Wohnen

Enge, Konflikte, Reduzierung Das Tiny House ist nicht nur Freiheit auf Rädern

IMG_1198.JPG

Marco lebt mit seiner Frau Kaya und zwei Hunden in einem Tiny House.

(Foto: Marco Schomas (privat))

Mit dem Eigenheim auf dem Hänger Unabhängigkeit genießen, das erhoffen sich Tiny-House-Besitzer. Doch wie ist es wirklich? Auch sie sehen der Lebenswirklichkeit ins Auge.

Gott sei Dank, dass Marco Rechtshänder ist. Wäre es anders herum, könnte er nur schwer seine Computermaus bedienen. Denn sein Arbeitsplatz ist ein Podest auf dem Boden. Dort sitzt der Informatiker mit seinem Laptop auf dem Schoß, rechts neben ihm führt die Treppe hinauf zum Schlafbereich, die Stufen dienen ihm für Hand und Maus.

Seit eineinhalb Jahren leben Marco, seine Frau Kaya und zwei Hunde in ihrem Tiny House. Das heißt 18 Quadratmeter Wohnfläche inklusive Bad, Küche und Wohnzimmer. Geschlafen wird im "Loft" - so nennen Tiny-House-Besitzer die Extraebene, 192 Zentimeter über dem Boden, die zusätzlich fünf Quadratmeter Wohnfläche schafft, nur dass man darauf eben nicht stehen kann. "Sechs Quadratmeter bleiben einem im Wohnbereich zum Laufen", rechnet Marco vor, doch der 35-Jährige und seine Frau haben kein Problem damit, dass sie in ihrem Haus nur wenige Schritte gehen können.

Ohne Wasser und Strom kein Tiny Home

Tiny Houses, diese winzigen Eigenheime, versprechen kuschelige Zweisamkeit in Freiheit, fernab von Mieterhöhungen und nervigen Nachbarn, die zur Unzeit klingeln, um ihre Pakete abzuholen. Längst ist die Tiny-Home-Bewegung aus den USA auch zu uns herübergeschwappt.

In Deutschland gibt es inzwischen Hersteller, die komplette Tiny Homes anbieten. Auf deren Werbeflyern sieht man strahlende Hausbesitzer in schicken Minihäusern auf dem Ecksofa sitzen. Es soll bloß nicht der Eindruck entstehen, dass das Leben im Karton etwas mit Aussteigertum aus Armut zu tun hat. Und tatsächlich: Billig sind Tiny Homes nicht gerade. Ab 25.000 Euro sind die meist aus Holz gefertigten vier Wände zu haben, je nach Ausstattung ist die Grenze nach oben offen.

Doch egal, ob Danish Design oder Öko-Stube: In Deutschland darf der Traum vom Eigenheim maximal 4 Meter hoch und 2,55 Meter breit sein und muss auf einem Anhänger stehen. Und wer glaubt, er könne sich mit seinem Tiny House dort niederlassen, wo es ihm gefällt, irrt sich. In Deutschland dürfen die Hänger mit Hausladung nur auf Bau -oder Privatgrundstücken stehen und müssen über einen Wasser- und Stromanschluss verfügen – häusliche Infrastruktur, ohne die auch Tiny-Home-Bewohner nicht auskommen.

80 Prozent Ballast abwerfen

Wer nicht hart auf dem Boden der Tiny-Realität landen will, macht es am besten so wie Marco und seine Frau: Ihr Holz-Häuschen steht auf dem Hänger im Garten des Hauses einer Freundin in Niedersachsen. Mitten auf dem Land genießen die beiden die Natur, zusammen mit ihren drei Pferden.

IMG_5732_Fotor.jpeg

Max und seine Freundin Noreen ließen vor dem Umzug jede Menge Besitz los.

(Foto: Max Green (privat))

Bleibt das Platzproblem: Wohin mit all den Sachen, die man auch in einer noch so kleinen Wohnung angehäuft hat? Tiny-Home-Besitzern bleibt nichts anderes übrig, als sich in Minimalismus zu üben. Max und seine Freundin Noreen, Tiny House Besitzer in Brandenburg haben 80 Prozent Ballast ihres alten Lebens weggeschmissen, verkauft oder verschenkt. Die Entscheidung, eine Berliner 80-Quadratmeter-Wohnung gegen ein 28-Quadratmeter-Haus auf einem Hänger einzutauschen, fiel mit der Kellerprobe: "Wenn man die Sachen im Keller monatelang nicht anrührt, heißt das, dass man sie auch nicht braucht."

Für viele Menschen wäre das Leben auf engstem Raum eher Strafe statt Gewinn - nicht so für Marco und Kaya. "Nach dem ersten Winter haben wir zusammengesessen und festgestellt, dass es statt 6 Metern Hauslänge auch 4,5 Meter getan hätten". Nicht zu glauben, aber wahr: "In so kleinen Häusern ist man gezwungen, Konflikte zu lösen. Es macht die Beziehung deutlich schöner, wenn es keine dicke Luft gibt."

Trotzdem ist das Tiny-House-Abenteuer von Marco und Kaya bald vorbei. Die beiden haben eine kleine Tochter bekommen und werden in ein kleines Haus ohne Räder in Thüringen ziehen. Ihr Tiny House haben sie auf einer Kleinanzeigenseite inseriert und sind zuversichtlich, es bald zu verkaufen: 3000 Leute haben sich das gute Stück online schon angesehen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema