Leben

Das Salz des Internets Verschwörungstheorien und andere Märchen

966e39b0d246db1514f3b1f287275735.jpg

Eine weltweite Pandemie, da sehen manche Leute böse Mächte am Werk.

(Foto: dpa)

Unsere Autorin ist genervt von der Pandemie. Aber noch genervter ist sie von den vielen Verschwörungsmärchen, die sich rund um das Coronavirus ranken und sich dank des Internets in Windeseile verbreiten.

Machen wir uns nichts vor, liebe Leserschaft. Ab und an ist jeder von uns mal ein bisschen komisch. Ob man das nun verschroben oder schrullig nennen will, bleibt Ihnen selbst überlassen. Vor allem in Momenten, in denen man sich völlig unbeobachtet fühlt, macht man dann schon mal riesengroßen Quatsch.

Ich zum Beispiel werde besonders inbrünstig, wenn ich beim Kochen aus Versehen Salz verschütte. Ich gucke mich erst verstohlen um und werfe dann das verstreute weiße Gold in einer zackigen Bewegung über meine linke Schulter. Das habe ich von zu Hause mitbekommen. Salz verschütten bringt nämlich Unglück. Um das Unheil abzuwenden, muss man aktiv dagegen angehen, selbstverständlich nur, wenn keiner guckt, sonst ist es ja peinlich, dass man an einen solchen Unfug glaubt.

In meiner Familie hält sich seit Generationen ebenfalls der Glaube, dass man nicht zu lange seine Hände ansehen sollte. Das ist nämlich mindestens genauso unheilvoll. Einziges Gegenmittel: die Füße angucken. Klingt verrückt. Ist es auch. Das Einzige, was man damit bei Menschen erreicht, denen dieser Aberglaube nicht geläufig ist, ist ein müdes Lächeln. Ist ja auch ganz schön Banane. Diese seltsamen Kauzigkeiten tun jedoch niemandem weh. Außer jemand bekommt Salz ins Auge. Dann kann es schon mal brennen.

Neues Level von magischem Denken

Was sich momentan im Internet unter dem Stichwort Widerstand 2020 zusammenbraut, hebt verschrobene Gedankengänge und magisches Denken, das keinerlei Wurzeln in der Realität hat, auf ein völlig neues Level. Grob zusammengefasst sammeln sich unter diesem fragwürdigen Hashtag allerlei Regierungsgegner, dubiose Prominente und Verschwörungsliebhaber, die nicht an die Existenz des Coronavirus glauben. Sie sind der Meinung, dass alle Maßnahmen, die zurzeit gegen die weitere Ausbreitung der Pandemie getroffen werden, nur Vorwände sind, um die Grundrechte der Bürger einzuschränken.

Die Corona-Leugner gehen dabei so weit, dass sie im Internet und auf ihren Demonstrationen von einer Zwangsimpfung fantasieren und dem Microsoft-Gründer Bill Gates vorwerfen, er wolle der Bevölkerung Chips unter der Haut implantieren, um eine neue Weltordnung zu schaffen. So weit, so unglaublich. Um ehrlich zu sein, will ich diese Gruppe, deren Verbreitung durch das Internet noch beschleunigt wird, nur ungern Verschwörungstheoretiker nennen, da der Begriff der Theorie in der Wissenschaft eine begründbare Aussage zur Erklärung eines bestimmten Sachverhalts darstellt.

Die Geschichten, die diese Menschen mit zahlreichen Großbuchstaben und Ausrufezeichen in ihre Facebook-Posts hacken, gleichen allerdings viel mehr Science-Fiction-Märchen als wissenschaftlich nachweisbaren Theorien. Ein weiterer Kritikpunkt der aufgebrachten Virus-Verschwörer ist übrigens, dass die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung in der Öffentlichkeit ihre Bürgerrechte massiv einschränkt und sie mundtot machen soll.

Dazu kann ich nur sagen: Wer nicht reden kann, weil er in der Straßenbahn einen Mundschutz trägt, hat offensichtlich nicht verstanden, wie man das Ding richtig aufsetzt. Man kann nämlich ganz vorzüglich damit einen Plausch halten. Das habe ich selber schon mehrfach getestet.

