Leben

Alternative Familien Wie werde ich ein Regenbogenvater?

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Viele homosexuelle Männer möchten gern auch Vater sein.

(Foto: imago/Westend61)

Immer mehr homosexuelle Paare wünschen sich Kinder - doch der Weg zur Elternschaft ist für sie mitunter kompliziert. Ein neuer Ratgeber für schwule Männer mit Kinderwunsch sammelt Erfahrungsberichte und klärt die wichtigsten Fragen.

"Die Menschen, mit denen man abends am Tisch sitzt und über den Tag redet" - diese Definition von Familie gefällt Autor und Journalist Sören Kittel besonders gut. Es ist ein Gedanke, der aus dem Buch stammt, das er gemeinsam mit Alexander Schug, Uli Heissig und Gianni Bettucci geschrieben hat: "Das Regenbogenväterbuch - Ratgeber für schwule Papas (und alle, die es werden wollen)" - so heißt der Titel, der mit der Unterstützung einer Crowdfunding-Kampagne und des Berliner Bezirks Pankow erscheinen konnte.

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Der Ratgeber richtet sich an homosexuelle Männer mit Kinderwunsch und bündelt nicht nur rechtliches und praktisches Wissen, sondern auch Erfahrungsberichte von Vaterschaft in den unterschiedlichsten Konstellationen: Ein schwules Pflegeelternpaar kommt ebenso zu Wort wie zwei Männer, die den Weg der Eizellspende und Leihmutter gegangen sind. Auch das Modell der Mehrelternschaft (wenn sich beispielsweise ein lesbisches und ein schwules Paar zusammentun, um ihren Kinderwunsch zu realisieren) bekommt Raum. Dabei zeigt sich: Regenbogenfamilien klingen erst einmal schön bunt, aber in der Realität kann diese Form der Elternschaft auch ganz schön kompliziert sein - umso erstaunlicher, dass es bislang keinen umfassenden Ratgeber zu diesem Thema gab.

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung gibt es etwa 9500 Regenbogenfamilien in Deutschland und rund 14.000 Kinder, die in solchen Familien leben. In Deutschland ist gleichgeschlechtliche Elternschaft seit dem 1. Oktober 2017 rechtlich möglich - allerdings ausschließlich auf dem Weg der Adoption. Zuvor war lediglich die Stiefkindadoption erlaubt, dass also ein Partner das leibliche Kind des anderen adoptiert. In anderen Ländern ist Elternschaft in einer lesbischen Regenbogenfamilie auch ohne Adoption zugelassen - dort wird die Ehefrau oder eingetragene Partnerin der biologischen Mutter des Kindes automatisch rechtlicher Elternteil oder kann, ähnlich wie unverheiratete Väter in heterosexuellen Partnerschaften in Deutschland, das Kind rechtlich anerkennen.

Der lange Weg zur Vaterschaft

Kittel ist heute selbst Vater einer fünfjährigen Tochter, die er regelmäßig sieht. Das Thema Vaterschaft treibt ihn seit nahezu 20 Jahren um. Kurz nachdem er Anfang der Nullerjahre in die Hauptstadt zog, traf er auf einer Party während der Berlinale einen Niederländer, der Regenbogenvater war und ihm seine Gefühle und auch die Tücken dieser Vaterschaft schilderte. "Er sagte, sein Sohn sei das Beste, was ihm jemals passiert sei, aber eben auch, dass es gar nicht so einfach sei, weil die Mütter gleich nach der Geburt an die niederländische Küste gezogen waren und er mit seinen Vatergefühlen in Amsterdam zurückblieb", erinnert sich Kittel.

Damals hatte er sich selbst erst vor Kurzem bei seinen Eltern als schwul geoutet. Als homosexueller Mann einen Kinderwunsch offen zu artikulieren, dauerte viele weitere Jahre. Kittels Kinderwunsch wurde in dieser Zeit immer präsenter, auch, weil er eine große Familie hat: Sein Großvater hatte neun Geschwister. Kittels Vater hat 36 Cousins, mit denen er sich alle paar Jahre in einem Häuschen auf Usedom zur großen Familienzusammenkunft trifft. Seine vier Neffen und Nichten an Weihnachten mit glänzenden Augen Geschenke aufreißen zu sehen, tat ein Übriges. Der Wunsch nach eigenen Kindern, die Teil dieses großen Clans werden könnten, wurde immer stärker. Kittel begann, laut über eigene Kinder nachzudenken. "Als ich dann mit meiner Familie und engen Freunden darüber sprach, fühlte es sich für mich an wie ein zweites Coming-Out."

