Leben

In Vino Verena Nachts unter hungrigen Kojoten

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Ganz großes Kino, was unsere Kolumnistin in Hollywood erlebt hat.

(Foto: Verena Maria Dittrich)

Kojoten sind wahre Anpassungskünstler. Die kleinen Verwandten des Wolfs gelten als scheu. Unsere Kolumnistin ist nachts einem kompletten und keineswegs scheuen Rudel begegnet. Was dann geschah, lesen Sie hier.

Kennen Sie blöde Touristen? Ich schon! Das Saublöde: Ich habe immer die andern für blöde gehalten. Und dann, in einer dunklen, fast pechschwarzen Nacht habe ich gemerkt: Das war ein ganz, ganz großer Fehler, für den ich jetzt bezahlen sollte! Die folgende Geschichte ist genauso wahr, wie ich auch ein blöder Touri bin, sie geht so:

Vor gar nicht allzu langer Zeit nahm ich mir, wie treue Leser dieser kleinen Kolumne längst wissen, eine Auszeit in Los Angeles. Schlau wie ich bin, bereite ich mich auf meinen Urlaub entsprechend vor und überlege, ob ich den Mann (also meinen!) frage, ob die Gefahr bestünde, fröhlichen Riesenkrabbenspinnen zu begegnen. Schließlich wohnen wir mitten in den Hollywood Hills, wo ob des Wetters bestimmt so manches dieser possierlichen Tierchen friedlich abhängt. Ich habe eigentlich nichts gegen Spinnen, jedenfalls nicht, solange sie mir im Schlaf nicht übers Gesicht krabbeln.

"… denn sie wissen nicht, was sie tun"

Wir sind also im Herzen der Filmmetropole, es ist sehr heiß und die Angst vor mir fremden Tieren ist schnell vergessen - bis zu jenem Abend, als der Mann unbedingt zum Griffith-Observatorium möchte, jener berühmten Sternwarte weit oben in den Hügeln der Stadt, die an diesem besagten Tag für Besucher allerdings schon geschlossen ist. Aber der Mann, der größte Cineast auf diesem Erdball, möchte unbedingt zu nächtlicher Stunde zu diesem imposanten, weißen Kuppelbau hinaufwandern, und zwar wegen des Nachstellens zweier Filmszenen, eine aus "Terminator" und eine aus dem James-Dean-Klassiker "… denn sie wissen nicht, was sie tun" und - natürlich, selbstverständlich, auch wegen des phänomenalen Blicks auf das Lichtermeer von Downtown L.A.

Ich sage zu ihm, okay, ich begleite dich, obwohl es schon lange dunkel und die Anlage bereits abgesperrt ist, aber hey, da wird ja schon niemand aus den Büschen springen! Der Mann versichert mir, dass zu dieser Uhrzeit dort garantiert keine Menschenseele sei und Filmszenen in finsteren Wäldern à la "Blair Witch Project" sowieso meist vollends überzogen seien. In Wahrheit nämlich sei es ganz friedlich.

Wir scharwenzeln also mitten in der Nacht diesen gefühlt ewig langen Hang auf der Südseite des Mount Hollywood im Griffith Park nach oben, während ich schon bald überlege, ob es nicht eventuell cleverer gewesen wäre, Turnschuhe statt Badeschlappen anzuziehen. Doch diesen Gedanken vergesse ich augenblicklich, denn in den schwarzen Büschen neben mir raschelt und klappert es sehr verdächtig. Indes summt der Mann für mich ein Liedchen und hält beschützend meine Hand, als auf einmal nur EINEN HALBEN METER entfernt plötzlich ein stolzer Kojote vor uns steht und uns neugierig mustert! Seine Nase hält er in die Luft, als schnuppere er, was es zum Abendbrot gibt.

"Is' nur'n Kojote! Die sind scheu!"

