Leben
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Samstag, 26. Mai 2018

In Vino Verena: Warum SUV-Fahrer so große Penisse haben

Eine Kolumne von Verena Maria Dittrich

Sie sind in ihrem gepanzerten Selbst die Herren der Straße: SUV-Fahrer. Unsere Autorin ist mit einem von ihnen aneinandergeraten. Den Schlagabtausch verliert sie. Der Grund: Sie reicht nicht bis zur Scheibe.

"Mensch, Uschi, fahr!", keift es hinter mir. Ich sitze gerade in meinem Renault von 1905 mit drei Radkappen. Im Radio läuft ein Song, der zum Wetter passt. Die Sonne scheint, der Sandalismus ist zurück auf Berlins Straßen und ich auf dem Weg zum See. Ich fahre nur noch sehr selten mit dem Auto durch die Stadt. Ach Gottchen, werden Sie jetzt vielleicht denken, wieder so eine Trulla, die sich über andere Verkehrsteilnehmer echauffiert. Mimimi.

Aber liebe Leserinnen und Leser, bitte glauben Sie mir: Ich echauffiere mich nicht, wirklich nicht, ich - RASTE aus!

Also, die Sache läuft so: Auf dem Weg zum See muss ich ein kleines Stück durch die Innenstadt. Und wie schnell fährt man da? Verdrehen Sie nicht die Augen, die Frage war rhetorisch.

Kleine Knautschzone - kleiner Penis

Weil ich eine sehr routinierte Fahrerin bin, fahre ich einen Tick schneller. Man muss ja, wenn's fließt, nicht päpstlicher sein als der Papst. Doch plötzlich, so schnell kann ich gar nicht gucken, zieht rechts ein SUV mit etwa 85 Sachen an mir vorbei, um - na, das liebe ich ja! - einen Meter vor mir wieder einzuscheren, mich auszubremsen und ohne zu blinken links abzubiegen.

Okay denke ich: besoffen. Jeder, der in Berlin Auto fährt, weiß, dass es hier ruppig zugeht und natürlich ist auch mir nicht entgangen, dass sich immer mehr Autos durch die Straßen schieben. Jeder vierte neuzugelassene PKW ist ein SUV. (Sport Utility Vehicle)

Ich will hier natürlich nicht per se jedem SUV-Fahrer ans Bein pinkeln; es soll ja auch nachsichtige unter ihnen geben, aber leider eben auch viele, die die Straßen mit einem Truppenübungsplatz in der brandenburgischen Walachei verwechseln.

Früher - und mit früher meine ich vor sechs, sieben Jahren - habe ich diese Geländewagen nicht in dieser Penetranz wahrgenommen, aber inzwischen ist die Stadt ja auch verkehrstechnisch immer mehr zum sprichwörtlichen Dschungel mutiert - zu einem Kampfgebiet, das man gut gepanzert passieren muss, vorbei an den kleinen Fords, Fiats und Kabinenrollern. Einige SUV-Fahrer scheinen zu glauben: kleine Knautschzone - kleiner Penis.

Der Herr der Straße

In ihren dicken Karren sind die SUV-Fahrer die Herren der Straße: potent, knackig und darüber erhaben, dass die Zehn-Euro-Scheine nur so aus dem Auspuff flattern. Abgesehen vom überproportionalen Spritverbrauch scheint sich die erhöhte Sitzposition wie ein Thron anzufühlen, die Schaltung wie eine Schwanzverlängerung. Der SUV-Fahrer ist der Macker im Sitz.

Mir ist das egal, ich bin ein gutgelaunter Renault-Fahrer und kann mich prima anpassen, obschon auch mir gehörig die Düse geht, wenn so ein Panzer aus dem Nichts auf der Autobahn auftaucht und ganz nah und mit Lichthupe an meiner Stoßstange hängt, während ich gerade mit 120 Sachen einen LKW überhole. Ich mache die Bahn frei, ich lächle, ich halte die Schnauze. Es gilt, wie fast überall, das Recht des Stärkeren, oooooookay, jaha, akzeptiert!

Zurück auf Berlins Straßen: Keine grüne Welle in Sicht, aber es ist nicht viel Verkehr an diesem Feiertag. Ich stehe vor einer roten Ampel und warte. Hinter mir der nächste SUV-Heini. Porsche Cayenne. Oh lala, schickes Auto. Die Ampel schaltet auf Gelb und der Porsche-Mensch - HUPT! Tut-tut. Tuuuuuuut. Dann grölt er diesen Satz: "Mensch, Uschi, fahr!"