Rechtliche Absicherung ist enorm wichtig

Es dauert wieder eine Weile, bis er schließlich den Mut sammelte, in das Berliner "Regenbogenfamilienzentrum" zu gehen, das sich 2013 gründete und wo sich bis heute einmal im Monat Menschen treffen, die über eine Regenbogenfamilie nachdenken. Dort begegnete Kittel im Sommer 2014 auch den künftigen Müttern seiner Tochter. Einander gut kennenlernen, zusammen in den Urlaub fahren, die wichtigsten Punkte schriftlich fixieren. "Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass ich trotzdem blauäugig in die Sache hineingegangen bin, gerade in rechtlichen Fragen", sagt Kittel. Mit seinem Ratgeber möchte er deswegen auch andere Männer in einer ähnlichen Situation aufklären. "Es ist unglaublich wichtig, dass sich Väter rechtlich absichern, ehe sie sich in dieses Vorhaben stürzen. Oft hört man von lesbisch geführten Beratungsstellen die Aussage: Das findet sich, wenn das Kind da ist."

Genau das sei aber fatal: "In dem Moment, in dem man als Regenbogenvater beispielsweise das Sorgerecht abgibt, so wie ich es getan habe, hat man keinen Hebel in der Hand und kann nur freundlich anklopfen. In meinem Fall wurde das Verhältnis zu den beiden Müttern so schlecht, dass ich meine Tochter zeitweise gar nicht sehen konnte und die ursprüngliche Vereinbarung, die wir auch schriftlich fixiert hatten, nicht mehr der Rede wert war." Kittels Geschichte hat sich mittlerweile zum Guten gewendet, sein eigener Erfahrungsbericht im Buch stammt aus einer Zeit, als er sich von den Müttern seiner Tochter abgelehnt fühlte und dies ihn sehr mitnahm. "Dazu stehe ich, es war wichtig, das aufzuschreiben", sagt er. Mittlerweile sind die beiden Frauen getrennt und in neuen Partnerschaften. Der Kontakt zu seiner Tochter ist seit einem Jahr wieder regelmäßig.

Rechtslage jenseits der Realität

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"Vaterschaft ist ein Prozess, und man muss sich bewusst machen, dass es ein Marathon ist und kein Sprint. Ich kenne viele Konstellationen von Regenbogeneltern, die sich aus einem Kinderwunsch heraus gefunden haben, darüber hinaus nicht viel gemeinsam haben und bis heute nicht wirklich gute Freunde sind", sagt Kittel. Das sei natürlich nicht ideal, lässt sich manchmal auch nicht vermeiden - aber bedeutet nicht, dass sie schlechte Eltern sind oder keine Familie sein können, so der Autor.

Der Traum von der bürgerlichen Familie sei zwar lange ausgeträumt, doch auf die Lebensform, die er gewählt hat - die schwul-lesbische Co-Elternschaft oder Queer-Familie - ist das deutsche Familienrecht nicht ausgerichtet. Mehr als zwei Elternteile sind hierzulande nicht vorgesehen. "Zwischen Regenbogenvätern und Familien im Patchwork gibt es viele Überschneidungen. Aber der klassische Konflikt zwischen Vater und Co-Mutter ist einer, den es so nur in dieser Konstellation gibt. Diesen darf man nicht unterschätzen. Vielen Frauen fällt es schwerer, als sie erwartet haben, nicht biologisch mit dem Kind verbunden zu sein und trotzdem alle Pflichten einer leiblichen Elternschaft zu haben. Manche Eltern sehen einander dann als Konkurrenten um die Positionen des zweiten Sorgerechts. Daraus entstehen oft Probleme", sagt Kittel. Auch wenn sich sein Ratgeber in erster Linie an Regenbogenväter und solche, die es werden wollen, richtet, ist die Lektüre auch für andere Leser spannend - weil sie den Blick für Familienmodelle weitet und viele spannende Einblicke in das Leben von Regenbogenfamilien liefert.

Quelle: ntv.de