Leben

Mit Nansen durch die Arktis "Wir stecken hier 'In Nacht und Eis'"

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Rund um den Nordpol herrscht gerade Polarnacht.

(Foto: Alfred-Wegener-Institut/Lukas Piotrowski)

Umschlossen von Meereis driftet der deutsche Forschungseisbrecher "Polarstern" Richtung Nordpol. Ziel ist die Erkundung des Klimasystems in der Zentralarktis. Der Kameramann Lars Barthel dokumentiert derzeit im Auftrag der Ufa Show & Factual die Arbeit der Wissenschaftler und erlebt dabei sein eigenes Arktisabenteuer.

ntv.de: Wo sind Sie gerade genau mit der "Polarstern"?

Lars Barthel: Die genaue Position heute lautet: Breitengrad: 87 Grad 24.020 Minuten N, Längengrad: 95 Grad 44.772 Minuten E. Unser Schiff ist ja auf einer Eisscholle eingefroren und diese driftet. Das ist die Idee hinter der "Mosaic"-Expedition: ein Jahr mit einer Eisscholle mitdriften. Ob diese Eisscholle ein Jahr existiert, ist offen, aber alle Ereignisse sind Teil der Expedition und der Forschung.

Wie schnell sind das Schiff und die Eisscholle unterwegs?

In diesem Augenblick driftet unsere Scholle mit einer Geschwindigkeit von 0,4 Knoten, was ganz schön schnell ist. Das macht der Wind, der heute ordentlich mit 12,5 m/s bläst. Das drückt die Temperatur von minus 23,4 Grad auf minus 40 Grad. Diese Windchill-Temperatur ist für uns draußen auf dem Eis entscheidend. 40 Grad minus im Wind ist sehr, sehr kalt. Heute treiben wir eher südlich, weg vom Pol.

Wie, Sie verpassen den Nordpol?

Wohin es langfristig hingeht, weiß keiner, aber nach allen Berechnungen bewegen wir uns bald weiter Richtung Nordpol und südlich an ihm vorbei. Eben zeigt unser Entfernungsmesser eine Distanz von 148,90 Nautischen Meilen zum Nordpol. Dieses wunderbare Zahlenwerk einer treibenden Eisscholle verfolgen wir hier auf unseren Bildschirmen, die überall hängen. Wenn der Wind sich dreht und es so weiterginge, wären wir theoretisch in 14 Tagen und 7 Stunden am Pol. Aber das ist heute. Morgen ist es wieder anders. Vermutlich ist der Nordpol auch nur so ein Stück dunkles kaltes Eis, wie es uns hier gerade umgibt. Also mir ist das egal, so wie dem Rest der Leute hier.

Wissen immer alle an Bord die aktuelle Position?

Jeden Abend bei der allgemeinen Lagebesprechung um 18 Uhr analysiert unser Fahrleiter Christian Haas die Lage und unsere Wetterfee Julia Wenzel vom Deutschen Wetterdienst gibt einen kurzen Wetterausblick. Wir erwarten weiterhin stabile Verhältnisse, auch weil der große Stratosphärenwirbel, der über der Polarregion kreist, stabil ist. Aber unser Ehrgeiz, den Nordpol zu erreichen, ist nicht besonders groß. Christian Haas meinte neulich in einer Lagebesprechung, er fände es gut, wenn unsere Scholle so weit kommt wie die "Fram", das legendäre Schiff von Fridtjof Nansen. Schließlich ist ja Nansen der eigentliche geistige Vater der "Mosaic" -Expedition. Wir haben dieses Ziel inzwischen erreicht.

Wie verbunden fühlen Sie sich denn den Polarforschern der Vergangenheit?