Gefährliche Nichtsolidarität

Der Club der Corona-Leugner und Impfgegner wird nicht nur durch gruselige rechte Randgruppen wie die vom Verfassungsschutz beobachteten "Reichsbürger", sondern auch noch durch Promis wie den Sänger Xavier Naidoo und den veganen Koch Attila Hildmann unterstützt. Denn nicht zuletzt durch deren große Reichweite bekommen die mehr als seltsamen Ideen der Menschen, die glauben, in der Corona-Krise eine Verschwörung zu erkennen, zunehmend Aufmerksamkeit und Zulauf. Das finde ich, im Gegensatz zu harmlosen Marotten wie Aberglauben, gefährlich.

Nicht nur, weil die Anhänger dieser unglaubwürdigen Märchen sich selbst in Ansteckungsgefahr bringen, wenn sie sich in großen Gruppen zum Demonstrieren gegen die geltenden Maßnahmen treffen. Sondern vor allem, weil ihr Verhalten unsolidarisch ist. Unsolidarisch gegenüber allen Menschen, die auch unter Klagen und dem Hinnehmen von Frustrationen und Einschränkungen die Regeln gegen die weitere Verbreitung des Virus einhalten, unsolidarisch gegenüber chronisch kranken Personen und unsolidarisch gegenüber meiner Oma. Und deren Omas.

Ich kann durchaus verstehen, dass man in der Situation, in der wir uns gerade befinden, Angst bekommen kann. Dieses Gefühl hatte wahrscheinlich jeder schon mindestens einmal während der Kontaktbeschränkungen. Angst davor, wie es weitergeht mit der Familien, dem Job und den Freunden. Das ist ganz normal. Aber das Gefühl der Angst in Unwahrheiten, Panikmache und ausgedachte Weltverschwörungen zu verpacken, macht die Unsicherheiten auch nicht besser. Ganz im Gegenteil: Das ist der Nährboden, auf dem Rassismus, Falschmeldungen und Hass gedeihen.

Der Grund, warum die Gruppe der Menschen, die daran glauben, dass Bill Gates unbedingt wissen möchte, wo Jürgen Dingsbums morgens seine Brötchen kauft, so schnell wächst, ist unter anderem auch ihre Art, Medien zu konsumieren. Facebook und Youtube bieten Verschwörungsfreaks und Leuten, die noch nicht so richtig sicher sind, ob Politiker nicht vielleicht doch einfach Echsenmenschen sind, Plattformen, auf denen die haarsträubendsten Meldungen Platz und Aufmerksamkeit bekommen. Mit ein paar Klicks kann man diese dann ganz einfach weiterleiten und vielleicht finden sich dann schon ein paar arme Spinner, die auch daran glauben, dass die Regierung das Leitungswasser mit Beruhigungsmittel versetzt, damit keine Massenpanik ausbricht.

Dass der ganze Unfug aus Youtube-Videos und Facebook-Posts von B-Promis und Verschwörungsfreunden schneller zu widerlegen ist, als es gedauert hat, sie zu erstellen, lässt erahnen, dass man deren Anhänger nicht durch solche Kleinigkeiten wie belegbare Fakten abschrecken kann. Ihre Währung ist nämlich Empörung, so bleibt man schließlich im Gespräch und rutscht nicht in die Bedeutungslosigkeit ab.

Da passt eine kühle, analytische Wissenschaft nicht so gut, wenn man für die Klicks schon bereit ist zu glauben, dass wir demnächst alle durch Kondensstreifen aus Flugzeugen geimpft werden sollen. Warum einfach auf Virologen hören, wenn man es auch besonders kompliziert und abwegig machen kann? Falls doch mal ein Zweifel bestehen sollte, ob Sie diesen fragwürdigen Verschwörungsfreunden zuhören sollten, liebe Leserschaft, kann ich Ihnen ein praktisches kleines Hilfsmittel aus der Wissenschaft mitgeben. Es heißt Ockhams Rasiermesser und ist ein ganz einfaches und nützliches Forschungsprinzip. Es besagt simpel, dass die kürzeste und einfachste Lösung immer die wahrscheinlichste ist.

Damit beantwortet sich dann auch ganz schnell die Frage, ob Sie die ellenlangen Nachrichten, die sich unter dem Hashtag #Widerstand2020 sammeln, lesen müssen. Die einfachste und beste Antwort lautet: Nein, niemand muss endlich aufwachen. Nein, niemand muss sich impfen lassen. Halten Sie lieber weiterhin Abstand, waschen sich regelmäßig die Hände und tragen in der Öffentlichkeit einen Mundschutz. Das zeigt Solidarität und Verstand. Dann bin ich Ihnen nicht einmal böse, wenn Sie über mich lachen, weil ich ab und zu abergläubisch bin, wenn ich Salz verschütte.

Quelle: ntv.de