Leben

Exzesse auf Deutsch Sex, Drugs und Karneval

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Viele Menschen frönen im Karneval dem Exzess.

(Foto: www.imago-images.de)

Deutschlands Markenzeichen im Ausland? Im Zweifel ist es eine Art von Rausch. Und damit ist nicht nur das Tempo auf den Autobahnen gemeint, sondern auch die pausenlose Feierei an den Karnevalstagen. Die Deutschen gönnen sich Exzesse, von denen andere nur träumen können.

Lassen Sie uns Deutschland für einen Moment von außen betrachten - aus der Sicht all derjenigen, die uns besuchen, um Spaß zu haben. Eine Menge Spaß!

  • Der Franzosen und Belgier, die zurzeit im Kölner Karneval versinken.
  • Der Engländer, die sich ins Berliner Nachtleben stürzen.
  • Der Italiener, die das Münchner Oktoberfest überleben.
  • Der ***********, die Deutschland für seine Dark Rooms, Swingerclubs und Bordelle schätzen.
  • Oder derjenigen, die man "Tempotouristen" nennen könnte. Sie kommen zum Beispiel aus den USA, so wie der Schauspieler Tom Hanks, der vor ein paar Jahren bei David Letterman berichtete, wie er sich einen Volkswagen geliehen hat, um damit auf deutschen Autobahnen den Rausch der Höchstgeschwindigkeit zu erleben.
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Auch Tom Hanks raste mit dem Bleifuß über deutsche Autobahnen.

(Foto: picture alliance / Sebastian Gol)

Die "New York Times" kommentierte kürzlich: "Was religionsähnliche Einstellungen betrifft, ist die deutsche Abneigung gegen Geschwindigkeitsbegrenzungen auf einer Höhe mit den Waffengesetzen in Amerika." Anders gesagt: Wer sich in den USA auf legale Weise austoben möchte, kann mit allerlei Schusswaffen herumballern. Doch es ist unmöglich, ein schnelles Auto (und davon gibt es in den USA viele) an seine Grenzen zu fahren. Das geht nur in Good Old Germany!

Dasselbe könnte man auch über den Alkoholkonsum sagen: Er unterscheidet sich sichtbar von den Verhältnissen in vielen anderen Ländern. Menschen mit Bier- oder Schnapsflaschen in der Hand, wie man sie bei uns auf offener Straße oder in Bahnen und Bussen treffen kann, wären nicht bloß in den USA undenkbar. Dasselbe gilt für die oft moderaten Preise sowie die zügellosen Ausschankzeiten: beinahe rund um die Uhr.

Eine sogenannte "inhabergeführten Einraumkneipe" ist der "Rum Trader" am Fasanenplatz in Berlin-Wilmersdorf. In diesem selbsternannten "Institut für fortgeschrittenes Trinken" kann man das gesamte Spektrum bürgerlicher Existenzen antreffen: Studenten und Professoren. Unternehmer und Beamte. Schauspieler wie Ulrich Tukur oder Politikerinnen wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Pilgerstätte von Tabak-Aficionados

Ihren Weltruf verdankt die kleine Bar nicht nur ihren berauschenden Getränken, sondern auch ihrem eigenwilligen Eigentümer, dem Komponisten Gregor Scholl. Vor gut zehn Jahren war er (mit drei weiteren Parteien) vor das Bundesverfassungsgericht gezogen, um gegen das Rauchverbot zu klagen - mit Erfolg. Seitdem darf in Berliner Lokalen, die kleiner als 75 Quadratmeter sind, in denen keine warmen Speisen serviert werden und wo keine Gäste unter 18 Jahren verkehren, wieder so viel geraucht werden, wie die Lungen lustig sind.

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Bier und Zigarette - in deutschen "inhabergeführten Einraumkneipen" untrennbar verbunden.

Der "Rum Trader" ist dadurch zu einer Pilgerstätte von Tabak-Aficionados aus aller Welt geworden. Was die Überholspur für die Autoindustrie, ist für Rumhändler Scholl der Aschenbecher: "Es erhöht die Verweildauer, wenn ein Gast eine schöne Zigarre raucht. Dann trinkt er meistens auch mehr." Wenn die Bar voll ist, dann serviert er manchmal noch nachts um zwei Uhr in rauen Mengen Champagner, Rum und Gin. In vielen anderen Ländern der EU und außerhalb wären alleine dafür strengere Lizenzen erforderlich.

