Leben

Tumorpatientin und Influencerin Mit dem Krebs fand Marlene das Glück

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Marlene Bierwirth hat mittlerweile über 100.000 Follower auf Instagram.

Marlene Bierwirth

Die 18-jährige Marlene Bierwirth steckt mitten im Abitur, als Ärzte bei ihr einen bösartigen Hirntumor diagnostizieren. Was folgt, ist ein Jahr im Ausnahmezustand. Doch die junge Frau kämpft - und teilt ihre Geschichte auf Instagram. Ein Entschluss mit Folgen.

An einem Freitag im März, kurz nach 21 Uhr, steht Marlene Bierwirths altes Leben still. Die Ohrgeräusche, der häufige Schluckauf, das Erbrechen und die Gleichgewichtsstörungen: Alles ergibt plötzlich einen Sinn. Aber ein Hirntumor? In ihrem Alter? Und überhaupt: "Wie fühlt sich jemand, der Krebs hat?", fragt sich die damals 18-Jährige. Dann kommen ihr die Tränen. Sie wolle doch eigentlich nur ihr Abitur schreiben, erklärt sie den Neurologen - in der Hoffnung, sie könne zumindest noch ihre restlichen Prüfungen machen. Doch dieser Freitag im März, der Marlenes Leben für immer verändert, endet auf einer Klinikstation, ohne dass die Frankfurterin auch nur eine Minute für Bio gelernt hätte. Es ist der Beginn einer erstaunlichen Geschichte.

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Fast ein Jahr später - nach zwei Operationen am Kopf, acht Chemotherapien, Dutzenden Bestrahlungen und vielen Wochen im Krankenhaus - ist Marlene Bierwirth nun Bloggerin, Influencerin, DKMS-Botschafterin. Und sie lernt wieder für Bio. Ihre Prognose ist gut, sagt sie. Und daran ist nichts selbstverständlich. Allein, dass junge Erwachsene wie Marlene an einem Medulloblastom - einem bösartigen Hirntumor - erkranken, ist vergleichsweise selten. Die Krebsart trifft in der Regel eher Kinder und Jugendliche. Im Durchschnitt sind sie bei der Diagnosestellung zwischen fünf und sieben Jahre alt, pro Jahr werden nur 90 Fälle registriert.

Und obwohl die Ursachen für die Entstehung des Tumors nach wie vor weitgehend unbekannt sind, schlagen die Behandlungsmethoden immer besser an. Noch in den 1960er-Jahren lag die Überlebensrate bei lediglich drei Prozent, heute sind es zwischen 50 und 80 Prozent. Zahlen, die irgendwie beruhigen - aber die Statistik ignoriert nun mal den Einzelfall. Für Marlene war das Sterben immer weit weg. "Das Thema habe ich mit der Krankheit nie verbunden", sagt sie. "Mir war klar, dass ich gute Heilungschancen habe." Es sind die Ängste der anderen, die sie mit dem schlimmsten anzunehmenden Verlauf der Krankheit konfrontieren. Und Marlene redet darüber, nicht nur mit ihrer Familie.

Zwischen Faszination und Angst

Im Blog "Marlene, meine Geschichte" teilt die junge Frau ihre Erfahrungen und innersten Gedanken auch mit der Welt. Ihr Blick auf die Dinge ist nicht der Blick einer Kranken. Ausführlich beschreibt sie die Empfindungen bei einer Bestrahlung. Diesen metallischen Geruch während der Behandlung, der sie daran erinnert, wie sich Münzen in der Hand anfühlen. Die blauen Blitze, die sie sieht. Oder den brummenden Ton, den die Maschine macht, wenn sie arbeitet. Die Faszination für das, was da mit ihr passiert, ist größer als die Angst. "Ich war vorher nie im Krankenhaus", erzählt sie. "Auf einmal war ich mittendrin, hab mir auch viel erklären lassen. Man fühlt sich irgendwie besonders, weil so viele Ärzte an einem interessiert sind."

