Leben

Ode an den Paravent Wie das Homeoffice erträglicher wird

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Man kann nicht raus-, aber auch nicht reingucken!

(Foto: imago/Prod.DB)

Alle sitzen zu Hause und arbeiten - Homeoffice heißt das Zauberwort der Stunde. Das Büro, die Schule, die Uni, die Kantine, alles findet zu Hause statt. Sie wollen oder können aber nicht umziehen? Nun, dann versuchen Sie es doch mal mit einem Paravent. Unsere Autorin hätte da ein paar Ideen.

Homeoffice, so belegt es eine jüngst veröffentlichte Studie der Zeiterfassungs-Firma "RescueTime", führt bei vielen Teams dazu, produktiver zu sein als zuvor. Zugegeben, die Firma hat die Daten vor der Krise erhoben und bestimmt auch nicht berücksichtigt, dass viele nicht nur von Zuhause arbeiten, sondern auch Kinder beschulen und Restaurants ersetzen. Doch eines ist ganz sicher: Arbeiten daheim heißt jetzt - nicht nur in schicken Agenturen und Redaktionen oder Kanzleien - Homeoffice, und es erlebt gerade einen Image-Wandel. Viele Chefs sind begeistert, wie gut ihre Teams ihre Jobs erledigen. Sollte sich dieser Trend durchsetzen, werden immer mehr Firmen womöglich ihre Mitarbeiter ermuntern, von Zuhause aus zu arbeiten. Die Unternehmen sparen damit riesige Summen an Raumkosten und gewähren ihren Angestellten die Freiheit, die viele schon längst einfordern. Zudem profitiert auch noch die Umwelt davon. Es gibt also einige Gründe, die für ein Beibehalten des Homeoffice auch nach Corona sprechen.

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Platz ist da, nur keine Privatsphäre für mehrere Leute.

(Foto: imago/Westend61)

Doch nur die wenigsten sind für den Fulltime-Job in ihren vier Wänden eingerichtet, und schon gar nicht dafür, dass auch noch die Kinder dort lernen. Da gibt es zwar irgendwo meist einen kleinen Schreibtisch, auf dem die privaten Rechnungen landen, meist in einer Schlafzimmerecke oder im Gästezimmer, das zeitweilig auch zum Bügelzimmer umfunktioniert wird. Über ein ganzes Arbeitszimmer verfügen jedoch nur wenige.

Da kann die Aufräum-Königin Marie Kondo einem lange erklären, dass ihre Kinder den Zweck geschlossener Türen längst erkannt hätten und auch einmal ein wenig dahinter verweilen würden. Das lässt sich aus einer Villa in Los Angeles heraus leicht verkünden - die meisten Eltern haben häufig gar keine andere Chance, als den Nachwuchs beispielsweise mit im Wohnzimmer zu platzieren oder im offenen Wohn-Küchen-Bereich zu bespaßen. Zudem sind viele moderne Wohnungen so geschnitten, dass sie lieber mehrere Lebensbereiche in einem Raum vereinen, statt einzelne kleine Zimmer abzutrennen.

Flexibel, klein, leicht zu handhaben

Sollte man sich da nicht mal Gedanken machen über eine schnelle, günstige Art, einen abgeschotteten Platz zu erschaffen? Ob für sich selbst, um nach Feierabend den ganzen Bürokram nicht mehr sehen zu müssen? Als Sichtschutz gar, für die unzähligen Video-Konferenzen, die momentan anstehen? Denn nicht alle von uns möchten den lieben Kollegen sämtliche intime Details der eigenen Wohnung präsentieren. Ein kleiner, flexibler, abgetrennter Platz könnte auch der richtige Ort für das digitale Klassenzimmer sein.

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Hat auf jeden Fall etwas Geheimnisvolles.

(Foto: imago/Leemage)

Sebastian Zenker, Interior-Designer aus München und Preisträger des German Design Award 2020, ist der Meinung, dass ein Paravent hier das richtige Mittel zum Zweck sein könnte. "Es ist ein flexibles Element, immer ein wenig geheimnisvoll, und es erinnert auch an den 'Bohème Style' der 20er-Jahre."

