Leben

Musikalische Seniorenresidenz Verdis letztes Geschenk an die Kollegen

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Im Musiker-Seniorenheim "Casa Verdi" leben keine Bewohner, sondern Gäste.

(Foto: Diego Rinaldi)

In Mailand hat der berühmteste Opernkomponist der Welt seinen großen Traum verwirklicht: Die "Casa Verdi" beherbergt betagte Musiker, Dirigenten und Tänzer, die einst auf den großen Bühnen zu Hause waren. Sie leben wie in einem Hotel und kennen keine Langeweile.

Am 27. Januar jährt sich zum 119. Mal der Todestag des Komponisten Giuseppe Verdi. Und wie jedes Jahr werden die Gäste des Mailänder Seniorenheims "Casa di Riposo per Musicisti Giuseppe Verdi" ihres großen Vorbilds und Gönners gedenken. Denn ohne Verdi gäbe es diesen einzigartigen Ort nicht, an dem die Komponisten, Musiker, Sänger und Tänzer ihren Lebensabend verbringen. Es war der Maestro, der Ende des 19. Jahrhunderts bei seinem Freund, dem Architekten Camillo Boito, die Residenz in Auftrag gab. Verdi wollte damit für seine Kollegen vorsorgen, "denen das Glück weniger wohlgesonnen gewesen war oder die in ihrer Jugend nicht die Tugend des Sparens besessen hatten". So sollte ihnen ein würdevoller letzter Lebensabschnitt gesichert werden.

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In der Krypta der "Casa Verdi" sind der Komponist und seine Ehefrau beigesetzt.

(Foto: Andrea Affaticati)

Es heißt, Verdi sei von Natur aus ein sehr gewissenhafter Verwalter seines Vermögens gewesen. Das mag sein, für die zukünftigen Bewohner der "Casa Verdi" scheute er jedoch keine Kosten. Seine Kollegen sollten sich wie in einem Hotel fühlen. Daher bestand der Komponist auch auf die Bezeichnung "Gäste" statt "Bewohner". Und in der Tat erinnert an und in dem Gebäude nichts an ein herkömmliches Altersheim. Schon das Atrium des neugotischen Baus gleicht einer Symphonie architektonischer, malerischer und plastischer Künste, die erst in der an den kleinen Garten angrenzenden Krypta mit einem atemberaubenden Mosaik-Crescendo endet. In der Krypta ruhen Verdi und seine Gemahlin Giuseppina Strepponi.

Musik auf Tischen und an Wänden

Unter den Gästen der "Casa Verdi" ist Tecla Catalano. Sie empfängt ihren Besuch im großen "Arturo-Toscanini-Saal". Auf einem runden Tisch liegen alte Musikinstrumente, an der Wand hängen Gemälde, darunter auch ein Porträt des Dirigenten, der dem Saal seinen Namen gibt. Und natürlich steht ein Flügel im Raum. Hier musizieren öfter die Studenten der Mailänder Musikhochschule, die den Rat ihrer betagten Kollegen sehr schätzen.

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Tecla Catalano, früher unter dem Namen "Tecla Cristini" bekannt, zeigt Bilder aus ihrem Leben als Tänzerin.

(Foto: Andrea Affaticati)

Catalano hat in einem der rotgepolsterten Ohrensessel Platz genommen. Sie war einst Ballerina im neapolitanischen Opernhaus "Teatro San Carlo". "Das Publikum kannte mich aber als Tecla Cristini, also unter dem Namen meines Mannes, der dort Bühnenbildner war", erklärt sie im Gespräch mit ntv.de.

Die Beine machen Catalano zu schaffen, daher der Rollator neben ihr. Trotzdem erkennt man in ihrer ganzen Art noch immer die Eleganz, die eine Balletttänzerin ausmacht. Catalano trägt einen roten Janker mit grünem Bündchen, darunter einen violetten Rollkragenpulli. Kleine Sternchenohrringe, eine gestylte Brille und ein moderner Ring zeugen von einem guten Geschmack. "Gefällt Ihnen der Ring?", fragt sie. Den habe ihr ihre Freundin hier im Seniorenheim geschenkt.

Viele Menschen, eine Leidenschaft

Catalano ist vorigen Mai hier eingezogen und sie ist sich sicher, dass sie nach dem Tod ihres Mannes keine bessere Entscheidung hätte treffen können. "Hier habe ich nicht nur Menschen um mich, sondern Leute, die mit mir die Leidenschaft für die Musik teilen." Mindestens zweimal in der Woche gibt es in der "Casa Verdi" ein Konzert, man besucht aber auch auswärts Konzerte und geht in die Scala.