Wir stecken hier "In Nacht und Eis" und genau so heißt die deutsche Ausgabe von Nansens großartigem Buch über seine Expedition vor 127 Jahren. Seinetwegen bin ich eigentlich hier. Mein Großvater stand mit ihm im Briefverkehr. Ich weiß nicht, woher sie sich kannten oder ob es nur den einen Brief von Nansen gab, den meine Großmutter an Feiertagen hervorholte. Jedenfalls hing auf dem Dachboden meiner Oma ein großes Nansen-Bild in einem dunklen Rahmen. Sie hatte es nach dem Tod meines Großvaters dort hingebracht. Nansen hat mich sehr beeindruckt, wenn ich allein auf dem Dachboden spielte. Wegen Nansen und Karl May habe ich vielleicht diese Lust auf Abenteuer und unbekannte Welten. Ich habe mir dann die alte, dicke, dreibändige Leipziger Brockhaus-Ausgabe "In Nacht und Eis" besorgt und lese sie hier.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man in diesem Buch liest und genau das erlebt?

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Lars Barthel arbeitet seit über 40 Jahren als Kameramann und wurde für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet.

(Foto: Lukas Piotrowski)

Nansen schreibt wunderbar über seine Expedition in diese Eiswelt. Seine Sprache hat Poesie und Genauigkeit. Er schreibt über seine Empfindungen mit großer innerer Ergriffenheit. Man spürt die Einsamkeit dieses jungen Forschers, der auch bangt, ob seine Vorstellungen Wirklichkeit werden. Nansen schreibt auf Deutsch, in einem schönen, schweifenden Sprachklang. Er muss sehr klug und in gewisser Weise vollkommen gewesen sein. Nicht umsonst ist er ja später ein beliebter Politiker geworden. Nansen hat auf der "Fram" eingefroren im Eis gemeinsam mit seiner Mannschaft zwei Weihnachten verbracht.

Was muss man in dieser Kälte anziehen?

Bei Temperaturen zwischen minus 25 bis minus 35 Grad treibt der Wind das Kälteempfinden noch einmal um locker 10 Grad nach unten. Wenn man da mit einer für deutsche Winterverhältnisse vernünftigen Kleidung rausginge, würde man vielleicht 20 Minuten durchhalten. Also haben wir einen ultradicken roten Spezialanzug, der auch noch schwimmfähig ist, falls einer mal in einen frischen Riss fällt. Zurzeit ist das Eis aber recht ruhig, wir haben um uns herum keine offenen Risse. Trotzdem trägt jeder zwei kleine Eispickel um den Hals, um sich zur Not selber rausziehen zu können. Das wäre kein Vergnügen. Unter dem Anzug trage ich allerhand dickes Zeug, riesige Stiefel und viel Vermummungen um den Kopf, so dass nur noch die Augen rausschauen. In den Handschuhen stecken Wärmepads.

Kann man denn so arbeiten?

Die Klamotten sind beim Drehen nervig. Schon um sie anzuziehen, braucht man eine halbe Stunde und darf nichts vergessen. Zu Nansens Zeit trugen die Polarfahrer ja Fellkleidung und die muss sehr warm gehalten haben. Schade, das würde ich gern mal ausprobieren. Unsere Kleidung hält auch recht warm. Es kommt darauf an, was man macht, ob man sich bewegt oder wie ich beim Drehen doch längere Zeit auf einer Stelle verbringt. Dann kriecht die Kälte in die Hände. Beim Drehen sind ja die Hände meist oben und das Blut läuft dann nicht so gut nach. Wenn die Finger kalt werden, gibt es eine Grenze, wo man sie einfach nicht mehr warm bekommt. Es hat gar keinen Sinn, tapfer zu sein, die Kälte ist stärker. Man muss Respekt vor ihr haben. Die Kälte ist die Königin der Arktis. Mir hat sie ein paar "Frostbites" ins Gesicht geschlagen.

Sie haben Erfrierungen?

Ja, wer nicht aufpasst oder die Kälte herausfordert, der bezahlt das bitter. Das erste Stadium ist, dass sich die Haut weiß verfärbt, aber wer soll das in der Dunkelheit sehen. Dann hört der Schmerz auf. Und kurze Zeit später ist es zu spät. Unser Doc hat mir Salbe gegeben und ich blieb zwei Tage auf dem Schiff.

Wie lange kann man sich denn draußen aufhalten?

