Leben

Interview mit "Doc Fleck" Warum der Darm müde machen kann

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Chronischer Müdigkeit und Erschöpfung sollte man auf den Grund gehen.

(Foto: imago images/Westend61)

Wenn selbst acht Stunden Schlaf und die zweite Tasse Kaffee am Morgen nicht mehr ausreichen, um wach zu werden: Wer ständig unter Müdigkeit leidet, hat häufig ein tieferliegendes Problem. Weil dieses Problem so viele Menschen betrifft, hat Ernährungs-Doc und Buchautorin Dr. Anne Fleck ("Doc Fleck") ihr neues Buch "Energy! Der gesunde Weg aus dem Müdigkeitslabyrinth" geschrieben, um den Betroffenen zu mehr Vitalität und Energie zu verhelfen. Welche Ursachen sich hinter Müdigkeit verbergen können und warum der Darm bei diesem Thema so eine große Rolle spielt, verrät sie im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Ist heutzutage nicht jeder Mensch irgendwie müde?

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Dr. Anne Fleck, bekannt aus dem Format "Die Ernährungs-Docs", ist seit Jahren international anerkannte Expertin für innovative Präventiv- und Ernährungsmedizin.

Dr. Anne Fleck: Ich habe das Buch "Energy" vor allem deswegen geschrieben, weil dieses Thema oft bagatellisiert wird. Die präventivmedizinisch modernen Ursachen werden in der gängigen Behandlungspraxis leider nicht abgefragt oder laborchemisch geprüft. Die Leute werden oft mit "alles in bester Ordnung" abgespeist, als Doktor-Google-Kranke stigmatisiert oder mit "fahren Sie mal in Urlaub" entlassen. Aber nur wenn du ausreichend Energie hast, kannst du das im Leben machen, wozu du hier bist.

Wann wird Müdigkeit zum Problem?

Es gibt die normale gesunde Müdigkeit, die auftritt, wenn man sich körperlich und geistig erschöpft hat. Dann fällt man müde ins Bett. Diese Müdigkeit ist vollkommen gesund und normal. Pathologisch wird die Müdigkeit erst, wenn sie länger anhält, also wenn man quasi schon extrem müde morgens aufsteht und über den Tag nur wenige Phasen von einem normalen Energielevel hat.

Welche Ursachen können für Müdigkeit und Energielosigkeit verantwortlich sein?

Zu den klassischen Ursachen für Müdigkeit gehören zum Beispiel Eisenmangel oder Grunderkrankungen wie Diabetes. Aber es gibt auch eine große Zahl von Menschen, die zum Beispiel Verdauungsstörungen haben, niedriggradige Entzündungen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, sogenannte Mastzellaktivierungen oder auch Autoimmunkrankheiten.

Wie kann man nun am besten anfangen, das Problem Müdigkeit und Energielosigkeit in den Griff zu bekommen?

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Mein 30-Tage-Programm gibt einen sanften Einstieg. Zuerst schaut man seinen Lebensrhythmus an und bringt Struktur in den Tag. Dazu gehört natürlich auch, ausreichend zu schlafen. Dann sollte man seine Ess- und Ernährungsgewohnheiten genau beobachten und herausfinden, welche Lebensmittel einem gut tun und welche einem "den Garaus" machen. Die tiefere Ursachensuche kann man sich systematisch vornehmen.

Warum sollte man nach Ihrem Programm morgens zwei Gläser Wasser auf nüchternem Magen trinken und eher spät frühstücken?

Erstens werden die über Nacht abgebauten Giftstoffe leichter ausgeschieden und zweitens muss die Leber nicht durch Kaffee wieder neu entgiften. Außerdem gibt es ein Flüssigkeitsdefizit über Nacht, das damit ausgeglichen wird. Zusätzlich wird der Magen aufgeweckt und bekommt von oben das Signal, Platz zu machen, und dadurch wird dann auch die Verdauung angeregt. Den Zeitpunkt des Frühstücks sollte man spät wählen. Man soll sowieso nur bei echtem Hunger essen, weil das die Autophagie aktiviert, einen körpereigenen Prozess, bei dem die zelleigene Müllabfuhr so angeregt wird. Das passiert bei Frauen nach 12 Stunden und bei Männern nach 13 Stunden.