Natürlich gibt es auch schlimme Momente: Vor Beginn ihrer Therapie hat Marlene lange, dunkelblonde Haare - die Vorstellung, dass sie ausfallen könnten, ist ein Horrorszenario für die junge Frau. "Ich habe insgeheim gehofft, dass ein Wunder passiert", erinnert sie sich. Doch ein paar Tage nach der ersten Chemotherapie, an einem Dienstag im April, passiert es doch. Marlenes Haare lösen sich beim Kratzen einfach vom Kopf, bleiben in Schal und Kopfkissen hängen. Zuerst will sie sich die Haare gar nicht mehr waschen - aus Angst, noch kahler zu werden. Doch dann entscheidet sich Marlene einmal mehr gegen die Angst. "Ich hab' es dann mit Humor genommen", sagt sie. "Als mich Freunde auf dem Sportplatz fragten, wie es so läuft, habe ich mir einfach ein paar Haare rausgerupft."

Ein Instagram-Bild schlägt Wellen

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Dennoch plagen Marlene Zweifel. Wie würde ihr Freund reagieren, wenn er sie ohne Haare sieht? Würde sie sich überhaupt selbst wiedererkennen? Nach ihrer dritten Operation trifft die Frankfurterin eine radikale Entscheidung: Noch im Krankenhaus lässt sie sich unter Tränen von ihrer Mutter die Haare abrasieren. Freund Daniel hält währenddessen ihre Hand. Ein Moment, der das Paar noch enger zusammenschweißt - und Marlene neues Selbstbewusstsein gibt: "Weil du weißt, da ist immer jemand, der dich liebt, wie du bist - ob mit oder ohne Haare". Entgegen aller Befürchtungen freundet sie sich schnell mit ihrem kahlen Kopf an. Auf eine Perücke verzichtet sie. "Damit fühlst du dich nicht wie du selbst", erklärt Marlene. Auch auf Instagram zeigt sie sich mit Glatze. Und die Resonanz ist riesig.

An einem Samstag im Juli teilt Marlene auf ihrem Account ein Foto. Es zeigt sie und ihren Freund lachend an einem Badesee. "You make me smile", schreibt sie - und ahnt nicht, was dieses Bild auslösen wird. Innerhalb kürzester Zeit erhält es Tausende Likes. Viele Nutzer wollen der jungen Frau mit den großen blauen Augen Mut machen und schreiben ihr aufmunternde Worte. Die Zahl ihrer Follower steigt sprunghaft an. Mittlerweile sind es 105.000. "Hätte mir jemand gesagt, dass sich mal so viele Menschen für mein Leben interessieren, dem hätte ich den Vogel gezeigt." Mittlerweile haben schon die ersten Werbekunden bei ihr angeklopft - darunter eine junge Kosmetikmarke. Marlene ist plötzlich Influencerin. Eine ganz neue Rolle für die Abiturientin.

Botschafterin im Kampf gegen Krebs

"Anfangs war ich ein bisschen überfordert und dachte: 'Oh Gott, jetzt weiß jeder Mensch, dass ich krank bin'", erinnert sich Marlene. "Mittlerweile weiß es aber wirklich jeder - und ich sehe nur noch das Positive." Der offene Umgang mit ihrer Krankheit macht Eindruck, nicht nur im Internet. Plötzlich wird die Frankfurterin auf Charity-Veranstaltungen eingeladen, avanciert zu einer prominenten Stimme im Kampf gegen Krebs. Auch für die DKMS - die frühere Deutsche Knochenmarkspenderdatei - startet Marlene Spendenaufrufe. Sie selbst ist zwar nicht auf eine Stammzellspende angewiesen. Trotzdem engagiert sie sich. "Marlene zeigt, dass jeder helfen sollte, wenn er kann", lobt die DKMS. "Wir ziehen den Hut vor so einer starken jungen Frau."

Stark zu sein, zu kämpfen - genau das hatten die Neurologen Marlene an jenem Freitag im März vor einem Jahr geraten. "Ich habe damals gar nicht verstanden, was die damit meinen", erinnert sich die mittlerweile 19-Jährige. Jetzt weiß sie es. Die Krankheit hat die junge Frau verändert. Sie sei viel glücklicher als vorher, sagt sie. "Früher war ich oft unzufrieden und wusste nicht so richtig, was ich wollte. Jetzt schätze ich die Dinge viel mehr." Vielleicht sei es sogar ganz gut gewesen, dass der Krebs sie getroffen hat, sagt Marlene. "Andere würden vielleicht in ein großes Loch fallen. Ich hab' mir halt meinen Lebensmut nicht nehmen lassen."

Quelle: n-tv.de

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