Leben

Männer? Die Kolumne. Tote Fische sind nicht sexy

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Ein Fisch von einem Mann: Wladimir Putin.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Mehr als acht Millionen Singles tummeln sich jeden Monat auf einer der mehr als 1000 mehr oder weniger seriösen deutschsprachigen Dating-Seiten. Wer sich - wie unser Kolumnist - dort umsieht, kann schon mal kurzzeitig den Glauben an die Menschheit verlieren.

Der Blaue Pfau hat ein Problem: Er braucht seinen schillernden Federschwanz, um Eindruck bei der Damenwelt zu schinden - je größer, desto besser, lautet die Devise. Allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt, weil ein größerer Schwanz durch das größere Gewicht die Flugfähigkeit des Vogels beeinträchtigt und ihn damit anfälliger gegenüber Fressfeinden macht - was paarungswillige Weibchen dann schon wieder alles andere als sexy finden. Ein klassisches Dilemma, das sich dank der guten alten Evolution in den vergangenen Jahrtausenden so eingependelt hat, dass die meisten Pfaue ganz gut damit zu leben scheinen. Anders verhält es sich beim modernen Single-Mann.

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Echtes Heiratsmaterial.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Der muss sich bei der Balz nämlich heutzutage fast zwangsläufig mit den Tücken des Internets herumschlagen, das so viel verspricht und bisweilen so wenig liefert, auch und vor allem in Sachen Liebe: Mehr als acht Millionen Singles tummeln sich pro Monat auf einer der rund 1000 mehr oder weniger ernstzunehmenden Dating-Seiten. Das Geschlechterverhältnis ist dabei erstaunlich ausgeglichen. Rein rechnerisch haben deutsche Single-Männer heute also im Vergleich zum analogen Zeitalter eine x-tausendfach höhere Chance, den schnellen Spaß oder die große Liebe zu finden. Praktisch gesehen gestaltet sich die Sache dann aber doch so viel schwerer als auf dem Papier, und das Problem ist wie beim Pfau der Schwanz.

Do it like Putin

Laut einer Umfrage der Singlebörse Elitepartner ergreifen auch in den gleichberechtigteren Zeiten des 21. Jahrhunderts gerade mal 19 Prozent der Frauen die Initiative beim Daten. Viele Männer scheinen angesichts solcher Zahlen das Gefühl zu haben, sich ganz besonders ins Zeug legen zu müssen, um im Meer der Mitbewerber gesehen zu werden - und bauen Profile, die ein ernüchterndes Bild davon zeichnen, wie schlecht sich viele von uns in das andere Geschlecht hineinversetzen können.

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Symbolfoto eines typischen Tinderprofils.

Da gibt es jede Menge Typen, die oben ohne und stolz wie Bolle selbst geangelte Fische in die Kamera halten; es gibt allerlei Kerle, die oben ohne und schwitzend am Grill stehen; und es gibt natürlich einen Sack voll Männer, die oben ohne und mit einer Bierflasche in der Hand und zwei Kumpels im Arm in die Kamera grinsen. Das ist in den seltensten Fällen sexy, war es auch noch nie - und ist es noch weniger, seitdem Wladimir Putin das Posieren mit toten Tieren für sich entdeckt hat.

Der Grund für die Flut von peinlichen und fleischlastigen Profilfotos ist meiner Meinung nach ganz eng mit der Dickpic-Epidemie verknüpft, die das Internet seit ein paar Jahren überflutet: 46 Prozent der britischen Frauen zwischen 18 und 36 haben laut des Meinungsforschungsinstituts YouGov mindestens einmal den nackten Penis eines fremden Mannes zugeschickt bekommen. "Weil Männer Nacktbilder von Frauen erotisch finden, gehen sie fälschlicherweise davon aus, dass ein Bildchen ihrer Rute die Damenwelt ebenfalls entzückt", schrieb unsere Kolumnistin Verena Maria Dittrich vergangenes Jahr dazu. Ähnlich müsste es sich dann also mit den oberkörperfreien Schnappschüssen verhalten. Und tatsächlich würden wohl deutlich weniger Typen mit dem Kopf schütteln und links wischen, wenn drei leicht bekleidete und angeschickerte Mädels auf ihrem Tinder-Stream auftauchen als es andersherum der Fall ist.

Alles Extremsportler

Neben all den Typen, die in ihre Projektion verliebt sind und im Endeffekt lediglich eine Kopie ihrer selbst mit Brüsten suchen, gibt es natürlich auch noch die Männer, die mehr oder weniger geschickt darauf aufmerksam machen wollen, was für eine tolle Partie sie eigentlich sind: Beim ungezielten Durchstöbern von Dating-Portalen und beim Hin- und Hergeswipe in Apps wie Tinder bekommt man schnell den Eindruck, dass jeder zweite deutsche Mann Extremsportler, Stuntman oder gleich ein direkter Nachfahre von Lawrence von Arabien ist.

Da wird wahnsinnig viel in dramatischen Posen auf Berggipfeln herumgestanden, mit Haien geschwommen oder auf Kamelen geritten, während nur ein verschwindend geringer Teil der Männer normale Jobs oder Interessen zu haben scheint. Ziemlich neu ist auch eine regelrechte Flut von knuddeligen Hundebildern, selbst wenn der Vierbeiner dafür ausgeliehen werden muss, denn: Hunde gehen immer, soviel ist bekannt.

Und das ist etwas, das ich beim besten Willen nicht verstehe: Selbst wenn die allermeisten Männer online nur auf der Suche nach schnellem Sex sein sollten, fällt das Cowboy-Image doch spätestens bei der ersten Begegnung auseinander. Und tatsächlich suchen "9 von 10 Singles im Netz nach einem Partner oder einer Beziehung", bestätigt der Paarberater Eric Hegmann bei "Men's Health". Weil Frauen dabei "das Gesamtpaket wichtig" ist, fahren suchende Männer mit einem idealisierten oder gleich ganz unrealistischen Bild von sich selbst eher schlecht. Oder, andersherum gesagt: Den allermeisten Frauen dürfte klar sein, dass auch ihr Traumprinz mit Ecken und Kanten daherkommt.

Weil wir wohl kaum davon ausgehen können, dass wie beim Pfau die Evolution einspringt und das Problem in absehbarer Zeit regelt, wird es also stattdessen höchste Zeit, selbst mal darüber nachzudenken, wie man sich dem anderen Geschlecht präsentieren will. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Männer unter uns: Auch jede Frau, die denkt, ein Duckface sei auch nur im entferntesten sexy, sollte mal dringend ihre Antennen für das andere Geschlecht überprüfen. Und wenn wir das geschafft haben, dann wird's am Ende vielleicht doch noch was mit diesem Online-Dating.

Quelle: ntv.de