Rasen, Trinken, Rauchen - schon diese drei Beispiele zeigen, dass bestimmte zügellose Lebensformen in Deutschland alles andere als verpönt oder gar verboten sind. Vielmehr scheinen sie einen Standortvorteil zu bilden, der sich in der Welt herumgesprochen hat und eine Menge Gäste zu uns lockt. Dabei sind es nicht die Mengen, mit denen wir aus der Reihe fallen, sondern die laxen Rahmenbedingungen.

Wo kein Kläger, da ein Raucher

Wie exzessiv die Verhältnisse manchmal werden, können viele Gäste in diesen Tagen wieder im Rheinland erleben. Offiziell gilt in NRW zwar ein striktes Rauchverbot, das auch die "Brauchtumspflege" nicht mehr als Ausnahme duldet. Doch tatsächlich wird an und in vielen Orten während des Karnevals fröhlich geraucht. De facto ist das Gesetz wie ausgesetzt. Immer nach dem Prinzip: Wo kein Kläger, da ein Raucher!

Sich für einen Lebensstil zu entscheiden, selbst wenn er das eigene Wohl gefährdet, sei immer auch ein Akt bürgerlicher Selbstbestimmung, so Scholl. In dieser Sichtweise wird alles als Gängelei empfunden, was die per Grundgesetz garantierte Freizügigkeit einschränken könnte. Sie gilt als höchstes Gut und ist ein deutscher Exportschlager oder besser gesagt: eine Riesenattraktion in einem ansonsten oft als "Dienstleistungswüste" verrufenen Land.

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Freizügige Körperkultur wird in der Bundesrepublik großgeschrieben.

(Foto: imago/Future Image)

Womit wir bei der besonders freizügigen deutschen Körperkultur wären. Oder mit englischen Worten: German Porn. Auch in diesem Segment bietet Deutschland eine Menge konkurrenzloser Freiheiten und Formate: Nacktbadestrände, Sauna-Clubs und regelrechte Vergnügungstempel für alle möglichen sexuellen Neigungen. Besucher aus dem Ausland sind bereits baff, wenn sie in Frankfurt, Hamburg oder Berlin die Prostituierten mit dem bloßen Auge sehen. Und sie staunen in Berlin über Busse der Berliner Verkehrsbetriebe, die für den Sexclub "Artemis" werben. Wer hier für einen Moment ein bisschen Abstand einnimmt, muss in der Tat einräumen, dass der öffentliche Nahverkehr käuflichen Sex als Form der Freizeitbeschäftigung anpreist. Das wäre nicht nur in New York oder Washington undenkbar, sondern auch in den meisten europäischen Hauptstädten. Die Angaben über die Prostitution in Deutschland schwanken: Das Statistische Bundesamt rechnet mit 400.000 meist weiblichen Prostituierten und einer Million Freier am Tag. In einem Aufruf der Zeitschrift "Emma" war 2013 sogar von 700.000 Prostituierten die Rede. (Im Vergleich dazu arbeiten in Großbritannien rund 70.000 "Sex workers" mit rund 220.000 Freiern pro Tag. Zu diesem Ergebnis kam 2016 ein Innenausschuss des Parlaments in London.)

Maßlosigkeit als Spezialität

So umstritten die Zahlen sind, so offensichtlich ist das Angebot. Und es ist wahrlich vielseitig, wenn man die zahlreichen Etablissements mitzählt, die nicht ausdrücklich sexuelle Dienstleistungen anbieten. So verbreitet bei uns die Vorstellung und das Vorurteil sind, dass Sextouristen mit "Bumsbombern" in Länder wie Thailand reisen, so bewusst sollten wir uns machen, dass jeden Tag unzählige Sextouristen zu uns kommen. Die festen Termine im Jahreskalender erhöhen die Attraktivität: Oktoberfest, Cannstatter Wasen, Karneval, Christopher Street Day … Es ist schon einige Jahre her, da versuchte ein Mieter in Berlin auf Mietminderung zu klagen, weil sich in der Nähe seines Hauses ein Swingerclub befand. Die Klage wurde damals abgewiesen. Das Gericht befand, dass es schlicht unmöglich sei, in Berlin nicht in der Nähe eines Swingerclubs zu leben.

Vielleicht ist eine gewisse Maßlosigkeit ja wirklich eine Spezialität aus Deutschland. So eine Art Sturm und Drang der Gegenwart. Dass Bund und Länder in erheblicher Weise von den Steuereinnahmen profitieren, die sich aus Rasen, Rauchen, Trinken oder Huren ergeben, ist noch eine ganz andere Geschichte. Tom Hanks konnte es nach seinem Ausflug on the German Autobahn jedenfalls kaum fassen, wie legal der Rausch bei uns ist: "Der Staat lässt dich einfach in Ruhe - government is off your back, Baby!"

Quelle: n-tv.de