Paravents gibt es in allen Preislagen, mit Stoffen versehen oder mit Spiegeln verkleidet. So können textilbespannte Paravents sogar Schall schlucken. "Sollte man sich diesen Effekt wünschen", rät Zenker, "sollte man darauf achten, dass er auch eine dünne Schaumstoffschicht enthält." Mit Spiegeln versehene Paravents dagegen hätten den Vorteil, kleine Wohnungen optisch zu vergrößern und den jeweiligen Stil der Einrichtung nicht zu durchbrechen, sondern durch ungewöhnliche Winkel neue Perspektiven zu geben.

Barockes Social Distancing

Einst kamen die Paravents aus China. Sie waren ursprünglich ein Windschutz ("para-vent" - gegen den Wind), wurden und werden aber in Asien viel in Wohnräumen eingesetzt. Ihren Siegeszug in Europa erlebten sie in den Königshäusern. Adlige zogen sich hinter ihnen um oder gingen gar auf die Toilette - das alles, während Gäste im Raum waren. Social Distancing per Paravent, wenn man so will. Die damaligen Paravents waren oft mit edlen Stoffen bespannt, reich bestickt oder schön bemalt. Damals wie heute ging es also um ein Stück Privatsphäre.

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Die günstigste Variante: zwei Nägel, ein Seil, ein Laken.

(Foto: imago images/Prod.DB)

Heute kann man Paravents in ganz modernen Versionen in Großraumbüros oder Co-Working-Spaces erleben. Dort sind sie meist sehr schlicht, werden profan Raumteiler genannt, aber haben häufig ebenfalls einen dämpfenden Effekt. Da sie meist aber nicht klappbar sind, sondern mit festen Füßen versehen, sind sie weniger flexibel.

"Paravents lassen sich dagegen auch einmal in einem Bogen aufstellen und jeden Tag an anderer Stelle einsetzen", sagt Zenker. Da kann eine ganze Küchenzeile hinter verschwinden und der Abwasch wird eben erst am nächsten Tag gemacht. Oder er lehnt, klein und zusammengefaltet, an der Wand und wartet auf neue Aufgaben. Vorsicht nur bei schweren Varianten - erst recht, wenn Kleinkinder im Haus sind.

Natürlich kann man Räume auch auf andere Arten aufteilen. "Man könnte auch an der Decke eine Vorhangschiene installieren und einen schweren Vorhang als Raumteiler nutzen, der später einfach wieder aufgezogen wird", schlägt Zenker vor.

Oder man nutzt extra dafür entworfene Möbelstücke wie Regale, die aus einem Zimmer zwei machen. Manchmal reicht aber auch schon ein mitten in den Raum gestelltes Sofa mit einer hohen Lehne, das das Wohnzimmer in zwei Abschnitte aufteilt. Oder eine Wand wird ab einer bestimmten Stelle im Raum farbig gestrichen und trennt so optisch ab. Möglich ist auch ein Podest, das den Raum durch die andere Bodenhöhe trennt.

Wer es lieber radikal mag, kann natürlich auch eine Rigips-Wand einziehen. Diese sorgt allerdings nicht unbedingt für mehr Privatsphäre, denn meist ist sie nicht gedämmt. Und in diesem Fall stellt sich auch immer die Frage, wie dieser neu entstandene Raum beleuchtet und belüftet wird, falls er nicht ein Fenster hat.

Der Paravent ist flexibler: Nach der Krise wieder wegfaltbar oder für ganz andere Zwecke nutzbar. Zum Beispiel, um sich nach Arbeitsende subtil, aber laut raschelnd seiner Kleidungsstücke zu entledigen. Und eben diese über den Paravent zu drapieren. Beim Entkleiden ungesehen, versteht sich. Aber hoffentlich aufmerksam beobachtet und richtig interpretiert von dem- oder derjenigen, der den Paravent im Blickfeld hat.

Quelle: ntv.de