Leben

20 Kilo mehr in sechs Monaten Wenn Essanfälle das Leben bestimmen

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Bei regelmäßigen Heißhungerattacken kann es sich um eine psychische Erkrankung handeln.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Es ist die häufigste Essstörung und doch ist sie kaum bekannt: die Binge-Eating-Störung. Sie führt im Laufe der Zeit nicht nur zu schwerwiegenden körperlichen Problemen, sondern bringt auch eine enorme psychische Belastung für die Betroffenen mit sich.

Zwei große Teller Spaghetti Bolognese, eine Packung Stracciatella-Eis, zehn Schokoriegel: Fast jeden dritten Tag nach der Schule hatte die damals 16-jährige Mia* scheinbar aus heiterem Himmel Essattacken. Dabei wollte sie doch endlich abnehmen, aber sie schaffte es fast nie, eine ihrer Diäten durchzuhalten. Die heimtückischen Essanfälle machten ihr regelmäßig einen Strich durch die Rechnung.

Je strenger Mias Diäten waren, desto häufiger und schlimmer wurden ihre Essanfälle. Dann aß die Schülerin innerhalb kürzester Zeit alles, was sie sich sonst verboten hatte. "Manchmal war der Essdruck so groß, dass ich nicht einmal mehr abwarten konnte, bis ich mein Essen fertig gekocht hatte", erinnert sich die heute 23-Jährige. Sie konnte erst aufhören zu essen, wenn ihr Bauch bereits enorm spannte.

Danach quälte sich die Schülerin mit Schuldgefühlen und Hass auf sich selbst, weil sie wieder einmal die Kontrolle über ihr Essverhalten verloren hatte. Vor Familie und Freunden hielt sie ihre Essstörung geheim, doch die Folgen wurden schon bald sichtbar. Durch die regelmäßigen Essanfälle nahm Mia nämlich innerhalb eines halben Jahres 20 Kilo zu. "Ich habe mich unglaublich geschämt für mein Essverhalten und für meinen Körper. Deswegen konnte ich auch keine Beziehungen eingehen wie andere in meinem Alter", sagt Mia.

Essstörungen jenseits von Bulimie oder Magersucht

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Prof. Dr. Anja Hilbert ist Professorin für Verhaltensmedizin an der Uniklinik Leipzig und forscht unter anderem zur Binge-Eating-Störung.

Mias gestörtes Essverhalten hat einen Namen: Binge-Eating-Störung (BES). Menschen mit BES erleben genau wie Menschen mit Bulimia Nervosa (Ess-Brech-Sucht) wiederkehrende Essanfälle. "Die Betroffenen essen deutlich mehr als das, was andere unter vergleichbaren Umständen essen würden. Dabei erleben sie das Gefühl eines Kontrollverlustes", schildert die Psychologin und Verhaltensmedizinerin Prof. Dr. Anja Hilbert. Im Unterschied zur Bulimie unternehmen die Erkrankten keine extremen Maßnahmen, wie selbst herbeigeführtes Erbrechen oder den Gebrauch von Abführmitteln, um eine Gewichtszunahme zu verhindern. Laut Hilbert leiden die Betroffenen sehr stark unter den Essanfällen: "Bei manchen Menschen stellt sich dann eine gewisse Hilflosigkeit ein", erklärt sie.

Oft tritt die Essstörung im Jugendalter erstmalig auf, in manchen Fällen aber auch erst im frühen Erwachsenenalter. Mia war 14 Jahre alt, als die BES zum Ausbruch kam: "Schon mit 13 habe ich mich nicht mehr wohl gefühlt in meinem Körper und angefangen, mir bestimmte Lebensmittel zu verbieten, damit ich abnehme. Später kamen dann die Essanfälle, die immer häufiger wurden", beschreibt sie.

Mit ein bis fünf Prozent Bevölkerungsanteil handelt es sich bei der BES um die häufigste Essstörung und doch ist sie kaum bekannt. "Wenn man Essstörung hört, denkt man häufig an Bulimie oder Magersucht", sagt Hilbert. Bereits in den 1950er-Jahren wurde die BES entdeckt, aber nicht als eigenständige Essstörung klassifiziert. Man hielt die Essanfälle für eine Auffälligkeit, die mit Adipositas (Fettleibigkeit) einhergeht. Die Klassifizierung als eigenständige Essstörung erfolgte erst ab 2013, sodass die Erforschung der BES im Vergleich zur Bulimie oder Anorexie noch in den Kinderschuhen steckt.