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Unter dem Blick des Maestros finden in der "Casa Verdi" regelmäßig Konzerte statt.

(Foto: Andrea Affaticati)

Aufgewachsen ist Catalano in Neapels Altstadtviertel Santa Chiara. Die Musik und das Ballett seien ihr nicht in die Wiege gelegt worden. Trotzdem war Tanzen schon von klein auf ihre große Leidenschaft. Und so kam es, dass sie Anfang 1950, als sie von einer Audition für die Wiedereröffnung der Ballettschule des San Carlo hörte, ihre Mutter dazu brachte, sie daran teilnehmen zu lassen. Und sie wurde genommen. "Damals war ich gerade einmal siebeneinhalb Jahre alt." Während sie spricht, scrollt sie durch die Bilder auf ihrem Handy. Darunter ist auch eins von Margot Fonteyn. "Ich hab sie persönlich kennengelernt und wir sind Freundinnen geworden", sagt sie stolz. Was für Momente, seufzt sie ganz ohne Wehmut. Alles habe eben seine Zeit.

Außerdem sei hier Langeweile kein Thema. Die einen besuchen Bastelkurse, andere wiederum geben Musikunterricht oder stehen mit Rat und Tat den jungen Kollegen zur Seite. Eine kleine Gruppe der angehenden Musiker lebt ebenfalls in der Residenz.

Verdis Tantiemen und die "Caches" der Gäste

Um in der "Casa Verdi" aufgenommen zu werden, in der heute an die 60 Gäste leben, benötigt man nur den Nachweis, hauptberuflich in der Musikbranche tätig gewesen zu sein. Und den hatte sie ja, sagt Catalano. Außerdem sei ihr "Cache", so nennt sie ihre Rente, ja nicht ohne, fügt sie schmunzelnd hinzu.

Verdi hatte zwar veranlasst, dass die Tantiemen seiner Werke an die Residenz gehen, doch von Anfang an gab es auch großzügige Spender, darunter den Komponisten Arrigo Boito, den Dirigent Toscanini, den Pianist Vladimir Horowitz und seine Frau Wanda, die Tochter von Toscanini. Die Namen aller Spender sind in die großen Marmorplatten im Eingangsatrium eingraviert. Die Gäste selber tragen natürlich auch, je nach ihren finanziellen Möglichkeiten, zum Unterhalt bei.

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Renato Franco Perversi spielt noch jeden Tag auf Violine und Viola.

(Foto: Andrea Affaticati)

Catalano verabschiedet sich, in einer knappen Viertelstunde beginnt im Ehrensalon nämlich ein Gitarrenkonzert. Das möchte sich auch Renato Franco Perversi anhören. Für einen kurzen Plausch nimmt sich der ehemalige Geiger und Bratschist trotzdem Zeit. Vor vier Jahren hätten er und seine Frau beschlossen, in eines der kleinen Appartements, die Ehepaaren zur Verfügung stehen, einzuziehen, erzählt er. Perversi ist ein sehr charmanter 87-jähriger Herr, der mit seinen Instrumenten viel durch die Welt gereist ist. Sieben Jahre hat er in Orchestern in Venezuela, Mexiko und Kanada gespielt. "Danach bin ich im Symphonieorchester der Scala gelandet."

Ja, er spiele noch immer tagtäglich ein wenig, "aber nur für mich", fügt er etwas scheu hinzu. Das öffentliche Auftreten sei nicht mehr sein Ding. "Ich mach mich da lieber nützlich", meint er. Wie unlängst, als er eine alte Violine wieder instand gesetzt hat. Jetzt müsse er sich aber verabschieden, seine Frau warte schon auf ihn, sie lebt seit einiger Zeit auf der Pflegestation der Residenz.

Das Gitarrenkonzert ist in der Tat sehr schön, noch ergreifender aber ist die Andacht, mit der die Gäste zuhören. Und ihr Applaus, aus dem man meint, nicht nur Anerkennung herauszuhören, sondern auch Ermutigung, Wertschätzung und Empathie gegenüber der jüngeren Kollegin, die mit ihrer Gitarre auftritt. Verdi wäre darüber sicher sehr erfreut gewesen.

Quelle: ntv.de