Leben

Für mehr Ordnung im Leben Liste ist nicht gleich Liste

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Echte Listen-Schreiber entwickeln ihr eigenes System.

imago/ZUMA Press

Früher wurde sie als spießig belächelt, heute feiert sie eine Renaissance: die gute alte Liste. "Die Bullet Journal Methode" von Ryder Carroll ist jedoch sehr viel mehr als nur eine Aufzählung zu erledigender Dinge. Und entscheidend ist auch nicht die Liste, sondern was man damit macht, sagt der BuJo-Erfinder.

"You totally changed my life!" Solche E-Mails bekommt Ryder Carroll häufig. Dem Autor des Buches "Die Bullet Journal Methode" schreiben viele Menschen. Dank ihm, betonen sie, seien sie endlich in der Lage, ihr Leben zu organisieren. Viele schwärmen, dass regelrecht ein Knoten geplatzt sei. Carrolls Buch beschreibt, wie er selbst Klarheit in sein Gedankenchaos brachte und welche nützliche Routinen er dafür entwickelte.

Die Bullet-Journal-Methode: Verstehe deine Vergangenheit, ordne deine Gegenwart, gestalte deine Zukunft
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Dass das "BuJo", wie Nutzer es abkürzen, für Menschen weltweit eine wichtige Stütze geworden ist, überwältige ihn immer wieder, erzählt er n-tv.de. Für den Produkt-Designer ist es surreal, dass ausgerechnet er nun für viele der Messias der Struktur sein soll. Dabei weiß er genau, wovon er spricht. Denn lange Zeit hatte der Autor selbst mehr als andere damit zu kämpfen, Ordnung in sein Leben zu bringen. Von Anfang an hatte er massive Probleme in der Schule.

"Ich konnte mich nur schlecht konzentrieren, war ständig abgelenkt", erzählt Carroll. "Es war schlimm für mich, zu sehen, wie das Lernen den anderen Kindern offensichtlich viel leichter fiel, während meine Gedanken immer nur hin und her sprangen und ich ständig alles vergaß." Seine Eltern hatten mit ihm schon verschiedene Ärzte aufgesucht, als einer schließlich die Diagnose ADHS stellte, eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung.

Ordnung im Zettelchaos

Der Arzt empfahl ihm, alles, an das er sich erinnern wollte, zu notieren. Das Ergebnis: Chaos und wachsende Zettelberge. "Ich musste Wege finden, da irgendwie durchzusteigen. Dabei bin ich auf die Listen gestoßen und habe gemerkt, wie sehr sie mir helfen", so Carroll. Jahrelang hat er an einer für ihn passenden Methode herumgetüftelt und ist bis heute dabei geblieben.

Sein System ist ausgeklügelt: Jeden Morgen blickt er in seinen Jahreskalender, dann in den Monatskalender, überträgt die Termine in den Tagesplan. Was er dort notiert, bekommt ein Zeichen, Punkt, Kringel, Sternchen, Strich. Was erledigt ist, übermalt er mit einem x, Verschobenes wird mit einem Dreieck übermalt und am nächsten Tag wieder eingetragen. Am Ende jedes Tages, jeder Woche schaut Carroll, was unerledigt geblieben ist und trägt es erneut ein. Die Methode klingt einfach und bestechend logisch- aber auch irgendwie aus der Zeit gefallen. Untypisch für einen hippen New Yorker.

Schließlich gibt es längst Apps, mit denen man sein Leben organisieren, seine Termine, Veranstaltungen, Einkaufs- und To-do-Listen, Ideen und Gedanken sortieren kann. Sind ein Blanko-Notizbuch und ein Kugelschreiber da nicht rückschrittlich? Das sieht Carroll ganz anders: "Technologie ist wundervoll, sie hilft uns, uns mit der ganzen Welt zu verbinden, das ist wichtig. Aber dass es sie gibt, heißt nicht, dass sie in jeder Situation zwingend hilfreich ist", meint er. Wenn er digital etwas notieren wollte, habe er sich immer wieder dabei ertappt, wie er kurz darauf nach einem Flug oder neuen Schuhen suchte, das Leben der anderen auf Instagram checkte. "Apps lenken mich ab", sagt Carroll. "Auch ich habe die 'fear of missing out', die ständige Angst, etwas zu verpassen."

Die Zeit mit dem Notizbuch sei für ihn ein bisschen wie Meditation, gebe ihm die Möglichkeit, einen Schritt aus seinem Leben heraus zu machen und aus einer anderen Perspektive draufzuschauen. Sein Credo: reduzieren, fokussieren, niederschreiben. "Dieser Purismus hat uns doch auch schon durch Schule und Uni gebracht", ist er sich sicher. "Mit der Hand hattest du keine Chance, alles mitzuschreiben, sondern hast zugehört, versucht zu rekapitulieren und es dann in eigenen Worten zusammengefasst." Er sieht es so: "Du bist der Lehrer deiner eigenen verrückten Gedanken und musst herausfinden, was davon wichtig ist. Das ist natürlich ein Lernprozess." Dinge aus seinem Kopf auf einem Blatt Papier aus einiger Distanz zu betrachten, könne ein erster Schritt sein.

Werkzeugkasten mit Entscheidungsmöglichkeiten

Doch ist ein ganzes Buch über Listen wirklich nötig? Eine eigene Zeichensprache? Ein bisschen sektiererisch mutet das Bullet Journal schon an. Doch Carroll behauptet gar nicht, die Liste neu erfunden zu haben. Seine Methode komprimiere nur Sachen, die die Menschen schon wüssten. "Es geht nicht darum, Listen zu schreiben, das kann jeder. Es geht darum, was man damit macht." Wenn man nicht priorisiere, werde die Liste nur länger und die Frustration größer - und am Ende mache man nichts davon.

So sei es bei einer Arbeitskollegin gewesen, die ihre Hochzeit geplant hatte. "Auf ihrem Schreibtisch herrschte blankes Chaos, Post-its, Notizbücher, sie war fix und fertig. Und dann fragte ich sie, ob ich ihr mein Notizbuch zeigen solle." Das sei der Anfang von allem gewesen "Ich war total nervös, ich wollte das eigentlich nie jemandem zeigen, es gibt ja nichts Persönlicheres, als jemand anderem zu erklären, wie die eigenen Gedanken funktionieren. Aber sie war begeistert und sagte: 'Das musst du mit anderen Menschen teilen!'" So entstand aus einer Internet-Community schließlich sein Buch.

Das Bullet Journal betrachtet er als eine Art Werkzeugkasten, "alles ist drin und jeder kann für sich selbst entscheiden, ob er nur den Hammer benutzt oder auch den Schraubenzieher". Die Sorge, mit seiner Methode einen aufkeimenden Selbstoptimierungszwang in der Gesellschaft zu fördern, hat er nicht: "Das ist das Zu-viel-Brokkoli-Problem. Wenn man zu viel Brokkoli isst, vergiftet man sich am Ende auch, man muss eine Balance finden", meint Carroll. Schmunzelnd fügt er hinzu: "Selbstoptimierung ist aber sicherlich nicht das Schlimmste, wovon man abhängig sein kann."

Quelle: n-tv.de

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