Leben

"Ich bin ganz im Reinen" Was Wim Wenders von Edward Hopper gelernt hat

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Die Verlorenheit des Menschen - Wenders und Hopper fangen sie beide unvergleichlich poetisch ein.

(Foto: Girl on Stairs, Wim Wenders, 2020)

Besondere Kunst in einem besonderen Bau in einem ungewöhnlichen Umfeld: Dass Wim Wenders seinen Kurzfilm "Two Or Three Things I Know About Edward Hopper" in der Galerie Bastian in Dahlem zeigt, ist kein Zufall. Der "Himmel über Berlin"-Regisseur kann sein poetisches Werk hier besonders gekonnt in Szene setzen.

Der Film dürfte ruhig länger sein, so wunderbar ist es, wenn die Bilder von Wim Wenders laufen lernen. Der Tankstellenwart, das Paar im Auto, die jungen Menschen auf der Veranda, im Hotel, die Landschaften - alles ist so, wie Edward Hopper es auch hätte malen können. Die Fotos, die bereits für sich sprechen und äußerst lebendig sind, obwohl sie Szenen eines eher langweilig wirkenden Alltags zeigen, ziehen den Betrachter in den Bann.

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The artist is present: Wim Wenders in der Galerie Bastian beim Betrachten seines Kurzfilms "Two or three things I know about Edward Hopper"

(Foto: S. Oelmann )

Umso mehr, wenn die Bilder dann im Film zu kurzen, wortlosen Geschichten werden. Meditativ folgt man den Protagonisten, versteht sie, mag sie, mag sie nicht, ist aber überwiegend einfach fasziniert, wie sie sich in die 3D-Umgebug einfügen oder auch wieder verschwinden. Wie Geister, die man nicht rief.

Das Licht, das Kino-Figuren glorifiziert

Diese "Two Or Three Things I Know About Edward Hopper", also diese zwei, drei Dinge, die Wim Wenders von diesem großen Künstler gelernt haben könnte, könnten die Beiläufigkeit sein, dieses Unaufgeregte, dieses Normale, das zu Postkarten-Motiven avancierte und die der Feder eines der besten, beliebtesten und teuersten Künstlers der jüngeren Vergangenheit entspringen.

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Das Licht und die Abwesenheit des Lichts - in Wenders' Film sehen wir die Bilder Edward Hoppers in imaginären Gedanken weitererzählt.

(Foto: Fire Chief, Wim Wenders, 2019)

Das Wort Poesie aber ist Wenders besonders wichtig, wie er im Gespräch verrät, und: "Das Licht ist es, was mich am meisten bei Hopper fasziniert und auch prägt. 'Fire Chief' habe ich in diesem Dämmerlicht aufgenommen, in dem die Schatten immer länger werden. Es ist das Licht, das Kino-Figuren glorifiziert." Der Filmemacher hält 3D für ein ausgesprochen poetisches Medium, das eine große Kraft hat, den Zuschauer in den Bann zu ziehen, weil es erwiesenermaßen ganz andere Gehirnregionen beansprucht als das Sehen in 2D.

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"Two or Three Things I Know about Edward Hopper" wurde 2020 anlässlich der Hopper-Retrospektive der Fondation Beyeler 2020 in Basel gezeigt und ist eine Hommage an einen der bedeutendsten amerikanischen Maler des 20. Jahrhunderts.

(Foto: Meeting on the Porch, Wim Wenders 2019)

Das 3D-Bild als solches habe eine Affinität zur Poesie, findet Wenders, die jedoch als Phänomen weitgehend unbekannt geblieben ist. "3D wird eigentlich nur noch in spektakulären Filmen angewendet", bedauert der 77-Jährige daher, betont jedoch das durchaus Poetische des neuesten 3D-Werks "Avatar" von James Cameron. "Anders hätte Cameron die Qualität seiner Filme auch nicht erreichen können", ist sich Wenders sicher, "das hat er super gemacht."

Das wirkliche Geheimnis von 3D wird von der Film-Industrie jedoch nicht wahrgenommen und ist mittlerweile fast verkümmert, glaubt Wenders. Er kennt sich aus, hat in den letzten Jahren immer wieder in 3D gedreht - kurze und lange Filme - er weiß so einiges über die Technik dahinter und wie man diese Filme schneidet: "Es braucht mehr Zeit." Nimmt man sich die Zeit, dann kann sich das Medium, das der Filmemacher so sehr liebt, wirklich entfalten.

3D - mehr als "Action"

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Wenders' fotografisches Werk wird weltweit in Museen ausgestellt und publiziert. Er hat viele Essays zur Bedeutung des Kinos geschrieben. Internationale Beachtung finden auch seine Film- und Fotobücher.