Ich stutze: Hat der mich wirklich gerade Uschi genannt? Uschi? Hallo, ich sitze in einem französischen Auto! Ich sollte zumindest als Chloé, Inès oder Florence zusammengepfiffen werden! Weder habe ich die Grünphase verpennt noch den Motor abgewürgt, aber wenn der Typ mit dem Hasenhirn meint, mich bei Gelb anhupen zu müssen, bitteschön. Zackig fahre ich los und düse über den Asphalt. Der Herr der Straße ist mir dicht auf den Fersen. An der nächsten Ampel dasselbe Spiel, er hupt mich direkt wieder bei Gelb an - als würde ich nicht in die Pötte kommen!

"Tut Tut Tuuuuuuut"

Während ich inzwischen ein Rennwagen im roten Bereich bin, macht es hinter mir wieder: "Tut. Tut. Tuuuuuuut." Jetzt reicht's der Uschi aber! Uschi will dieser Krawallbürste aufs Dach steigen. Schnellen Schrittes gehe ich auf den Porsche-Huper zu. Doch was muss ich feststellen? Mit 1,56 Meter reiche ich nicht mal bis an die lausige Autoscheibe des ollen Sitzschwitzers. Aber Vorsicht, Fußhupen sollte man nie unterschätzen!

Porsche-Paule schaut aus seinem Panzer auf mich herunter und macht eine abfällige Geste. Es dauert nicht lange, da hupt die ganze Straße, es ist ein einziges Hup-Konzert - als befänden wir uns auf den Serpentinen von Amalfi. Ich kläffe ein paar Mal, dann dackele ich zu meinem Wagen zurück. Mein Herz pocht wie wild, Paule zieht an mir vorbei und zeigt mir einen Vogel, um schließlich - und das ist das Herrlichste überhaupt - hundert Meter weiter VOR MIR an der roten Ampel zu stehen und in seinen Rückspiegel zu glotzen.

In letzter Zeit motzen mich im Verkehr ständig irgendwelche Herren aus ihren hohen Schlitten an. Und nein, es sind nicht immer nur SUV-Fahrer, aber sehr oft Leute, die meinen, in ihren Geländewagen der Straßenverkehrsordnung entwachsen zu sein. Es gibt zwei Dinge, die man da tun kann: Entweder man zieht sie direkt aus ihren Spritschleudern und haut ihnen eine vor ihren überheblichen Latz, was natürlich äußerst unklug und ein tätlicher Angriff wäre. Oder man ignoriert sie einfach und dreht stattdessen das Radio lauter. Wenn im Radio aber gerade Schrott läuft, ist es vertretbar, sich doch für Ersteres zu entscheiden.

Das gepanzerte Selbst

Am See angekommen tunke ich mein überhitztes Gemüt ins kühle Nass. Ich muss an diese bescheuerte Werbung denken, in der so ein barfüßiger Hipster von einem Autodach zum nächsten springt und fragt: "Und welcher ist dein Nächster?"

Jedes Jahr wird uns von der Autoindustrie verklickert, ein neues Auto zu brauchen. Im Jahre 2018 ist ein Auto von 2013 ein Oldtimer. Und nicht mehr modern. Mein Renault sollte sich schleunigst von der Straße verfatzen.

Aber du, Porsche-Cayenne-Fahrer mit deinem geilen Nobelhobel, der gerade tausendfach wegen Manipulation an der Abgaseinrichtung zurückgerufen wird, du hupst mich an?

Untersuchungen zeigen, dass Autofahrer, die mit einem SUV an einer grünen Ampel stehen bleiben, nur sehr selten vom Hintermann angehupt werden. Wer mit einem SUV unterwegs ist, soll vollkommen andere Erfahrungen machen als beispielsweise einer in einem Messerschmitt Kabinenroller. Wer SUV fährt, soll von anderen Verkehrsteilnehmern weitestgehend in Ruhe gelassen werden. Von Respekt ist viel die Rede. Wer deswegen aber glaubt, sich wie Rotz am Ärmel aufführen zu können, ist vor allem eines: eine SUV-Knallschote. Ey, du Mensch in deinem gepanzerten Selbst, mögest du eine ganze Ampelphase vor deinem eigenen Auspuff ausharren! Bussi, Deine Uschi.

Tut. Tut. Tuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuut.

Quelle: n-tv.de