Die Wissenschaftler gehen mitunter zweimal am Tag raus. Dann auch so drei bis vier Stunden, wobei nicht alle im Eis forschen. Es gibt auch Zelte, in denen sie ihre Geräte haben und in denen sind dann auch mal angenehme minus 5 Grad. Unsere Bärenwächter sind auch so circa drei Stunden draußen. Gut eingepackt lässt es sich aushalten.

Wie funktionieren die Dreharbeiten?

Drehen ist natürlich eine verrückte Herausforderung. Ich drehe draußen wie sonst auch, aus der Hand und habe mir die Kamera so gebaut, dass sie zu mir gehört. Kamera und Körper gehören für mich zusammen, was mit den Klamotten sehr ungewohnt ist. Ich drehe auch vom Kran, um ruhige Einstellungen und elegante Bewegungen zu bekommen. Wir sind nur zu zweit, Nina Wesemann ist meine Mitstreiterin. Sie macht den Ton und führt oft die Gespräche mit den Wissenschaftlern. Am Anfang war es echt anstrengend, überfordernd, aber jetzt läuft's.

Aber es ist doch vollkommen dunkel in der Polarnacht?

Ja, aber das Schiff leuchtet mit seinen beiden mächtigen Scheinwerfern aufs Eis und wir können die Brücke bitten, dass sie einen Scheinwerfer in unsere Drehgegend richten. Das gibt dann ein schönes Grundlicht. Wenn dann der Mond noch strahlt, zeichnet die Eislandschaft. Alle haben ja ihre Kopflichter an und dieses oft grelle Licht flackert über die Szenerie und verwandelt die planetare Situation gänzlich in eine Mission von Argonauten, die einen unbekannten Stern erkunden. Es ist visuell eine wirklich dramatische Grundsituation. Inmitten von Nacht und Eis leuchtet die "Polarstern". Wer sich zu Fuß oder mit einer Karawane von Schlitten in die Dunkelheit entfernt, dreht sich oft zu ihr um, sieht sie leuchten und in diesem Augenblick verspricht dieser Blick, zu überleben. Solange sie strahlt, haben die Argonauten das Versprechen einer menschlichen Heimat. Kaffee und Kuchen, Hammelfleisch mit grünen Bohnen, Wärme und Betten, Labore und die Kneipe "Zillertal", all die großartigen Dinge der menschlichen Zivilisation. Umgeben von grauenvoller dunkler Einsamkeit.

Wie kommen Sie mit der ständigen Dunkelheit zurecht?

Im Oktober begann die lange Nacht der Arktis. Tage und Nächte fließen ineinander. Die aktuelle Zeit bestimmen Uhren und regelmäßige Mahlzeiten. Mir scheint, als erzeuge die Dunkelheit eine untergründige Spannung, die nicht abreißt. Im Schiff ist immer und überall Licht. Lüfter und Heizungen erzeugen einen gleichmäßigen Strom an Geräuschen. Alle Türen sind offen. Nur die Kammern schließen sich nachts hinter den Schlafenden. Ich habe meine Hängematte mitgenommen und mich ganz nach unten, ins Innere des Schiffes verzogen. Ich laufe dann nachts durchs Schiff, zu meiner Hängematte und sehe, wie es lebt, das Schiff.

Sie haben schon an vielen Orten auf der Welt gedreht, was ist an der Arktis anders?

Wenn ich bei Nansen lese, wie er die Arktis beschreibt, so ist das eine merkwürdige Mischung aus fast poetischer Ergriffenheit vom Eis in all seinen Formen, Rissen, Auftürmungen, Pressungen und Bewegungen. Diese kalte Unendlichkeit ist immer im Wandel. Und dann seine fast verzweifelte Einsamkeit und Sehnsucht nach seiner Frau und seiner kleinen Tochter, nach Licht und Sommer, Blumen. Ich frage mich immer noch, wie diese furchtbare Kälte im Bild übertragbar ist. Wir drehen eingefrorene Augen, an den Wimpern hängen dicke Eisklumpen. Natürlich sieht man Eis und Sturm, aber Kälte lässt sich nicht so leicht filmen. Also suche ich noch.

Mit Lars Barthel sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de