(Foto: S. Oelmann)

Warum nun also dieser Kurzfilm im Hopperschen Stil von Wim Wenders? Vor einem Gemälde zu stehen, insbesondere vor einem Hopper, sei eben nur ein zweidimensionales Erlebnis, und auch Fotografie und Film erreichen nicht die Tiefe, die sich der Regisseur wünscht. Die Fähigkeit, sich in ein Gemälde hineinziehen zu lassen, ist zwar da, aber mit der Wirkung von 3D nicht zu vergleichen, betont er in der Galerie Bastian in Berlin-Dahlem.

"Ich denke, 3D ist das Medium, mit dem ich dem, was ich aus einem Bild herausholen möchte, am nächsten komme." Wenders fragt sich wieder und wieder, wie 3D so derart in Verruf gekommen sein kann, in den Verruf, "eine Kindersprache zu sein, oder auch eine Action-Sprache". Völlig zu Unrecht, wie Wenders' Film beweist, denn 3D kann auch ganz anders. Seine Hoffnung ist, dass 3D vermehrt Anwendung in der Kunst findet, in Museen und Galerien, wenn es schon im Kino nicht so gut läuft.

Zurück zu Edward Hopper: Als Maler, der als Grafiker für Werbung angefangen hat, als Designer, kannte er natürlich eine gewisse Bildsprache, aber die hatte anfangs wenig mit Kunst zu tun. Das Zutrauen, sein Leben endlich als Maler zu gestalten, kam erst zu einer Zeit, in der es so ziemlich das Letzte war, so zu malen wie Hopper: "Gegenständlich" - das war gar nicht "en vogue". Kein Hahn habe nach ihm gekräht, erinnert sich Wenders, "er war in seiner Zeit total anachronistisch".

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Für Edward Hopper waren die Bilder, die er malte, "die Reproduktion der Welt, die ihn umgab, auch die Welt, die er in sich sah".

(Foto: IMAGO/NurPhoto)

Hoppers "Rettung" war es, ein leidenschaftlicher Kinogänger zu sein. Als ihn die "Kunst-Blockade" erwischte und er nicht mehr wusste, was er malen soll, ging er eine lange Zeit täglich ins Kino. "Es müssen um die 1000 Filme gewesen sein, alles, was das Nachbarschaftskino zeigte, hat er sich angesehen", so Wenders voller Be- und kaum Verwunderung. Von europäischen Kunstfilmen bis zu amerikanischem Mainstream hat sich Hopper alles angeschaut - und das spiegelt sich in seinen Werken natürlich wider. "In den Tagebüchern seiner Frau kann man nachlesen, wie oft Hopper im Kino war und was er alles gesehen hat", weiß Wenders. So sei dann auch das berühmte Bild "Nighthawks" entstanden.

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Wenders gehört zu den bedeutendsten innovativen Gestaltern des zeitgenössischen Kinos. Seine ikonischen Spielfilme wie "Paris Texas" oder "Der Himmel über Berlin" wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet.

(Foto: imago images/Pixsell)

Auch umgekehrt wird ein Schuh draus: "Wie viele Filmemacher haben sich von Edward Hopper wohl beeinflussen lassen?", fragt Wim Wenders, der sich selbst auf jeden Fall dazu zählt. Ihm ginge es um die Erzählhaltung, es seien eben Bilder, die eine Geschichte haben und nicht nur eine Momentaufnahme sind. Man sehe genau, da ist gerade etwas passiert und gleich passiert etwas anderes. Eine ganz seltene Eigenschaft von zeitgenössischer Kunst, dass man Geschichte und Geschichten sieht, resümiert Wenders.

Die Einsamkeit des Menschen

An "Nighthawks" fasziniert Wenders das erzählerische Element am meisten, die Sichtbarmachung der Einsamkeit des Menschen. Und was daraus entstanden ist: Nämlich, dass das Kino Edward Hopper viel gegeben, aber dass Hopper auch dem Kino viel zurückgegeben hat. Zwischen Hopper, dem Kino und der Malerei gibt es eine interessante wechselseitige Beziehung: "Ich habe Hopper viel zu verdanken. Unzählige Pilgerfahrten habe ich zu diesem Maler unternommen, ins Whitney-Museum oder ins MoMa. Aber um ihm wirklich gerecht zu werden, musste ich dieses kurze Filmessay drehen."

Und damit zurück zum Anfang: Der Film hätte gern länger sein dürfen. Für Wim Wenders allerdings ist er genau richtig, er hatte sich von Anfang an vorgenommen, dass dieser Film nicht für sich selbst stehen soll, sondern dass er Lust macht auf den Künstler. "Und dieses Lustmachen auf Hoppers Werk darf keine Stunde dauern", lacht er. "Ich bin ganz im Reinen."

Anlässlich der Präsentation des Films hat Wim Wenders drei neue Fotografien produziert, die in seiner nunmehr dritten Einzelausstellung in der Galerie Bastian vom 25. Januar bis 4. März 2023 gezeigt werden.

Quelle: ntv.de

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