Wie kann man herausfinden, ob man nicht doch bisher unentdeckte Nahrungsmittelintoleranzen hat?

Man kann sich mal zwei Wochen auf mein "Energy!"-Programm einlassen, um herauszufinden, ob man die zwei häufig verzehrten Lebensmittel Getreide und Milchprodukte gut verträgt. Die Blutuntersuchungen sind da oft nicht sensitiv genug, um dem auf die Spur zu kommen. Deswegen hat das Programm einfache leckere Rezepte, mit denen man sich selbst auf die Schliche kommt. Nach den zwei Wochen weiß man schon, ob man ein Problem hat, wenn man ein Dinkel-Vollkornbrötchen isst, was man vielleicht niemals gedacht hätte. Das merkt man nicht, wenn man den Körper nicht mal davon befreit hat.

Wie geht es nach Ihrem Programm weiter?

Wenn man weiß, dass man Gluten und Milch verträgt, kann man das ja nach dem Absolvieren des Programms wieder in die Ernährung einführen. Aber ein Käsebrot morgens, mittags und abends ist trotzdem auf die Dauer nicht gesund - auch wenn man es verträgt. Man muss schauen, dass man auf mehr Gemüse, Blattsalate und hochwertige Eiweißquellen kommt. Die Dosis macht das Gift und selbstverständlich kann man sich langfristig auch wieder etwas gönnen.

Warum spielt die Darmgesundheit so eine große Rolle bei diesem Thema?

Der Darm ist der Schlüssel zur Gesundheit und daher elementarer Baustein meiner Heilmethode. An den Darm denken wir leider meistens zu spät, nämlich erst dann, wenn wir ein Problem haben. Wie sich unsere Darmgesundheit gestaltet, beginnt schon im Mund. Deswegen ist es wichtig, die Mundhöhle zu pflegen. Nicht nur was wir essen ist entscheidend, sondern auch, was wir verdauen. Ist die Verdauungsleistung gut, können wir genug Nährstoffe aus der Nahrung aufnehmen. Die Integrität der Verdauung ist wichtig, weil es die Darmschleimhautbarriere gibt. Sie ist der Schutzwall für die guten und schlank machenden Darmbakterien. Sehr häufig haben Menschen, ohne es zu wissen, auf beiden Seiten Störungen. Das heißt, die Darmschleimhautbarriere ist verletzt oder nicht mehr intakt.

Woher kommt das?

Das kommt zum Beispiel durch chronische Fehlernährung oder langfristige Medikamenteneinnahme, Antibiotika, Rauchen und Stress. Diese nicht intakte Darmschleimhautbarriere ist die Zündschnur, da es langfristig zu Autoimmunstörungen und Nahrungsmittelintoleranzen kommen kann. Wenn wir schlecht kauen, viel Zucker und Zuckeraustauschstoffe essen oder zu viel minderwertiges Eiweiß aufnehmen, werden die guten Darmbakterien vertrieben. Das ist ungünstig für die Darmschleimhautbarriere, weil die Darmbakterien auch schützende Schleimstoffe produzieren, die sich quasi über die Darmschleimhaut schmiegen. Wenn die Darmflora aus der Balance gerät, ist das der Nährboden für Übergewicht, Entzündungskrankheiten, Herzkrankheiten, Diabetes, Demenz und Krebs. Angemerkt sei: Schon bei der Geburt wird die Darmgesundheit mit entschieden, denn natürliche Geburten sind für die Immunsystem- und Darmfloraentwicklung der Kinder sehr gut, der Kaiserschnitt eher ungünstig, da das Kind nicht durch den Geburtskanal mit den natürlichen Bakterien der Mutter in Kontakt kommt.

