Leben

Liebe und Lust auf Augenhöhe Warum uns mehr Sexpositivität guttut

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Sexpositivität umfasst alle Formen der Liebe.

(Foto: imago images/Cavan Images)

Sexpositivität räumt mit Klischees und Stereotypen auf. Der Begriff, den viele eher dem Feminismus zuschreiben, ist aber viel mehr als eine Bewegung. Sexpositivität ist vor allem eine Frage der inneren Haltung. Wie sexpositiv sind Sie?

"Ach herrje, schon wieder so ein neumodischer Begriff!", mag der eine oder andere, der zum ersten Mal von Sexpositivität hört, jetzt womöglich denken. Liebe Leserinnen und Leser, manchmal geht es mir ganz ähnlich und ich frage mich: Habe ich was verpasst? Aber es geht gar nicht darum, ob man etwas verpasst hat, sondern wie man einem für sich selbst vielleicht neuen Thema gegenübersteht.

Als ich von Sexpositivität zum ersten Mal hörte, konnte ich mir zwar etwas darunter vorstellen, aber der Begriff war für mich hauptsächlich feministisch konnotiert. Dies stimmt im Grunde auch, denn viele Frauen machen sich für eine sexpositive Gesellschaft stark, eine Gesellschaft, in der Frauen und Mädchen nicht als F**** bezeichnet werden und das weibliche Geschlecht nicht länger als Schimpfwort benutzt wird. Noch immer gelten "Pussys" oder "Muschis" als Luschen und Versager schlechthin. Man wäre naiv, zu glauben, dass es in naher Zukunft eine Welt ohne Sexismus, Belästigung oder Slutshaming geben wird, aber das heißt nicht, dass man nicht davon träumen kann. Was es dazu bräuchte? Mehr sexpositive Menschen.

Sexpositivität verurteilt nicht

In einer kleinen Umfrage im Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis habe ich festgestellt, dass vor allem die ältere Generation viel sexpositiver ist, als ich es angenommen hatte. Einige Freundinnen meiner Mutter beispielsweise sind sexpositiv, ohne je zuvor bewusst von dem Begriff gehört zu haben. Denn in erster Linie ist Sexpositivität viel mehr als nur eine gesellschaftliche Strömung. Es ist eine Frage der individuellen Wahrnehmung, eine innere Haltung, eine Sichtweise auf die Welt.

Die Freundinnen meiner Mutter sind zwischen 60 und 70 Jahre alt und natürlich reagierten sie, angesprochen auf explizite sexuelle Themen, gelegentlich etwas schambehafteter als die Jugend und kicherten in ihre Kaffeetassen. Auf der anderen Seite jedoch sagten sie dann Sätze wie: "Seit der Manfred nicht mehr so kann, streicheln wir uns viel öfter." Oder aber: "Wir schauen schon ab und an einen Erotikfilm, aber nur die, in denen die Frau vom Mann gut behandelt wird. Wollust ist ja für beide da."

Selbstverständlich haben sexpositive Menschen ebenso (sexuelle) Vorlieben und Abneigungen wie alle anderen. Doch sie verurteilen nicht. Viele Vorurteile in Zusammenhang mit Sexualität basieren auf Unwissen und Erziehung. Vor allem Männern wurde als Kind oft beigebracht: "Männer weinen nicht." Oder: "Männer müssen stark sein." Oder: "Was ist das für eine hässliche Hose? Darin siehst du schwul aus!" Heterosexuelle Männer sind nicht selten mit dem Gedanken aufgewachsen, bloß nicht schwul zu wirken. Denn ähnlich wie das F-Wort wird auch das Schwulsein heute noch als Beleidigung benutzt. Als wäre Homosexualität etwas, wofür man(n) sich schämen muss!

Sexpositive Männer aber würden einem solchen Verbalangriff kontern, indem sie sagen: "Super, dass ich in dieser Hose schwul aussehe! Die schwulen Männer, die ich kenne, haben einen ausgezeichneten Mode-Geschmack, vielen Dank für das Kompliment!"

"Wann ist ein Mann ein Mann?"

Sexpositivität räumt mit Klischees und Stereotypen auf, die uns im Leben seit jeher begegnen und die bei einigen regelrecht im Kopf verankert sind. Das geschieht nicht immer von jetzt auf gleich und ist ein Prozess - ein Weg, der gleichzeitig das Ziel hat, Engstirnigkeit und Vorurteile abzubauen.

Herbert Grönemeyer sang einst: "Wann ist ein Mann ein Mann?" Oft heißt es in unserer Gesellschaft, ein "richtiger Mann" habe sich "männlich zu verhalten". Wer definiert denn bitte Männlichkeit? "Unmännliche" Männer gelten als Bubis, als weinerliche, sensible Bürschchen, im schlimmsten Fall als Muttersöhnchen. Dabei ist gerade Sensibilität und Feinfühligkeit nichts, was ausschließlich Frauen vorbehalten ist oder sein sollte - im Gegenteil.

In einer sexpositiven Gesellschaft sind Männer in erster Linie Menschen, die ihre Gefühle zulassen dürfen.

Sexpositivität lässt sich dabei aber in keine eindeutige Definition zwängen. Neben der inneren Einstellung seinen Mitmenschen gegenüber, der Neugier, den eigenen Körper und den des Partners besser zu verstehen und zu akzeptieren, bedingt sie nicht, irgendwann abgeschlossen zu sein. Sexpositivität ist im Rahmen der vorherrschenden Strukturen unserer Gesellschaft sicher noch ein langer steiniger Weg. Doch schon kleine sexpositive Schritte können Großes bewirken: Frauen zum Beispiel nicht mehr als Schlampen zu beschimpfen und Männer nicht als Schwule oder Tunten.

Sexpositiv ist, wer Frauen nicht auf ihre körperlichen Reize reduziert und Männer nicht auf ihren Penis oder auf ihr emotionales Verhalten. Gleichwertigkeit steht an oberster Stelle, genauso wie Respekt voreinander und die Akzeptanz, dass unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche sexuelle Wünsche und/oder Neigungen haben. Wer sexpositiv ist, diffamiert Prostituierte nicht als N**** und weiß, dass guter Sex nicht zwingend einen Orgasmus voraussetzt.

Sie sind bestimmt viel sexpositiver, als Sie denken, wetten?

Quelle: ntv.de