischen zwei Welten Jüdisch sein, aber nicht orthodox

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Rebecca als Kind (vorn, 3.v.r.) mit ihren Eltern und Geschwistern.

Rebecca Hameln privat

Etwa zehn Prozent der Israelis verstehen sich als ultra-orthodoxe Juden. Wer dieses streng religiöse Leben verlassen will, unternimmt einen gewaltigen Schritt mit vielen Risiken und oft harten Konsequenzen.

Mehrmals die Woche telefoniert Rebecca Hameln mit ihrer physisch angeschlagenen Mutter: "Alles git. Sei mir gesund," sagt die 38-jährige, in Tel Aviv lebende Yoga-Lehrerin zum Abschied auf Jiddisch. "Wir sprechen in Mameluschen" (hebräisch-deutsch für Muttersprache), sagt sie lachend.

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Rebecca Hameln wollte ein selbstbestimmtes Leben führen.

(Foto: Rebecca Hameln privat)

Bis zu ihrem 18. Lebensjahr lebte Hameln, abgeschottet von der Außenwelt, als ultra-orthodoxe Jüdin in Bnei Berak, einem kleinen Vorort nordöstlich von Tel Aviv. Dort leben hauptsächlich Haredim (hebräisch für: Gottesfürchtige). "Ständig fühlte ich mich wie eine Gefangene", erzählt Rebecca. "Ich wurde geboren, um frei und unabhängig zu sein." Ihre Beziehung zur Religion war schwierig: "Die vielen Gebote und Verbote machten mich nachdenklich."

Früh stellte sie Fragen. "Ist Gott wirklich so streng?" Das verstärkte sich als Jugendliche mit dem Besuch einer religiösen Mädchenschule in Tel Aviv. Die Eindrücke der liberalen Metropole machten sie neugieriger. "Als ich volljährig wurde, wurde mir mein zukünftiger Ehemann vorgestellt." Damit stand ihr Entschluss fest, das orthodoxe Judentum zu verlassen. "Ohne Liebe konnte ich mir nicht vorstellen, zu heiraten und dachte sogar an Selbstmord", erinnert sie sich. "Über Nacht verließ ich mein Zuhause."

Abtrünnige müssen nachlernen

Rebecca kam mit Yair Hass, dem Direktor von "Hillel", in Kontakt. Die NGO ermöglicht religiösen Aussteigern den Übergang. "Seit 26 Jahren helfen unsere Sozialarbeiter und Psychologen und bieten viele Dienstleistungen an, um die Abtrünnigen auf das neue Leben vorzubereiten", erzählt Hass. Obwohl dazu häufig Bildungsmaßnahmen gehören, wird die Organisation nicht vom Bildungsministerium gefördert, sondern hauptsächlich durch private Geldgeber.

Mit Unterstützung von "Hillel" holte auch Hameln das Abitur nach und konnte, nach ihrem Armeedienst auf einem Kriegsschiff der Marine, Sport und Informatik studieren. "Zu dieser Zeit entdeckte ich Yoga", erzählt sie. "Es faszinierte mich und später absolvierte ich eine Ausbildung, um die aus Indien stammende Lehre unterrichten zu können." Mit ihrem Ehemann, mit dem sie zwei Kinder hat, betreibt sie inzwischen gemeinsam eine Yogaschule. "Heute bin ich nicht mehr religiös, nur die Feiertage sind mir wichtig."

Nach vielen Jahren hat Rebecca wieder Kontakt zu ihrer Familie. Das ist nicht immer der Fall. Oft verstößt die streng religiöse Gemeinschaft Abtrünnige und behandelt sie, als seien sie tatsächlich gestorben. Über 800.000 ultra-orthodoxe Juden leben in Israel, was zehn bis zwölf Prozent der Gesellschaft ausmacht. Diese Haredim leben meistens in abgeschotteten Bezirken, wie Mea Schearim in Jerusalem oder in Bnei Brak nahe Tel Aviv. Doch auch immer mehr einzelne Stadtviertel werden religiös.

Streng und abgeschottet

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Shai Rabin als Kind und heute.

(Foto: Shai Rabin privat)

Allerdings bleiben nicht alle Menschen, die in dieser Umgebung aufwachsen, bei diesen Überzeugungen. In ihrer 2005 erschienen Studie "Off The Derech," erklärt Faranak Margoleses, dass die meisten das orthodoxe Judentum nicht durch die Verführung der säkularen Welt verlassen, sondern die Strenge und den Druck ihrer Gemeinden nicht mehr aushalten. Sie erleben die Gesetze der Religion als eine Quelle des Schmerzes und wollen von dort ausbrechen.

Natürlich sind die Gründe stets unterschiedlich und persönlich. Bei einigen kann es der soziale und emotionale Aspekt sein, der in dieser starren Struktur zum Schweigen gebracht wird, bei anderen wiederum die sexuelle Ausrichtung, bis hin zum Interesse an Naturwissenschaften. Durch die digitalen Medien ist der Zugang zur verbotenen Welt heute auch einfacher.

Laut den Informationen von "Out for Change" verlassen jährlich etwa 1300 Personen im Alter bis 25 Jahren das orthodoxe Judentum. Diese NGO steht für jeden Abtrünnigen offen und dank eines Zuschusses der Shusterman Foundation können sie den Hilfesuchenden in vielen Bereichen zur Seite stehen.

Ein produktives Gesellschaftsmitglied

Wie beim 30-jährigen Shai Rabin. Er wuchs er in Tel Aviv bei seiner Mutter auf und befasste sich, bis er 17 war, nur mit Studien der jüdischen Hochschule. Sein Konflikt begann, als er sich mit dem Armeedienst beschäftigte, von dem die meisten Jeschiwa-Studenten in Israel befreit sind. "Lange kämpfte ich mit dem Gedanken, ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu werden und so entschied ich mich, in einer Infanterieeinheit zu dienen", erzählt Shai. "Die Zeit dort ermöglichte mir den Übergang."

Er holte seinen Schulabschluss nach und studierte später mit einem Stipendium von Hillel Erziehungswissenschaften. "Ich lebte im Kibbuz Misgav Am und lernte die säkulare Welt kennen", erklärt er. "Erst nach fünf Jahren sprach meine Mutter wieder mit mir." Shai betont, dass er durch seinen Ausstieg nicht das Judentum verließ. "Ich besuche öfter Synagogen und liebe vieles an dieser Kultur," sagt er. "Das Spirituelle an meiner Religion fasziniert mich eben mehr als die Dogmen irgendwelcher Rabbiner. Außerdem ist es für die eigene Persönlichkeit wichtig, sich mit verschiedenen Philosophen außerhalb des Judentums zu beschäftigen." Shai arbeitet beim TV-Sender "Channel 10" und wird in Kürze heiraten. "Dies natürlich ganz nach jüdischer Tradition", sagt er lachend.

Viele ehemalige orthodoxe Juden sehen sich selbst nicht als Abtrünnige. Sie haben in ihrem Verständnis einen neuen Weg gefunden. "Wir folgen nicht mehr strikt der Religion, sondern definieren uns anders", fasst es Rebecca Hameln zusammen. "Wir stellen kritische Fragen über unsere Herkunft und Kultur, leben aber das Judentum modern." Trotzdem beendet sie den Satz auf Jiddisch: "Das muss unsere Mischpoke akzeptieren und dadurch einen Weg zu uns finden. Alle zusammen."

Quelle: n-tv.de

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