Ich erstarre binnen eines Wimpernschlags. In Badeschlappen vor einem Kojoten wegflitzen, das stelle ich mir als ein äußerst schwieriges, wenn nicht gar aussichtsloses Unterfangen vor. Ich habe noch nie einen Kojoten auf einen halben Meter Entfernung gesehen und in diesem Augenblick des Schocks leider auch nicht auf dem Schirm, ob man Kojoten so dududu-mäßig vollsäuseln kann, während man schleunigst die Fliege macht. Und ich weiß leider gerade auch nicht, ob die wirklich nur kleine Tiere fressen, sondern nicht zur Abwechslung auch mal kleine, dusslige Touristen? Ich denke an die Füchse, die ich in Berlin immer mal wieder über Tankstellen laufen sehe, aber ruhiger macht mich das nicht.

Der Mann sagt: "Is' nur'n Kojote! Die sind scheu!" Aha, alles klärchen. Ich grinse den Kojoten an, wir schleichen an ihm vorbei, weiter den Hang rauf. Ich bin, abgesehen von meiner Angst, schon ganz außer Puste, weil es so steil nach oben geht und langsam bin ich auch echt sauer auf den Mann, denn der Kojote flaniert die ganze Zeit neben uns her und sieht dabei, wie ich finde, ausgesprochen kräftig aus! Und naja, vielleicht hatte der Kojote ja heute noch kein Abendbrot und holt jetzt seine Homies? Ich erkundige mich, was Kojoten nochmal genau für Tiere sind. Die vollständige Antwort vergesse ich sofort; in meinem Dachstuhl herrscht gerade Durchzug, es bleiben nur die Wortfetzen Raubtiere und Steppenwolf hängen.

Auf einmal - ICH SCHWÖRE - kommen mindestens zehn neugierige Kojoten über die Hänge herangepirscht und bleiben nur wenige Meter vor uns stehen. Ich denke an jenen Moment in den Horrorfilmen, in dem die Frauen vor Angst losschreien. Der Mann flüstert jetzt! Ich weiß wirklich nicht, was es ausgerechnet jetzt zu flüstern gibt, denn: Müsste man die Kojoten, die Kaninchen, Mäuse, Früchte und vielleicht bald uns fressen, nicht mit einer lauten Ansage verscheuchen?

Die kleinen Verwandten des Wolfs

Das keineswegs scheue Rudel mustert uns schaulustig, als wollte es fragen: 'Habt ihr nichts Besseres zu tun, als nachts in den Bergen rumzustromern? Zu dieser Uhrzeit ist das unser Revier, ihr Orgelpfeifen!' Ich sehe, wie sie schnuppern. Mir wird ganz schwarz vor Augen, die Knie sacken mir fast weg, ich muss meine Zehen verkrampfen, damit ich meine Badelatschen nicht auf der Stelle verliere. Wohin ich auch schaue, da sind überall sehr viele Kojoten! Ich habe solches Muffensausen, dass ich sogar schon die Mülleimer und Leitkegel, die sich an den steilen Kurven entlangschlängeln, für Kojoten halte. Der Mann flüstert immer noch. "Diese kleinen Verwandten des Wolfs sind ja gar nicht so scheu, oh!" Ja. Oh!

Ich denke an Brandenburg, wo es wieder Wölfe gibt und an Rotkäppchen und dessen Oma. Dabei zerquetsche ich die Hand meines Mannes, der raunt: "Bleib locker!" Ich bin zu ängstlich, um ihn ob dieses lächerlichen Paradoxons anzujaulen. Das übernimmt für mich der Oberboss des Kojoten-Rudels. Ein Heulen in die Nacht, hinauf zum Mond, der rund und hell am Himmel steht. Jede Minute rechne ich mit dem Schlimmsten. Doch dann zieht die neugierige Horde plötzlich ganz entspannt - und bestimmt irre gelangweilt von uns - weiter und mit ihnen auch ganz kleine Artgenossen, die fast durch meine zittrigen Beine hindurchschlängeln. Meine Knie schlackern noch, als der Mann längst lässig sein Kino-Fotoshooting durchzieht.

Als wir endlich heimkommen, kippe ich mir auf den Schreck einen ein, google auf der Stelle alles über Kojoten und nehme mir vor, in Zukunft ganz viele Tierfilme zu schauen.

Quelle: ntv.de