Was kann man für den Darm nun konkret tun?

Die Basis ist immer das gründliche Kauen sowie das Trinken zwischen den Mahlzeiten, weil dadurch die Verdauungssäfte nicht verwässert werden. Die Darmflora kann man auch schon über präbiotische Lebensmittel, also gesunde Darmbakterien stärken. Dazu gehört alles, was bitter ist, wie zum Beispiel Petersilie, Basilikum, Bittersalate, Löwenzahn, Radicchio und Chicorée. Das sind Delikatessen, die Futter für gesunde Darmbakterien sind. Auch gibt es sie im Joghurt und frischem, unerhitztem Sauerkraut. Wenn jemand nachweislich Verdauungsprobleme und chronische Müdigkeit hat, dann ist eine Langzeittherapie des Darms oft erfolgreich. Hier arbeitet man erfolgreich mit der zusätzlichen Einnahme von hochdosierten Probiotika, um die gesund- und schlankmachenden Darmbakterien noch einmal gezielt zu züchten. Das ersetzt aber natürlich keine gute, individuell passende Ernährung.

Sie führen im Buch auch an, dass viele Schadstoffe echte Energieräuber sind, die sich teils sogar im Mund befinden. Wie soll man vorgehen, um die Schadstofflast zu reduzieren?

Wir sind umgeben mit Schadstoffen und können uns diesen nicht entziehen. Das sollte uns nicht panisch werden lassen. Ich wollte aber das Bewusstsein dafür schaffen, denn wir haben ja auch Schadstoffe aus der Natur wie zum Beispiel Schimmelpilze. Wir können durch einen bewussten, aber unhysterischen Umgang besser mit Schadstoffen klarkommen, indem wir zum Beispiel über unsere Lebensweise und Ernährung unsere körpereigene Entgiftung jeden Tag unterstützen. Das geht gut über Bitterstoffe für die Leber und hochwertige Lebensmittel. Auch regelmäßig einen Brennnessel-Tee oder Löwenzahntee trinken hilft. Abends sollte man außerdem nicht Unmengen von Rohkost essen, weil sich dann das Verdauungssystem nicht regenerieren und die Leber nicht zur Ruhe kommen kann. Das Erhitzen mit ungeeigneten Ölen, wie zum Beispiel mit Rapsöl, ist ebenso kontraproduktiv, denn das hat zwar nur wenige, aber immerhin noch 9 Prozent Omega-3-Fettsäuren. Die sollte man kalt verzehren, weil ab 41 Grad potenziell gefährliche Oxidationsprozesse entstehen. Wir denken immer an die großen Dinge, aber diese kleinen, alltäglichen Sachen werden leicht vergessen. Gesünder braten kann man übrigens mit Kokosöl, Ghee oder Olivenöl mit dem Zusatz Extra Vergine oder Sesamöl. Und bei der empfehlenswerten täglichen Einnahme von Omega-3-Fett sollte man bei der Wahl auf Algenöle setzen, das heißt, Leinöl mit DHA/EPA aus Omega-Safe-Produktion, optimal mit Zusätzen aus Weizenkeimöl, das die Oxidation verhindert, und Vitamin D, was fettlöslich ist und elementar für die Gesundheit von Knochen, Stoffwechsel, Herzkreislauf und eine stabile Psyche ist.

Umweltmediziner zeigen, dass nachgewiesene Giftstoffe (zum Beispiel Schwermetalle) ausgeleitet werden können.

Das finde ich einen hochspannenden Ansatz, aber da gibt es leider nur ganz wenige Ärzte, die das machen. Und wenn man dann mal untersucht, was die Leute als Ursache von Symptomen haben, kommt eine Menge bei rum. Deswegen ist es so wichtig, den Körper zu verstehen, gut mit ihm umzugehen und dessen Konstitution zu stärken.

Mit Anne Fleck sprach Isabel Michael

Quelle: ntv.de

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