Leben

Venedigs Glasträume Murano trotzt der Krise und gibt Gas

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Kompliziertes, beliebtes Handwerk: Anfertigungen aus Murano-Glas.

(Foto: Affaticati)

Die Energiepreise machen auch den Glaskunststätten auf der italienischen Laguneninsel Murano zu schaffen. Doch für das Glaskunsthandwerk ist die Politik bereit, die Geldbörse zu öffnen. Immerhin gehört es zu den Exzellenzproduktionen Italiens.

Es ist ein grauer Novembervormittag. Mit dem Vaporetto geht es vom Bahnhof Venezia Santa Lucia zur Insel Murano. Es heißt, auch dem hiesigen weltweit renommierten Kunstglashandwerk machen die Energiepreise zu schaffen. Man möchte sich etwas umhören. Obwohl sich das Jahr dem Ende neigt, sind noch viele Touristen in Venedig und auch auf dem Vaporetto nach Murano. Die meisten steigen bei der Haltestelle Colonna aus. Will man zur Kunstglaswerkstatt Gambaro & Tagliapietra, ist es stattdessen die Haltestelle Venier.

Beim Eintreten geht man durch einen langen Gang, an dessen Ende die Glashütte ist. Drei Männer führen abwechselnd das Glas in den glühenden Ofen, ziehen es kurz darauf heraus, blasen es auf, formen es ein wenig mit einer Zange und führen es dann wieder in den Ofen. Die Prozedur wird mehrmals wiederholt. Einer der Handwerker - besser gesagt Kunsthandwerker - rollt das heiße Glas auf eine Schablone mit buntem Fadenglas und schiebt es dann wieder in den Ofen, damit sie verschmelzen.

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Luciano Gambaro und ein paar der schönsten Exponate.

(Foto: Affaticati)

Wer jemals die venezianische Insel Murano besucht hat, kennt den Vorgang. Trotzdem: Zu sehen, wie das Glas langsam Form annimmt, sich das Feuer darin widerspiegelt, die Farbschattierungen aufblitzen, fasziniert jedes Mal aufs Neue. Einige der schönsten Objekte der Firma sind auf den Regalen im Gang ausgestellt: Vasen, Schüsseln, Gläser in allen Formen, Größen und Farben. Und auf jedem sieht man das Siegel des Verbands "Promovetro Vetro Artistico di Murano".

Unschätzbares kulturelles Erbe

"Das ist unser Gütesiegel, mit dem nur jene Produkte versehen werden dürfen, die auch zu 100 Prozent hier hergestellt wurden" erklärt Luciano Gambaro beim Treffen mit ntv.de. Er ist Mitte 50, Vorsitzender des Verbands "Consorzio Promovetro Murano", in dem sich die 50 wichtigsten Kunstglashersteller zusammengetan haben. Außerdem führt er zusammen mit Maestro Matteo Tagliapietra die gleichnamige Firma "Gambaro & Tagliapietra". "Vom Umsatz her, der durchschnittlich zwischen 150 und 160 Millionen Euro im Jahr liegt, sind wir, alle zusammengerechnet, ein mittelgroßes Unternehmen. Vom historischen und kulturellen Standpunkt gesehen, ist der Wert unserer Arbeit unschätzbar."

Wie unschätzbar, erzählt der 40-jährige Alessandro Moretti, Inhaber der "Costantini Glassbeads", der vor 17 Jahren das Familienerbe übernommen hat und auf Glasschmuck spezialisiert ist. Zu seinen Kunden zählen sogar amerikanische Indianerstämme. "Diese haben es auf die sogenannten Glaskurzwaren, winzige Perlen abgesehen", erzählt Moretti ntv.de. "Diese Perlen werden nicht mehr hergestellt, ich habe aber noch 950 Zentner von meinem Großvater." Die ältesten sind aus den 1930er-Jahren. "Die Indianerstämme verkaufen den Touristen ihren Schmuck, der mit herkömmlichen Glasperlen hergestellt ist, für ihren wollen sie aber die Originalperlen. Sie sind durch einen Venezianer, der einmal bei ihnen war, auf uns gestoßen."

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Kunsthandwerk kommt nie aus der Mode.

Im Glasmuseum von Murano, das schon 1861 errichtet wurde, sind einzigartige Glasexponate, darunter auch die venezianischen Lüster, zu sehen. Von der Renaissance bis zu den heutigen Tagen, aber auch weitaus ältere Fundstücke und Kunstwerke sind hier ausgestellt.

Glaskunstwerke verschlingen Unmengen an Gas

Wie man weiß, kommt erlesenes Kunsthandwerk nie aus der Mode, es hat immer einen Markt. Nichtsdestotrotz machen die enorm gestiegenen Energiekosten auch den Unternehmern in Murano schwer zu schaffen. Die Glasherstellung verschlingt nämlich Unmengen an Gas.

Deswegen hatte man sich schon vor Jahren zusammengetan, um gemeinsam Gas einzukaufen und so einen besseren Preis auszuhandeln. "Wir schlossen also ein- oder zweijährige Lieferverträge zu fixen Preisen ab. Der letzte lief Ende September 2021 aus", erzählt Gambaro. "Als wir Mitte 2021 vor dem rapiden Anstieg der Gaspreise gewarnt wurden, versuchten wir sofort einen neuen Vertrag auszuhandeln. Keiner der Lieferanten war aber bereit dazu." Und so stiegen die Kosten von 20 Cent den Kubikmeter im September 2021 auf 2,80 Euro im August 2022. "Ein Wahnsinn", sagt Gambaro. "Und das alles nur wegen der Spekulanten!"

Die Gaskosten sind für die Glasherstellung der zweitteuerste Posten nach den Gehältern. Und die Öfen können nicht einfach abgedreht werden. Würde man das machen, müsste man jedes Mal Wartungsarbeiten durchführen und dann weitere sieben Tage warten, bis man mit der Produktionsphase wieder beginnen kann.

"Made in Italy" kostet

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Made in Italy - klingt immer noch gut und sinnvoll.

(Foto: Affaticati)

"Gut, dass wir uns nicht geschlagen gegeben haben", bemerkt Gambaro. "Wir wurden stattdessen bei der Politik vorstellig. Zuerst bei der regionalen und dann bei der Regierung." Und es wurde ihnen geholfen. Zuerst war es die Region Veneto und dann Rom. Insgesamt wurden sie mit acht Millionen Euro unterstützt. Für das dritte und vierte Quartal sind stattdessen Steuergutschriften in Höhe von 25 Prozent beziehungsweise 40 Prozent vorgesehen.

Ab jetzt muss man sehen, wie es nächstes Jahr weitergeht. Es besteht aber die Hoffnung, dass man auch in Zukunft mit den hohen Energiekosten nicht alleingelassen wird. Immerhin wurde unter der neuen Rechts-Mitte-Regierung das Wirtschaftsministerium in "Ministerium für Unternehmen und Made in Italy" umbenannt. Hinzu kommt, dass der dafür zuständige Minister Adolfo Urso aus dem Veneto kommt. "Bei einem Treffen hat er uns versprochen, sein Bestes zu tun, um uns weiter zu unterstützen", fügt Gambaro hinzu. Immerhin zählt das Murano-Glas zu Italiens Made in Italy "Eccellenze", also Exzellenzproduktionen, wie man hierzulande gerne sagt.

Quelle: ntv.de

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