Eine Essstörung kommt selten allein

Von der BES Betroffene leiden wie viele an anderen Essstörungen Erkrankte sehr häufig zusätzlich an anderen psychischen Störungen. Hilbert nennt hier insbesondere Depressionen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen wie die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Aber auch die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung im Kindes- und Jugendalter sowie posttraumatische Belastungsstörungen scheinen das Risiko für diese Essstörung zu erhöhen. Auf der Suche nach Ursachen für die BES werden aktuell insbesondere Persönlichkeitsfaktoren wie Impulsivität und Belohnungssensitivität erforscht: "Einzelne Analysen legen nahe, dass die Belohnungssensitivität bei den Betroffenen erhöht ist", sagt Hilbert. Das bedeutet, diese Menschen sind besonders empfänglich für Belohnungen. Schließlich treten die Essanfälle häufig dann auf, wenn die Betroffenen stark gestresst sind oder negative Gefühle wie Wut oder Traurigkeit empfinden.

Mia litt damals an starken Depressionen und Ängsten: "Ich hatte Probleme mit meiner Familie, bekam oft Panikattacken aus dem Nichts und fühlte mich in der Schule als Außenseiterin", sagt sie. Fiese Kommentare von Mitschülern zu ihrer Gewichtszunahme setzten sie ebenfalls unter Druck. Da die Schülerin sich nach einem Essanfall oft extrem unwohl in ihrem Körper fühlte, sagte sie oft Treffen mit Freunden ab und isolierte sich dadurch noch weiter.

Gute Heilungschancen

Die Folgen der BES sind nicht nur für die psychische Gesundheit schwerwiegend, auch der Körper leidet. Viele Betroffene sind übergewichtig bis hin zu fettleibig. Das Risiko für Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauferkrankungen steigt damit ebenso. "Es gibt Daten, die dafür sprechen, dass ein Mensch mit BES stärker von diesen Folgeerkrankungen betroffen ist als jemand mit vergleichbarem Gewicht ohne diese Essstörung", warnt Hilbert. 

Umso wichtiger ist es für die Betroffenen, sich frühzeitig helfen zu lassen. Hilbert hat in einer Metaanalyse verschiedene Studien zur BES untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass die Verhaltenstherapie die am besten wissenschaftlich belegte Therapie zur Behandlung der Essstörung ist. "Das ist eine übungsorientierte Therapieform, die versucht, genau an den Problemen anzusetzen, mit denen die Patienten kommen", erklärt Hilbert. In der Therapie lernen die Betroffenen, ihr Essverhalten zu analysieren und anschließend zu normalisieren. "Das heißt, regelmäßig essen, Zwischenmahlzeiten einplanen und für sich herausfinden, welche Mahlzeiten am besten helfen, sich vor Essanfällen zu schützen", sagt Hilbert. Die Betroffenen lernen in der Verhaltenstherapie, auf negative Stimmungen und Stress anders als mit Essen zu reagieren. Anstatt also zum Kühlschrank zu gehen, ruft man beispielsweise seine beste Freundin an oder macht einen Spaziergang. Ganz am Anfang hilft es auch, das "Binge Food" - also die Lebensmittel, die häufig während der Essanfälle verzehrt werden - nicht zu Hause zu haben. Weitere Therapiebausteine zielen unter anderem auf Selbst- und Körperakzeptanz ab.

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Essattacken stoppen: Ein Selbsthilfeprogramm gegen Binge Eating
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Die Prognose ist im Vergleich zu anderen Essstörungen sehr gut. "50 Prozent der Patienten sind langfristig symptomfrei", sagt Hilbert. Das Essverhalten der restlichen 50 Prozent würde sich immerhin verbessern. Da die Wartezeit auf einen Therapieplatz sehr lang sein kann, empfiehlt die Psychologin den Betroffenen währenddessen die Arbeit mit Selbsthilfebüchern zum Thema. "Man kann so schon einmal einen Überblick über die Störung gewinnen und versuchen, mit dem Essverhalten anders umzugehen. Das hilft recht gut", erklärt sie. Ein geeignetes Buch ist laut der Psychologin "Essattacken stoppen: Ein Selbsthilfeprogramm gegen Binge Eating" von Christopher Fairburn.

Mia hat es geschafft. Mit 17 Jahren begann sie eine ambulante Verhaltenstherapie an einer Tagesklinik für Essstörungen. So schaffte sie es, die Häufigkeit ihrer Essanfälle innerhalb eines Jahres deutlich zu verringern. "So richtig frei von Essanfällen bin ich aber erst seit drei Jahren", sagt sie und fügt hinzu: "In der Therapie wurde mir klar, dass ich alle meine Probleme versucht habe mit Essen zu lösen. Es ging also nie um das Essen an sich, sondern um meine Psyche."

*Name geändert

Quelle: n-tv.de

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